Sich vom Terror nicht einschüchtern lassen

Die Österreicherin Tanja Russell liebt London und das ruhige Leben auf dem Land. Von Sabine Ludwig

London: Die britische Metropole zieht Menschen aus der ganzen Welt an. Auch nach den islamistischen Terroranschlägen. Foto: Fotos: Ludwig

London (DT) Tanja Russell ist gerne hier. Gemeinsam mit ihrem Hund Hank genießt sie die Ruhe und Beschaulichkeit außerhalb der hektischen Metropole London. Das Kirchlein St. Martha on the Hill nahe Guildford in Surrey liegt auf dem Pilgerweg von Winchester nach Canterbury. Auf diesem Weg ist es das einzige Gotteshaus in der Grafschaft Surrey. Pilgerziel ist das Grab des 1118 geborenen Thomas Becket. Von 1162 bis 1170 war er Erzbischof von Canterbury und politisch viel zu unbequem. Schließlich wurde er auf königlichen Befehl ermordet. Die Wallfahrt zu seiner Begräbnisstätte ist nicht allzu bekannt und hat wegen der schönen Naturwege und versteckten Pfade einen ganz besonderen Reiz.

„Ich habe schon ein paar Mal ein Schild am Eingang entdeckt, dass in den Gottesdiensten Hunde willkommen sind“, sagt die Österreicherin. Sie wohnt ganz in der Nähe in einem idyllischen Cottage und arbeitet während der Woche in London. Sie deutet auf den angrenzenden Friedhof, wo die Schauspielerin und Sängerin Yvonne Arnaud ihre letzte Ruhe fand. 1944 wurde hier der Film „Die Erzählungen von Canterbury“ gedreht. Die Kulisse ist perfekt, denn die Handlung spielt im 14. Jahrhundert und wurde von dem englischen Dichter Geoffrey Chaucer niedergeschrieben.

Russell lebt gerne in England. Und das schon seit Beginn der 1990er Jahre, immer in der Nähe zu London. Die Lehrerin an einer Privatschule mag das Lebensgefühl, das Land und Leute vermitteln. „Durch das Zusammentreffen von so vielen Kulturen und Subkulturen gibt es hier für jeden etwas. Hinzu kommt, dass London keinen eigenen Stil hat und dadurch jeder so individuell sein kann, wie er gerne möchte“, beschreibt sie ihre zweite Heimat. „Hier wird jeder und jede akzeptiert, anders als in Österreich, das noch immer sehr traditionsbehaftet ist.“ Die begeisterte Swing-Tänzerin vermisse dennoch ihre Heimat. „Besonders die Landschaft mit den Bergen und den vielen Seen“, ergänzt sie. „Doch ist Heimat nicht dort, wo man glücklich ist? Und in England bin ich glücklich.“

Beim Tanzen hat sie ihren Mann Paul kennengelernt. Damals, vor über 15 Jahren im „100 Club“ an der Oxford Street. Beide teilen die Leidenschaft für den Swing der 1940er Jahre, Rock 'n' Roll, Vintage und natürlich für ihren Hund.

Ihrem Vater, der sie ein paar Mal im Jahr besuchen kommt, stellt sie gerne ihre Lieblingsorte vor. Es kommen immer wieder ein paar hinzu. Am liebsten mag sie den entspannten Spaziergang entlang der Southbank am Ufer der Themse mit einem Besuch der faszinierenden Tate Modern. Allein schon das Ambiente in einem umgebauten Kraftwerk macht den Besucher sprachlos. In der Tat, die Tate Modern ist eines der weltweit größten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst.

Weiter geht es zur nahen Aqua Shard im 31. Stock von The Shard, einem Wolkenkratzer, der mit 310 Metern zurzeit das höchste Gebäude der Europäischen Union ist. „Eine Tischreservierung in der Bar ist sinnvoll“, sagt Tanja Russell. Von oben sei der Blick auf die Stadt und das London Eye grandios.

Es war der Abend des 3. Juni 2017, als London von einem Terroranschlag erschüttert wurde. Es herrschte Partystimmung im Ausgehviertel nahe der London Bridge. Noch ahnten die Nachtschwärmer nicht, dass gleich ein Lieferwagen auf der Brücke in Fußgänger rasen und ein Mann mit einem Messer im Borough Market, einer beliebten Markthalle, Menschen töten und verletzen wird. „Wir waren außerhalb Londons bei Freunden“, erinnert sich die 46-Jährige. „Erst durch einen Anruf bekamen wir von dem Anschlag mit.“ Angst habe sie nicht, auch wenn sie in London unterwegs ist. „Wir wollen uns alle nicht einschüchtern lassen, sondern ganz normal weiterleben, wie immer.“

Heute ist es auf dem Borough Markt wie immer. Touristen und Londoner gleichermaßen genießen ihre Nachmittagssnacks oder ein frühes Abendessen. Die Stimmung ist locker und gelöst. Eine Straßenmusikerin spielt vor den Markthallen Gitarre, sie hat Zuhörer, die begeistert applaudieren und sie ermutigen, weiterzuspielen. „Swinging London eben“, lacht Tanja Russell, um dann Richtung Seven Dials zu laufen. Hier gibt es kleine individuelle Boutiquen und nette Straßencafés. „Einer meiner Lieblingsplätze zum Shoppen und Relaxen.“ Sie deutet auf den Kreisel, von dem aus mehrere Straßen abzweigen. Später winkt sie dem Kellner in der Bar Italia im nahen Soho zu, und deutet an, vorbeizukommen. Schon seit vielen Jahren genießt sie in dem typisch italienischen Café am liebsten einen Cappuccino. „Und den besten Gin gibt es bei den Silent Pool Distillers in der Shere Road. Die wunderschön gestalteten Flaschen sind ein Hingucker und als Mitbringsel ideal.“

Auch in Soho gibt es bei Honi Poke leckere Gerichte aus Hawaii. Die Inselgruppe zählt zu Tanja und Pauls Lieblingsreisezielen und vom Nationalessen Poke sind sie begeistert. Die Zutaten mit einer scharfen oder milden Würze sind roh, ähnlich wie Salat, und es gibt sie mit Fisch oder auch ganz vegetarisch. „London ist wirklich multikulturell, auch was das Essen angeht“, betont sie. Vorbei am „100 Club“ geht es über die quirlige Oxford-Street. „Doch mir persönlich sind die kleinen und individuellen Straßen viel lieber. Und davon gibt es hier sehr viele.“ Wichtig ist einfach nur, die richtigen Plätze zu kennen. Es ist schon von großem Vorteil, die Stadt gemeinsam mit Ortskundigen erobern zu können.

Nach all der Hektik der Großstadt sehnt sich Tanja Russell nach ihrem beschaulichen Cottage. Das geht ihr oft so, und sie betrachtet ihr Haus auch nicht umsonst als sicheren Hafen zum Wohlfühlen und Auftanken. Hank begrüßt sie freudig von seinem Hundebett aus. Jetzt geht es erstmal zum Gassigehen in die nahe Heide.

Die Österreicherin möchte in England bleiben. Auch in Zukunft spielt Tierschutz für sie eine große Rolle. Als Mentorin ist sie aktiv, um Menschen zu helfen, die Vierbeiner adoptieren wollen. „Auch mit Rat und Tat. Ich möchte die Freude mit meinem Hund gerne weitergeben und sehe darin meine Aufgabe für die Zukunft.“ Dann nimmt sie den Ball und wirft ihn ins Grüne. Und Hank rennt ausgelassen und glücklich hinterher.