Christ ohne Kirche

Heinrich Böll wäre heute hundert Jahre alt geworden. Aus religionssoziologischer Sicht ist er einer der Protagonisten des „Gott: Ja! - Kirche: Nein!“-Lebensgefühls.

Viel wird in diesen Tagen über den Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll geschrieben. Weggefährten erinnern sich an Böll als politischen Menschen, als Mann der Einmischung. Wenn es einen Aspekt gibt, der dabei etwas unter den Tisch fällt, dann Bölls Glaube.

Böll war aus religionssoziologischer Sicht einer der Hauptvertreter des „Gott: Ja! - Kirche: Nein!“-Lebensgefühls einer Generation, die mit dem Einsatz für das christliche Menschenbild eher Umweltschutz und Abrüstung verband als Liturgie und Sakrament.

In dem vom Erzkirchenkritiker Karlheinz Deschner herausgegebenen Buch „Was halten Sie vom Christentum?“ (1957) plädiert der 1976 aus der Kirche ausgetretene Böll dafür, eine „Welt ohne Christus“ als Schreckensbild zu betrachten.

„Ich überlasse es jedem Einzelnen“, so Böll, „sich den Albtraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder eine Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: Den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube, dass Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern könnten, und ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“

Ein starkes Glaubenszeugnis eines kirchenkritischen Menschen. Sich die Welt ohne Christus vorzustellen, das ist eine Übung, die heute wieder nötig zu sein scheint. Nicht nur, aber gerade auch zu Weihnachten.

Josef Bordat