Und führe uns nicht in Versuchung

Der Mensch überschätzt sich gewaltig, wenn er meint, selbst Herr über die Versuchungen zu sein, in die er eintritt oder eben nicht.

Eine Vater unser-Bitte steht seit einiger Zeit in der theologischen Debatte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Kann es denn sein, so wird gefragt, dass Gott uns ganz gezielt in die Versuchung hineinmanövriert? Hineinsteuert? So ja bereits im lateinischen Text: „Et ne nos inducas in tentationem“. Induzieren – anstiften, auslösen, herbeiführen. Es geht also um nicht weniger als um die Frage, ob Gott das Scheitern des Menschen nicht nur zulässt, sondern ursächlich bewirkt. Metaphysisch ist das in den Fällen denknotwendig, in denen die konkrete Sünde nicht aus der aktuell wirksamen Willensfreiheit des Menschen, sondern aus seinen Naturanlagen, seinen Neigungen, seinen Veranlagungen resultiert. Diese sind, wenn sie sich negativ auswirken, Teil des „malum metaphysicums“, wie Leibniz sagen würde, also der prinzipiellen Unvollkommenheit des Menschen. Diese wiederum hat ihren Ursprung in der Abkehr des Menschen von Gott, welche den Menschen mit der Erbschuld belastet hat. Dass sich der Mensch aber überhaupt von Gott abwenden konnte, liegt wiederum an einem gottgewollten Schöpfungsprinzip: der Freiheit. Wenn wir also beten „Und führe uns nicht in Versuchung“, dann bitten wir Gott darum, dass unsere korrumpierten Naturanlage, die wir uns durch einen Missbrauch unser Freiheit eingehandelt haben, nicht über Vernunft und Willen triumphieren mögen. Das nachvollziehen zu können, ist eine theologische Frage, die eng mit dem Verständnis der Erbsündenlehre zusammenhängt – und mit dem Gottesbild. Was mir aber nicht ganz klar ist: Warum gerade jetzt diese Aufregung? Es gibt im spanischen Padre nuestro seit jeher die Formulierung „no nos dejes caer en la tentación“ (etwa: „lass uns nicht in Versuchung fallen“), was bereits viel passivischer ist als das aktivische „ne nos inducas in tentationem“ oder „führe uns nicht in Versuchung“. Die neue französische Formulierung im Notre Père lautet „ne nous laisse pas entrer en tentation“ (etwa: „lasse uns nicht eintreten in die Versuchung“). Sie verschiebt den aktiven Teil der Gesamthandlung zwar noch mehr zum Menschen hin („eintreten in die Versuchung“ ist eine aktive Handlung; „in Versuchung fallen“ hingegen Konsequenz einer Situation, die auch passiv erlebt werden kann), doch die Abweichung von der ursächlichen „Führung“ Gottes ist bereits im Spanischen eindeutig gegeben. Vielleicht ist das ja der Grund für die momentane Aufregung: Der Mensch überschätzt sich gewaltig, wenn er meint, selbst Herr über die Versuchungen zu sein, in die er eintritt oder eben nicht. Das verharmlost Süchte, Zwänge, Begierden usw., die so viel Unheil stiften. Um damit klar zu kommen, braucht der Mensch Gott so sehr, dass es sinnvoll ist, wenn er sich ganz der göttlichen Führung überlässt. Und dann bittet: „führe uns nicht in Versuchung“.

Josef Bordat