„Du kannst Gott nicht zwingen“

Regina Kalbskopf ist glücklich verheiratet und erwartet Ihr erstes Kind. Vom Augenarzt, der sie wegen der Geburt sehen will, erfährt sie, dass sie erblinden wird. Sie muss noch viel mehr verkraften. Wie sie damit umgeht, hat sie Jutta Hajek erzählt.

Regina Kalbskopf erfährt Gottes Nähe in der Musik. Foto: Hajek

Die kleine Frau mit kurzem, weißem Haar öffnet die Tür. „Ich sehe ein Auge und einen Teil Ihrer Nase, den Rest kann ich erahnen“, beschreibt Regina Kalbskopf ihren Sehrest von einem Grad. Bei einem gesunden Erwachsenen ist das horizontale Gesichtsfeld beider Augen wie ein Halbkreis geformt und umfasst 180 Grad. Sie steht auf und lässt den Rollo ein Stück herunter, damit die Sonne nicht blendet. „Vielleicht wäre es besser, wenn ich ganz blind wäre“, fragt sie sich. „Ich laufe oft gegen Dinge, die ich hinterher sehe.“ Vor dem Gesetz gilt sie als blind, da sie weniger als zwei Prozent dessen sieht, was ein normal sehender Mensch erkennt.

Auf dem Esstisch liegt ein Stift, mit dem sie dicke, schwarze Tupfen auf einen Block gemalt hat. Sie lernt gerade Punktschrift. „Glauben Sie bloß nicht, dass ich damit angefangen hätte, wenn ich sie nicht brauchen würde.“ Sie hat über 50 Jahre lang Noten gelesen, worauf sie als Musikerin angewiesen ist. Weil sie das nun nicht mehr kann, hat sie sich von der Blindenstudienanstalt in Marburg Bücher zum Erlernen der Brailleschrift schicken lassen. Ein Block von zwei mal drei Punkten reiche aus, um Buchstaben, Zahlen und Noten darzustellen. Die Punkte würden mit einer Maschine von hinten durch das Papier gedrückt und seien mit den Fingerspitzen zu ertasten, erklärt sie.

Als Kind hatte Regina Kalbskopf nie eine Brille gebraucht. Mit 21 Jahren wurde ein Loch in der Netzhaut mithilfe von Laser geschlossen. Nach acht Jahren Ehe, als sie 34 Jahre alt war, wunderte sich ihr Mann, weil sie im Dunkeln schlecht sah, gegen Straßenlaternen lief und über Bordsteine stolperte. Bei Ärzten galt sie als eingebildete Kranke, bis ein Assistenzarzt der Uniklinik Frankfurt fragte: „Haben Sie im Dunkeln Probleme zu sehen? Blendet Sie helles Licht?“. Um seine Vermutung abzusichern, zog er den Oberarzt und dieser den Professor hinzu. Regina Kalbskopf war mit ihrem ersten Kind schwanger. Die Untersuchung hatte herausfinden sollen, ob die Lasernaht in ihrem Auge durch Pressen bei der Geburt gefährdet würde. „Am Ende schaute mich der Arzt lange an und sagte: Sie haben Retinitis Pigmentosa und werden wohl erblinden.“ Er gab ihr einen Flyer von Pro Retina Deutschland e.V. mit, einer Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Netzhautdegeneration. Sie erfuhr, Retinitis Pigmentosa sei ein Überbegriff für eine Gruppe von genetisch bedingten Augenerkrankungen, die über Jahrzehnte zu einer Verschlechterung der Sehschärfe, oft bis zur Erblindung führen. Weltweit leiden drei Millionen Menschen daran. „Als ich nach Hause kam, war ich am Heulen“, beschreibt sie ihre erste Reaktion. Dann rief sie den Vorsitzenden von Pro Retina an, der sie ein wenig beruhigen konnte.

Gott Kirchenbesuche vor die Füße geworfen

Eigentlich ist sie niemand, der die Flinte gleich ins Korn wirft. Die gebürtige Belgierin wuchs im Rheinland in einer lebensfrohen, katholischen Familie auf, besuchte jeden Tag die heilige Messe und entwickelte eine persönliche Beziehung zu Gott. Zu Hause beteten sie mittags und diskutierten beim Essen auch kirchliche Probleme. Acht Kapuzinerbrüder gehören zur Familie.

Als junges Mädchen setzte sie die Kirche mit dem lieben Gott gleich. Obwohl in ihrer Kindheit als „böses Mädchen“ galt, wer nicht in die Kirche ging, warf sie Gott nach der Diagnose „Sie werden erblinden“ ihre Kirchenbesuche vor die Füße. „Ich habe geschrien und geweint, wenn ich alleine war. Da sind auch Dinge geflogen, was ich gerade in der Hand hatte, ein Buch, eine Tasse.“ Dann kam ihr erstes Kind auf die Welt. Voller Sorge sah sie, dass Dorothea den Kopf auf den Tisch schlug. Sie und ihr Mann erfuhren nach vielen unergiebigen Arztbesuchen – „die haben uns einfach links liegen lassen“ –, dass ihr Kind an Epilepsie leidet. Zwei Jahre später wurde Martin geboren. Alles schien zuerst normal. Nach der Geburt des Jüngsten, Richard, zwei Jahre später, stellte sich heraus, dass Martin an Autismus leidet. „Ich habe mit Gott geschimpft“, so die 55-Jährige, „und ihn immer wieder gefragt ,warum?‘, aber keine Antwort bekommen. Dann kam das Buch Hiob.“

Dieses Buch des Alten Testaments erzählt von einem frommen Mann, den Gott prüft, indem er zulässt, dass Hiob seinen Besitz, seine zehn Kinder und seine Gesundheit verliert. Hiob hadert mit Gott und wirft ihm Willkür vor. Freunde behaupten, er habe sein Leid selbst verschuldet. Hiob wehrt sich. Gott spricht schließlich selbst zu Hiob und hilft ihm zu verstehen, dass er der Schöpfer von allem ist und Gut und Böse alleine in seiner Hand liegen: „Hast du je in deinem Leben dem Morgen geboten, dem Frührot seinen Ort bestimmt?“. Hiob kehrt um und unterwirft sich Gott. Dieser wendet das Unglück und beschenkt ihn reicher als zuvor.

Regina Kalbskopf las die Texte und reagierte wie Hiob: „Irgendwann ist mir klar geworden: ,Du kannst Dich gegen diesen Gott nicht auflehnen, ihn nicht zwingen. Gott ist größer als Du.‘“ Sie will besonders Menschen mit schwerem Schicksal Mut machen, sich Gott anzuvertrauen. „Der Glaube gibt Struktur“, sagt sie: dem Tag durch das Gebet – das kann ein Gedanke sein, wenn sie an der Marien-Ikone vorbeikommt –, der Woche durch die Gottesdienste, dem Jahr durch die kirchlichen Feste.

Sie hat aufgehört, sich auf das zu konzentrieren, was nicht mehr geht – selbst Auto fahren, in der Schule Musik und Religion unterrichten, Bücher in Schwarzschrift lesen und vieles mehr –, denn das führe zu Unzufriedenheit. „Ich sehe, was ich habe: eine glückliche Ehe, drei Kinder, auf die ich stolz bin, ein intaktes Familienleben; einen Mann, der mich trägt und hält und mir vieles zu erfüllen versucht.“ Sie probiere das umgekehrt auch.

Tochter Doro ist inzwischen 20 Jahre alt und Auszubildende. Am Wochenende hatte sie einen Auftritt mit ihrer Band. „Sie spielt Schlagzeug wie ein Weltmeister!“, freut sich die Mutter. Martin, 18 Jahre, absolviert das vorletzte Jahr an einer Schule für praktisch Bildbare und will Feuerwehrmann werden. Richard, 16 Jahre, besucht eine Gesamtschule, singt und spielt Gitarre. Seit er an Martins Schule Praktikum gemacht hat, plant er, Förderschullehrer zu werden. „Alle drei sind liebe Kinder“, sagt Regina Kalbskopf und „es greift alles ineinander.“ Ihr Mann arbeitet als Chemiker an der Uni Mainz und muss morgens um halb sechs los. Sie macht Frühstück und nimmt sich für jedes Kind Zeit: „Das ist mir wichtig.“

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, übt sie Orgel. Flink hüpfen ihre Finger über die Tasten und lassen Töne aus dem Instrument purzeln. Sie schließt die Augen. Ihre Füße pendeln scheinbar mühelos zwischen den Pedalen hin und her, vervollständigen die Akkorde. Was sie während des Studiums als Hobby begann, hat heute einen festen Platz in ihrem Leben. Jeden Sonntag ist sie im Umkreis von 20 Kilometern als Organistin und Kantorin aktiv. Ihr Mann fährt sie. Zuerst bringen sie den Domsingknaben Richard nach Limburg, wenn der dort singen muss, dann fahren die Eltern mit den zwei „Großen“ nach Villmar oder Hadamar zum Gottesdienst.

Das Telefon klingelt. Die Mutter eines Mädchens aus dem Kinderkirchenchor ruft an und entschuldigt ihre Tochter. „Wenn ich freitags meine Kinder habe und die lachen und sind fröhlich, dann ist das für mich ein Geschenk“, erklärt Regina Kalbskopf. Drei Stunden übt die examinierte Chorleiterin mit verschiedenen Altersgruppen. Jeden zweiten Monat gestalten sie einen Gottesdienst mit und führen gelegentlich ein Musical auf. In der Musik erfährt Regina Kalbskopf Gott: „Als die Domsingknaben am See Genezareth die Komplet, das Nachtgebet, gesungen haben, da war der liebe Gott ganz nah. Da war er da!“.