„Handlungen der Liebe“

„Mary's Meal“: Der Katholik Magnus MacFarlane-Barrow setzt sich für die Bildung der Ärmsten ein. Von Maximilian Lutz

Nur 15,60 sind nötig, um ein Kind ein Schuljahr lang zu verköstigen. „Uns Europäern mag das wenig erscheinen, doch der B... Foto: Fotos: Mary's Meals/Tyrolia

Hätte man Magnus MacFarlane-Barrow in seiner Jugend erzählt, er würde einmal dafür sorgen, dass über eine Million Kinder, die in Armut leben, täglich eine warme Mahlzeit erhalten, er hätte wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Heute leitet der 49-Jährige „Mary's Meals“, eine Hilfsorganisation, die er vor nunmehr 25 Jahren – damals noch unter dem Namen „Scottish International Relief“ – selbst gründete. Seine Lebensaufgabe: den Hunger von Kindern in der Dritten Welt bekämpfen und ihnen so einen Weg zu Schulbildung und einem besseren Leben ermöglichen.

Magnus MacFarlane-Barrow ist ein freundlicher, zurückhaltender Mann. Aufgewachsen ist er in den schottischen Highlands, in dem kleinen Örtchen Dalmally. In einer Familie von praktizierenden Katholiken wurden ihm von früher Kindheit an christliche Werte vermittelt. Nach einem abgebrochenen Studium an der Universität im schottischen Stirling arbeitete er zunächst als Lachsfischer. Bis ihm und seinem Bruder eines Abends im Jahr 1992 in einem kleinen schottischen Pub eine Idee kam. „Bei einem Pint Bier redeten mein Bruder und ich über den schrecklichen Krieg in Bosnien. Und wir fragten uns, ob man die Betroffenen vor Ort nicht irgendwie unterstützen könnte“, erzählt er mit schwerem schottischem Akzent. Schließlich riefen sie in ihrem Umfeld zu Spenden von Hilfsgütern auf. Drei Wochen später mieteten sie einen LkW und lieferten die Spenden in ein bosnisches Flüchtlingslager. „Das war die erste Idee, die bei einem Bier entstand, die wir auch wirklich umsetzten“, ergänzt er mit einem schmunzelnden Blick über die Gläser seiner randlosen Brille hinweg.

Es sollte eigentlich nur eine kurze Unterbrechung im sonst so gewöhnlichen Alltag des jungen Mannes werden – doch als Fischer arbeitete MacFarlane-Barrow künftig nie mehr. „Gott hatte einen anderen Plan mit mir“, so der Schotte, der seinem Vornamen alle Ehre macht. Er ist groß, hat kurze, dunkelbraune Haare. Man kann sich bestens vorstellen, wie er geprägt vom rauen Klima in den schottischen Highlands heranwuchs. Als er aus Bosnien zurückkehrte, waren so viele den Spendenaufrufen nachgekommen, dass er beschloss, seine Arbeit aufzugeben und mit dem LkW regelmäßig quer durch Europa zu fahren, um die Bedürftigen im Kriegsgebiet mit Hilfslieferungen zu versorgen. Daraus entstand zunächst „Scottish International Relief“ – die Hilfsorganisation, die zehn Jahre später in „Mary's Meals“ umbenannt werden sollte. Nach Kriegsende folgten Einsätze in weiteren Ländern, wie etwa Rumänien, wo er ein Heim für HIV-infizierte Kinder errichtete. „Mit der Arbeit in Afrika haben wir dann während des Bürgerkriegs in Liberia angefangen“, so MacFarlane-Barrow. Den Anstoß für sein Engagement gegen den Hunger in den ärmsten Ländern der Welt lieferte ihm Edward, ein 14-jähriger Junge aus Malawi, wo im Jahr 2002 eine entsetzliche Hungersnot herrschte. Auf die Frage, welche Wünsche und Ziele er im Leben verfolge, antwortete Edward: „Ich möchte genug zu essen haben, und ich möchte eines Tages zur Schule gehen können.“ Schnell wurde MacFarlane-Barrow klar, dass Armut, Hunger und mangelnde Bildung eng miteinander verknüpft sind. Und dass nur eine warme Mahlzeit am Tag ausreichen kann, um gegen die Elendsspirale anzukämpfen. „Die Arbeit von Mary's Meals ist die Antwort auf Edwards Wunsch und auf das Leid all der Kinder“, meint MacFarlane-Barrow. Heute ist „Mary's Meals“ in vierzehn Ländern auf vier Kontinenten aktiv, darunter Liberia, Haiti, Indien und auch der Süd-Sudan. Das größte Projekt befindet sich weiterhin in Malawi. Über 650 000 Kinder erhalten dort tägliche eine Mahlzeit. Weltweit sind es schon 1,2 Millionen in 1 629 Schulen. Nur 15,60 Euro sind nötig, um ein Kind ein Schuljahr lang zu verköstigen. „Das mag uns Europäern vielleicht wenig erscheinen, doch dieser Betrag kann das Leben eines Kindes verändern.“ Die Hilfsorganisation finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Mindestens 93 Prozent der Gelder fließen in Projekte vor Ort, der Rest in die Unternehmensstruktur.

Damit „Mary's Meals“ so erfolgreich werden konnte, sind für MacFarlane-Barrow drei Dinge vonnöten. Zum einen müssen die Menschen vor Ort mit eingebunden werden. „Sie wissen am besten, wie man gewisse Dinge anpacken muss.“ Zudem ist es wichtig, dass für „Mary's Meals“ ausschließlich regionale Lebensmittel verwendet werden. „Damit unterstützen wir die lokale Landwirtschaft und sorgen dafür, dass die Kinder etwas essen, was ihnen auch schmeckt“, erzählt MacFarlane-Barrow. In Malawi ist das Likuni Phala, ein Brei aus Mais- und Sojamehl, Zucker und Vitaminen.

Der dritte Punkt ist der katholische Glaube. „Ich bin stets vom Glauben motiviert, er spielt eine ganz zentrale Rolle in meinem Leben“, sagt MacFarlane-Barrow. „Ich habe eine intensive Bindung zur Jungfrau Maria.“ Daher auch der Name „Mary's Meals“. Maria habe schließlich auch oft dafür kämpfen müssen, ihr eigenes Kind ernähren zu können. Bereits im Alter von 14 Jahren besuchte MacFarlane-Barrow mit seinen Geschwistern den bosnischen Ort Medjugorje, nachdem Jugendliche dort von Marienerscheinungen berichtet hatten. „Meine Erfahrung in Medjugorje veränderte mein Leben und erweckte meinen Glauben“, erzählt er.

Eine weitere Quelle der Kraft und der Unterstützung für den 49-Jährigen ist seine Ehefrau Julie. Die ausgebildete Krankenschwester begleitete ihn schon vor 25 Jahren auf den ersten LkW-Fahrten von Schottland nach Bosnien. Das Paar hat gemeinsam sieben Kinder. Seiner Frau widmete er auch „Eine Schale Getreide verändert die Welt“ – das Buch, das er über „Mary's Meals“ und seinen Einsatz für Menschen in Not geschrieben hat und in seiner Heimat gleich zum Bestseller wurde. Ohne Julie hätte es „nichts gegeben, über das man hätte schreiben können“, meint er selbst.

Für seine Arbeit wurde der Schotte mit mehreren Auszeichnungen geehrt. 2010 ernannte ihn der amerikanische Fernsehsender „CNN“ zum „CNN Hero des Jahres“. Das Time-Magazine reihte ihn 2015 unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres. Prominente wie der aus Schottland stammende Hollywood-Schauspieler Gerard Butler und der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown zählen zu seinen Unterstützern. Doch trotz seiner wachsenden Bekanntheit und des Erfolgs seiner Arbeit hat Magnus MacFarlane-Barrow noch immer das Wesentliche im Blick und sieht seine Organisation als „Graswurzel-Bewegung“. „Für mich ist Mary's Meals eine Reihe von Handlungen der Liebe. Niemand tut etwas Spektakuläres.“ Erst wenn man das Ganze betrachtet, entstehe etwas Einzigartiges. Etwas, das die Welt verändert.