Von der Synagoge zur Moschee und zur Kirche

Neugierig auf den Glauben: Das Projekt „Cross Roads“ bietet in Berlin interreligiöse Stadtführungen an. Von Josefine Janert

Die Synagoge am Fraenkelufer. Foto: IN

Jochen Schäfer steht umringt von 20 Personen am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg. Passanten eilen vorbei, ein Taxi fährt um die Ecke, aber der Stadtführer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hält einen Stadtplan in die Höhe und zeigt auf die Spree, entlang derer bis 1989 die Mauer verlief. „Das war die Grenze“, sagt er und erklärt: Auf der westlichen Seite lag Kreuzberg und im Osten Friedrichshain, ein Bezirk der DDR-Hauptstadt. Seit der Gebietsreform von 2001 gehören Kreuzberg und Friedrichshain zusammen als eine Verwaltungseinheit. In Kreuzberg, erzählt Jochen Schäfer weiter, sei der Anteil der Migranten überdurchschnittlich hoch. So komme es auch, dass in diesem Bezirk alle Weltreligionen repräsentiert seien. Hier wohnen Buddhisten neben Katholiken, Atheisten neben Menschen, die Anhänger des Hinduismus sind. Im Stadtbild fallen vor allem die Kirchen und Moscheen auf.

Jochen Schäfer führt die Gruppe heute zu einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee. Judentum, Christentum, Islam – die drei Religionen, die sich auf den Stammvater Abraham berufen, sind das Spezialgebiet des 50-Jährigen, der hauptberuflich als Lehrer arbeitet. Sein Auftraggeber als Stadtführer ist das Projekt Cross Roads, das der evangelische Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat. Die Stadtführer gehen mit Einheimischen und Touristen zu Orten in der Stadt, die alle etwas mit Religion zu tun haben. Sie besuchen Gotteshäuser, Friedhöfe und zum Beispiel auch Orte, an denen Ostberliner Christen gegen die DDR-Führung aufbegehrten. Im Jahr 2015 hat das Team von Cross Roads 3 200 Menschen durch das religiöse Berlin geführt.

Nachfragen zeigten, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer sonst nichts mit den christlichen Kirchen zu tun haben. Die Initiatoren des Projekts wollen ihnen den Zugang zu den Gotteshäusern eröffnen, die mancher von ihnen sonst kaum betreten würde. „Generell würde ich sagen, dass sich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchaus für Religion interessieren“, sagt Jochen Schäfer. „Möglicherweise sind sie Suchende, die gern mehr wissen möchten.“

Auch „Betrüger hinsichtlich des Glaubens“ gibt es

Er selbst sei in Baden-Württemberg aufgewachsen und habe den Katholizismus seiner Familie „sozusagen unreflektiert übernommen“, sagt Schäfer. Als Erwachsener habe er durch Gespräche mit jüdischen Freunden und Bekannten begonnen, sich über das Christentum Gedanken zu machen. „Sie fragten mich: ,Welche Bedeutung hat denn der Priester, warum begehen Christen diesen Feiertag, und was steckt hinter jenem Symbol?‘“ Diese Fragen hätten ihn veranlasst, sich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen. „Dadurch habe ich zu meinen eigenen religiösen Wurzeln zurückgefunden“, meint Jochen Schäfer.

Die Gruppe, die er jetzt durch eine schattige Straße führt, besteht ausnahmsweise nicht aus kirchenfernen Menschen, sondern aus evangelischen Theologen, die für ein paar Tage aus Hessen in die Hauptstadt gekommen sind. Allein aufgrund ihres Berufes haben sie sich schon mit den anderen abrahamitischen Religionen befasst. Als sie eine halbe Stunde zuvor vor der Synagoge am Fraenkelufer standen, waren sie trotzdem erstaunt über das, was sie dort hörten: Dass nämlich immer mehr Hebräisch- und Englisch-Sprechende, Menschen aus Israel und den Vereinigten Staaten, nach Berlin ziehen und auch das Gemeindeleben prägen. Hinzu kommen Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die vor allem in den achtziger und neunziger Jahren nach Deutschland eingewandert sind. Auch einige ältere Frauen und Männer, die den Holocaust überlebt haben, gehören noch zu der Beterschaft. Etwa 200 Menschen gehen regelmäßig in die Synagoge am Fraenkelufer. Die Jüdische Gemeinde Berlin, so haben die Teilnehmer erfahren, ist mit mehr als 10 000 Mitgliedern die größte in Deutschland.

Jochen Schäfer hat organisiert, dass ein Vertreter der jeweiligen Religion die Gruppe durch das Gotteshaus führt. In der Umar Ibn-Al-Khattab-Moschee wartet Birol Ucan, ein Berliner mit türkischen Wurzeln. Die Teilnehmer ziehen die Schuhe aus und folgen Ucan ins Innere der 2008 eröffneten Moschee. Da gerade kein Freitagsgebet stattfindet, ist der helle, repräsentative Innenraum fast leer. An der Decke hängt ein Kronleuchter, und auf einem Bildschirm ist zu lesen, dass es keinen Gott außer Allah gibt. „Bis zu tausend Menschen finden hier Platz“, erzählt Ucan und betont, dass dieses Gotteshaus, im Gegensatz zu manch anderen Moscheen in Deutschland, nicht mit finanziellen Mitteln aus Saudi-Arabien erbaut worden sei. Als eine Teilnehmerin nach dem Einfluss von Islamisten fragt, erzählt Ucan, dass der Imam vor ihnen warne: „In dieser Moschee wird den Leuten nahegebracht, sich vor Islamisten in Acht zu nehmen. „Wir nennen sie ,Betrüger hinsichtlich des Glaubens‘, weil sie wenig wissen über den Koran.“

Alles wird teurer, doch die Kirche bleibt ein Magnet

Dreieinhalb Stunden dauert die interreligiöse Stadtführung durch Kreuzberg. Das klingt viel, ist aber wenig für Menschen, die viele Fragen haben. Schäfer drängelt, und bald läuft die Gruppe an der vielbefahrenen Skalitzer Straße entlang. Die 1893 eingeweihte Emmaus-Kirche ist mit ihrem hohen roten Turm weithin sichtbar. Im Foyer hat noch der Eine-Welt-Laden geöffnet, und im benachbarten Kirchcafé empfängt der evangelische Pfarrer Jörg Machel die Gruppe. Er ist Jahrgang 1952 und aus der DDR nach West-Berlin übergesiedelt, wo er 1984 das Pfarramt antrat.

Als noch die Mauer stand, erzählt Machel, lebten viele türkische Arbeitnehmer in den Kreuzberger Wohnungen, die damals billig waren. Als die verrotteten Häuser in den achtziger Jahren abgerissen werden sollten, begannen die Straßenschlachten zwischen linken Aktivisten und der Polizei, für die Kreuzberg berühmt ist. Nach dem Fall der Mauer war Kreuzberg plötzlich ein begehrter Innenstadtbezirk. Inzwischen, so erzählt Machel, habe sich der Bezirk erneut verändert. Viele Menschen, die seit langem ehrenamtlich in der Gemeinde tätig seien, könnten sich die Mieten kaum noch leisten. Mit ihren vielen Gesprächskreisen und Mitmach-Angeboten sei die Emmaus-Ölberg-Gemeinde weiterhin ein Magnet im Kiez.

Der Abend senkt sich über die Stadt, und die Gruppe verabschiedet sich. Eine Teilnehmerin meint, dass das Klischee von Berlin als Hauptstadt der Atheisten gar nicht stimme. Das habe ihr die Führung gezeigt. „Und auch in der Innenstadt, rund um den Alexanderplatz gibt es zahlreiche Kirchen“, sagt die Frau. „Schon allein der Dom und die Hedwigskathedrale – Wahnsinnsbauten!“