Unwertes Leben

Über eine Ausstellung in der Berliner Charité und die fortschreitende Renaissance von Euthanasie-Phantasien.

Gefährdet: Kind im Mutterleib.
Gefährdet: Kind im Mutterleib. Foto: Prosieben (ProSieben)

In der heutigen Ausgabe der „Tagespost“ finden Sie einen ausführlichen Bericht über eine Ausstellung in der Berliner Charité, die zeigt, wie sich Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur am zynisch „Euthanasie“ genannten Programm zur Vernichtung von chronisch kranken und behinderten Menschen beteiligten (der so genannten „Aktion T4“, benannt nach dem Sitz der Zentrale für die Leitung des Programms in der Berliner Tiergartenstraße 4), sondern auch aus eigener Initiative für den Mord den Kranken und Behinderten eintrat.

Soweit die Geschichte. Kommen wir zur Gegenwart. Es scheint auf den ersten Blick so gar nicht weihnachtlich, was jetzt noch kurz angesprochen werden muss: die fortschreitende Renaissance von Euthanasie-Phantasien. Doch Gott ist ja Mensch geworden, um den unendlichen Wert des Menschen – jedes Menschen – hervorzuheben, also passt es wieder. Insoweit sollte auch klar sein, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, sei er auch über 80 Jahre alt. Oder mit dem Down-Syndrom geboren.

Die Argumentation heutiger Euthanasie-Befürworter deckt sich in frappierender Weise mit der Denkweise der Verantwortlichen jener „Aktion T4“: Allen Beteiligten Leid zu ersparen, den Betroffenen, den Angehörigen und – allein das wird heute bisher nur hinter vorgehaltener Hand gesagt – auch der „Solidargemeinschaft“. Auch die Nazis argumentierten nicht allein mit den Kosten für „unnütze Esser“, sondern auch mit dem vermeintlichen Recht des Leidenden auf ein Ende des Leids. Die Botschaft des NS-Propagandafilms „Ich klage an“ (1941) passt erschreckend gut zur aktuellen Debatte über Abtreibung von Föten mit „Down-Verdacht“, über Sterbehilfe und Euthanasie.

Auch die Opfer der ersten Phase sind dieselben: Kinder. Die „Königlich Niederländische Medizinische Gesellschaft“ (KNMG) rechtfertigt heute die Tötung „Neugeborener mit ernsthaften Missbildungen“. Auch den Nazis ging es zunächst um ihre Beseitigung: Noch vor dem Beginn der Tötung „lebensunwerten Lebens“ auf der Basis eines auf den 1. September 1939 zurückdatierten „Ermächtigungsschreibens“ Hitlers erließ Reichsinnenminister Frick am 18. August 1939 eine Meldepflicht für „missgebildete“ Neugeborene.

Also: „Kann man doch nicht vergleichen!“ – Doch, kann man. Sollte man vielleicht sogar.

Josef Bordat