Esthers Reisen: Unterwegs mit Missionaren

Von Esther von Krosigk

Japan lernte ich während der „Bubble Economy“ näher kennen. Die Preise für Immobilien in Tokio glichen wirklich Seifenblasen, die höher und höher stiegen – der Quadratmeterpreis im Nobelviertel Ginza erreichte 1992 die schwindelerregende Höhe von 36 Mio. Yen. Umgerechnet fast 280 000 DM. Die Mitgliedschaft in einem edlen Golfclub war mehr als doppelt so teuer. Wer konnte sich so einen Irrsinn leisten? Wohl am ehesten jene, die mit riesigen Finanzsummen jonglierten – Banker und Spekulanten. Auf den Parties im damaligen In-Stadtviertel Roppongi zerschmetterten sie aus Spaß und Übermut die Gläser, ehe der Morgen graute.

Tokio war damals die asiatische Entsprechung zu New York, und Kabutocho im Bezirk Chuo die Wallstreet. In den Kaufhäusern von Chuo staunte ich weniger über die exotischen Produkte, als über die exotischen Preise. Eine Melone kostete mehr als 30 DM. An Tokio kam man dennoch nicht vorbei – es war wunderbar futuristisch mit seiner Technikbezogenheit, den gläsernen Fahrstühlen in den Hotels, roboterhaft geflüsterten Willkommensgrüßen und mit seinen erhöhten Stadtbahnen, die nachts an hell erleuchteten Büros vorbeirasten. Niemand wollte in dieser Stadt ruhen, aber die Müdigkeit überkam die Workaholics dann doch – in den vollen Zügen auf dem Heimweg. Es waren Schlafwagen im besten Sinne, deren Hochgeschwindigkeit die von Arbeit und Konsum erschöpften Menschen in den Schlaf schüttelten.

Ich hielt sechs Monate durch, dann brauchte ich den Kontrast. Via Manila reiste ich nach Palau, eine Inselkette nördlich von Papua-Neuguinea. Mit mir flog eine Gruppe von Laien-Missionaren, die mir im Flugzeug von Jesus erzählten, beim Aussteigen, und dann auf der Fahrt im Bus. Am Morgen erhielt ich im Hotel einen blumigen Brief, der Absender: Jesus loves you.

Ich war gerührt und genervt. Doch die Wirkung blieb nicht aus: Am Wochenende machte ich mich zum Gottesdienst in der flachen, aus Holz gezimmerten Kirche auf, fasste meine schokobraunen Banknachbarn an den Händen und schunkelte mit bei ihrem Gospelgesang. Durch meine zähen Missionare, die mir täglich Jesus-Einladungen sandten, erinnerte ich mich an die Missionare Asiens, an die Märtyrer von Nagasaki und andere Christen, die einst vor der Wahl gestanden hatten: Auf das Kreuz treten oder sterben. Was würde ich in einer solchen Situation tun? Verändert kehrte ich nach Japan zurück.