„Fenster zum Himmel“

Heiligenreliquien haben im Leben von Björn H. Heß einen besonderen Stellenwert. Von Claudia Fuchs

Fotografisch festgehalten: Die Begegnung mit Johannes Paul II. als Schüler in Rom.

Unzählige in filigrane Klosterarbeiten gebettete Reliquien an mattroten Wänden, kostbar verzierte Reliquienbehälter in antiken Vitrinen, große und kleine Heiligenfiguren, eine Kniebank, überzogen mit dunkelrotem Samt, an der Wand die liebevoll gerahmten Stationen des Kreuzweges, ein Hausaltar, alles getaucht in das sanfte Licht mehrerer brennender Kerzen.

Die Anwesenheit des Heiligen wird gewissermaßen spürbar, wenn man dieses private Oratorium, den kleinen Gebetsraum, betritt. Alles ist Ausdruck einer tiefen Frömmigkeit. Doch wie kommt jemand dazu, in einer modernen Doppelhaushälfte im bayerisch-schwäbischen Bellenberg solche Schätze zu sammeln? Björn H. Heß lächelt. Nein, ein Sammler sei er nicht, sagt der 44-Jährige, schließlich handle es sich nicht um Spielzeugautos oder Figuren aus Überraschungseiern, und es gehe ihm auch nicht darum, eine bestimmte Anzahl zu erreichen. „Reliquien, das ist meine Passion!“, betont er, „meine persönliche Leidenschaft!“ Und er sieht sich auch nicht als Besitzer der religiösen Kostbarkeiten, sondern als deren „Verwalter“. Zumal die Reliquien nach seinem Lebensende einer geistlichen Gemeinschaft zugeführt werden sollen.

Gleichsam „Fenster zum Himmel“, das sind Heiligenreliquien für Björn H. Heß. Heilige haben jetzt bereits an der Anschauung Gottes teil, so lehrt es die katholische Kirche. „Ich sehe den Himmel offen“, soll der heilige Stephanus, der erste Märtyrer, bei seiner Steinigung gesagt haben.

Für den studierten Sozialpädagogen Heß haben Heilige durchaus auch heute einen Bezug zur Realität, „einen Sitz im Leben“, wie er sagt. Knochenreliquien des heiligen Antonius von Padua helfen beim Auffinden verlegter oder vermeintlich verlorener Gegenstände, bei Verletzungen am Auge empfehlen sich Gebete zur heiligen Odilia oder bei Flugangst vertraut er sich dem italienischen Heiligen Josef von Copertino an. Letzterem werde, so Heß, die Gabe der Levitation nachgesagt, sprich, er soll sich bis zu 15 Minuten lang fliegend in der Luft gehalten haben.

Durch ihre jeweilige Lebensgeschichte vermögen Heilige, so ist Björn H. Heß überzeugt, die Spiritualität eines Menschen zu fördern. Und so postet er ein Reliquienfoto des jeweiligen Tagesheiligen gerne auch mal auf Facebook.

Ist ihm die Verehrung der Heiligen in die Wiege gelegt? „Eigentlich nicht“, bekennt der gebürtige Hesse. Zwar sei er katholisch erzogen worden und über 25 Jahre Messdiener in seiner Heimatstadt Fulda gewesen, aber das Interesse für Reliquien habe erst ein Freund in ihm geweckt. Sein in hohem Maße ausgeprägter Sinn für Ästhetik dürfte womöglich aber doch ein „Erbstück“ sein, schließlich war sein Vater Goldschmiedemeister.

Einige seiner Reliquien bedeuten dem 44-Jährigen besonders viel: Neben jenen seines Namensheiligen Bernhard von Clairvaux sind es Knochenpartikel seines Fuldaer „Heimatheiligen“ und Apostels der Deutschen, des heiligen Bonifatius, und des weiteren Haarpartikel des 2014 heiliggesprochenen Papstes Johannes Paul II. Wie genau er zu letzterer Kostbarkeit kam, darüber schweigt er, erklärt aber: „Weil der Himmel es wollte, darum klappte es!“ Warum Johannes Paul II. ihm persönlich soviel bedeutet, kann man erahnen, wenn Björn H. Heß voller Stolz eine Fotografie aus den 80er Jahren zeigt: Als Mitglied des Fuldaer Knabenchores Marianum durfte er damals eine Papstaudienz miterleben, und kein Geringerer als Johannes Paul II. legte da beim Fototermin liebevoll seinen Arm um den kleinen adretten blonden Jungen in der ersten Reihe.

Björn H. Heß ist Experte auf dem Gebiet der Reliquienkunde. Das Wort leite sich aus dem Lateinischen ab und bedeute soviel wie „etwas Zurückgelassenes, ein Überbleibsel“. Fachkundig erklärt er die Klassifizierung dieser Kostbarkeiten: „Bei Reliquien erster Klasse handelt es sich um den Leichnam des Heiligen oder Teile davon, wie Partikel der Haut, des Blutes, der Knochen oder auch der Haare. Reliquien zweiter Klasse sind alle Gegenstände, die der Heilige berührt hat, etwa die Marterwerkzeuge, das Leichentuch, die Kleidung.“ Außerdem gebe es noch eine dritte Klasse, ergänzt der Fachmann und deutet auf kleine Stoffquadrate: „Solche wiederum sind mit Reliquien erster Klasse in Berührung gekommen und werden dann oft auf Heiligenbildchen aufgeklebt und an Wallfahrtsorten ausgegeben.“

Bereits sehr früh habe sich in der Kirche eine besondere Verehrung der Märtyrer ergeben. Ein erster biblischer Beleg für Reliquien finde sich in der Apostelgeschichte, so erzählt Björn H. Heß. Gläubige Christen hätten Tücher des heiligen Paulus genommen und diese den Kranken aufgelegt, die geheilt worden wären. Zudem gab es in der Urkirche den Brauch, über den Gräbern von heiligen Märtyrern christliche Kathedralen zu errichten, etwa die Peterskirche in Rom über dem Grab des Apostels Petrus. Seither setzt man auch unter oder in Altären Reliquien bei.

In mittlerweile vier Aktenordnern, allesamt mit dem Spruch „Mirabilis Deus in sanctis suis“ („Gott wirkt wunderbar in seinen Heiligen“) versehen, bewahrt Björn H. Heß die Echtheitszertifikate (Authentiken) seiner Kostbarkeiten auf. Die älteste Urkunde stammt aus dem 19. Jahrhundert. Und verbrieft ist gewissermaßen auch seine eigene „Authentik“. Ein bekannter Erzbischof hat dem 44-Jährigen schriftlich testiert, dass dieser „würdig“ sei, Reliquien zu empfangen und zu verwalten. So überlassen denn auch immer wieder priesterliche Freunde ihm weitere „Schätze“. Oder sie leihen sie aus: für eine Flurprozession, für Wallfahrten oder um damit Gläubigen den Segen zu spenden.

Vorsichtig öffnet Björn H. Heß die Rückseite eines Ostensoriums, eines Schaugefäßes für Reliquien, und deutet auf ein rotes bischöfliches Wachssiegel. „Hiermit und durch die Unversehrtheit des Siegelfädchens“, erklärt er, „ist die Authentizität gewährleistet.“ Gemäß dem kirchlichen Gesetzbuch ist es streng verboten, „heilige Reliquien zu verkaufen“. Ihre Verbreitung finden sie vielmehr durch Verschenken oder auch durch Teilen. Oft ist der jeweilige Bischofssekretär einer Diözese der „oberste Reliquienwächter“. Ihm obliegt es, beispielsweise von einer großen Knochenreliquie kleine Partikel abzutrennen und in eigens dafür vorgesehenen Kapseln zu versiegeln. Diese werden dann mit einem Echtheitszertifikat versehen und beispielsweise anlässlich der Weihe eines neuen Altars einer Pfarrei übergeben.

Einst, am Tag der Auferstehung der Toten, so lehrt uns die Bibel im Buch Ezechiel, werden auch die Knochen wieder mit Fleisch überzogen und lebendig werden: „So spricht Gott, der Herr, zu diesen Gebeinen: Ich selbst bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Ich spanne Sehnen über euch und umgebe euch mit Fleisch; ich überziehe euch mit Haut und bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig“ (Ez 37, 5f.). Für Björn H. Heß ist dies eine wunderbare Aussicht: „Jeder Heilige wird dann wieder mit seinen Reliquien zu einem Leib zusammengefügt. Und wir, die wir sie verehrt haben, dürfen auf besondere Gnaden hoffen.“