Beichtgeheimnis lockern?

Die Lockerung des Beichtgeheimnisses als Mittel gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern? Kindeswohl gehe vor Religionsfreiheit, so lautet die gängige Rezeption dieses Vorschlags außerhalb der Kirche. Das jedoch geht an der Sache vorbei.

Beichtstuhl
Die Lockerung des Beichtgeheimnisses als Mittel gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern? Foto: Symbolbild: dpa

Nach dem erschreckenden Bericht der australischen Missbrauchskommission (vgl. hierzu die Zahlen) stellt sich die Frage der Prävention von sexuellem Missbrauch. Ein Element, das in Australien diskutiert wird, ist die Lockerung des Beichtgeheimnisses. Ist das eine gute Idee?


Nein, denn es nützt keinem Kind, wenn Menschen ihre Religionsfreiheit nicht mehr ausüben dürfen. Genau das steht aber bei einer entsprechenden Regelung unter dem Strich: Die Beichte wird nicht mehr von denjenigen abgelegt, die fürchten müssen, das gebeichtete Fehlverhalten werde öffentlich. Ganz gleich, ob man es auf die Straftat des sexuellen Missbrauchs beschränkt oder andere Kapitalverbrechen ebenfalls meldepflichtig macht.


Im übrigen wird hierzulande (also: in Deutschland) das generelle Fehlen einer Anzeigepflicht bei Kenntnis von sexuellem Missbrauch gerade mit dem Kindeswohl begründet: Es diene dem Opferschutz, wenn sich Angehörige, die sich gegen die Erstattung einer Anzeige entscheiden, nicht strafbar machen. Hintergrund ist hier, dass 70 Prozent der Missbrauchsfälle im familiären Umfeld vorkommen. Wohlgemerkt: Im australischen Kommissionsbericht ging es ausschließlich um Institutionen. Und auch unter diesen ist die katholische Kirche nur eine. Wenn sie auch mit rund 30 Prozent einen hohen Anteil an den Untaten in öffentlichen Einrichtungen hat.


Wer das Beichtgeheimnis lockern will, muss zudem wissen, was es eigentlich beinhaltet. Die Beichte ist ein Sakrament. Der sakramentale Raum, den die Beichte aufspannt, ist der Welt insoweit entzogen, als in ihm andere Regeln gelten: Vergebung (und nicht Strafe) als Folge des reuevollen Bekenntnisses von Schuld, Wiedergutmachung als Vorsatz, nicht als Voraussetzung von Versöhnung.


In der Beichte geht diese von Gott aus, nicht vom Menschen. Das ist Kern des Glaubens derer, die zur Beichte gehen. Die Freiheit, diesen Glauben uneingeschränkt auszuüben, muss erhalten bleiben. Dazu gehört, dass kein Mensch das Recht hat, das, was im Rahmen der Beichte zwischen Gott und Mensch geschieht, Dritten weiterzutragen.


Selbstverständlich muss die Kirche – wie andere Institutionen auch – die Prävention stärken. Und tut dies auch. Das geht aber nicht über das Sakrament der Beichte. Mit der Lockerung des Beichtgeheimnisses wäre Niemandem gedient, aber vielen geschadet.


Josef Bordat