Erntezeit für „Elijah21“

Andreas Sauter und sein christliches Missionswerk wollen Geflüchteten die Botschaft Jesu Christi überbringen. Von Maximilian Lutz

Flüchtlinge suchen Glück in Europa
„Der Herr hat einen Heilsplan“: Flüchtlinge mit religiösen Abzeichen. Foto: dpa

Für Elijah21 ist Erntezeit. Der Herr hat den Rebstock direkt vor ihrer Tür abgestellt. Und die Trauben sind reif. Die Trauben, die Elijah21 erntet, sind Menschen. Die Flüchtlinge, die „in großen Zahlen in unser Land kommen, traumatisiert von Krieg und Flucht, und sich nun nach ihrer Botschaft von Frieden und Liebe sehnen“, sagen sie.

Andreas Sauter ist der Leiter von „Elijah21“, einem im Raum München ansässigen christlichen Missionswerk. Er und sein Team wollen Geflüchteten die Botschaft Jesu Christi überbringen. Dazu laden sie zu Filmabenden ein, an denen sie Interessierten den Film „Jesus“ der überkonfessionellen Missionsbewegung „Campus für Christus“ zeigen. Der Film aus dem Jahr 1979 wurde in mehr als 1 000 Sprachen übersetzt und kann somit in den jeweiligen Landessprachen der Flüchtlinge – wie etwa Arabisch, Urdu, Farsi oder Paschtu – ausgestrahlt werden.

Im Kloster hörte Sauter den Ruf zum Engagement

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Sauter mit der Arbeit an seinem Missionsprojekt begonnen. Während eines Exerzitien-Aufenthaltes im Kloster habe er den Ruf vernommen, in den Iran zu fahren. Dort erwartete ihn eine Überraschung: Ihm begegnete eine große Zahl von Menschen, die sich nach Jesus Christus ausstreckten. „Das hat mich zutiefst fasziniert.“ Zurück in seiner bayerischen Heimat verspürte er den Auftrag, die Botschaft des Evangeliums den Menschen zu verkünden, die aus Krisenländern wie dem Iran oder Afghanistan in Deutschland Zuflucht suchen. Über seinen Freund Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses in Augsburg, lernte er Andrea Godau kennen, die sich ebenfalls damit beschäftigte, Flüchtlinge mit Jesus vertraut zu machen.

„Sie hatte bereits Flüchtlingsunterkünfte besucht, in denen ihr die Menschen auf ihren Smartphones Videos zeigten, wie Geflüchtete in Griechenland in großen Mengen ihr Herz Jesus Christus übergeben.“ Wie kann das funktionieren, fragte sie sich. Papst Franziskus rufe ja immer wieder zur Verkündigung auf, doch oft fehle der Kirche die Strategie, um die frohe Botschaft des Evangeliums zu verbreiten. Ausschlaggebend war der Jesusfilm. Mithilfe dieser zweistündigen Zusammenfassung des Evangeliums, die in beinahe jeder beliebigen Sprache ausgestrahlt werden konnte, war es möglich, noch während der Flucht eine große Zahl von Menschen zu erreichen und für Jesu Wirken zu begeistern. „Wir dachten uns: Was in Griechenland funktioniert, klappt auch in München. Jesus ist Derselbe. Die Menschen sind Dieselben.“ So kamen schließlich Auftrag und Know-How zusammen, die Idee der Jesusfilm-Abende war geboren.

Immer wieder betont Sauter, der Auftrag, den er verspüre, sei etwas, das er auf dem Herzen trage, eine Wahrheit, die sich ihm und seinen engagierten Mitchristen offenbarte. Er beschreibt ihn mit folgenden Worten: „Der Herr hat für die Situation, in der wir uns aktuell befinden, einen Heilsplan. Einen guten Plan für die Menschen, die zu uns kommen, eine rettende Botschaft für jeden Einzelnen.“ Darüber hinaus gebe es aber auch einen Heilsplan für die Kirche. Die Flüchtlingsbewegung berge nicht nur Krisenpotenzial, sondern eine echte Chance für die christliche Welt. „Gott möchte hier in unserem Land unter den Bedingungen der Religionsfreiheit diesen Suchenden begegnen“, so Sauter.

Angefangen hat er zunächst zusammen mit einer Gruppe von Christen aus seinem Gebetskreis im Münchner Raum. „Wir sind zu Flüchtlingsunterkünften gefahren, haben uns vorgestellt und gesagt, dass wir gerne mit den Menschen Zeit verbringen würden, um mit ihnen zu trinken, zu essen, ins Gespräch zu kommen und den Jesusfilm zu zeigen“, schildert Sauter die Anfänge seiner Missionsarbeit. Von Beginn an sei er auf großen Widerhall gestoßen, auch in Kirchen- und Pfarrgemeinden. Da politischen Parteien und religiösen Gemeinschaften grundsätzlich der Zutritt zu Flüchtlingsheimen verboten ist, stellte sein Team sich vor den Unterkünften auf und verteilte Einladungen an die Bewohner. Mit Bussen holten sie die Interessierten dann am folgenden Tag ab, um sie zu den Veranstaltungsorten, meistens kirchliche Räumlichkeiten in einer nahegelegenen Gemeinde, zu bringen. Die Abende laufen stets nach dem gleichen Muster ab: Zunächst ist Zeit für Begegnungen und zum gemeinsamen Essen. Dann wird der Jesusfilm gezeigt. Im Anschluss an die Vorführung geben christliche Glaubensbrüder und -schwestern aus arabischen Ländern Zeugnisse von ihrem Glaubensleben ab. Und so besteht auch die Möglichkeit zum Austausch zwischen Christen und muslimischen Flüchtlingen in ihrer Muttersprache. Am Ende der Veranstaltung wird an einem Büchertisch das Neue Testament in den jeweiligen Landessprachen angeboten. Abgerundet wird der Abend mit einer Einladung in die Gemeinde. Doch damit ist die Begegnung nicht zu Ende: Über Kommunikationsdienste wie WhatsApp bleiben die Helfer von Elijah21 auch nach der Veranstaltung mit den Flüchtlingen in Kontakt, um längerfristige Bindungen herzustellen.

Andreas Sauter war zunächst selbst erstaunt über die positive Resonanz, die er und sein Team erfuhren. Bis zu 100 Flüchtlinge nehmen des Öfteren an einer Veranstaltung teil. Zeugnisse wie „Nun bin ich ruhig, ich habe Frieden mit Gott gefunden“ oder „Wir haben das erste Mal seit langem wieder in Frieden geschlafen“ bekomme das Team von Elijah21 von den Teilnehmern zu hören. Ein Afghane berichtete: „Ich habe mich nie für Religion interessiert und schon gar nicht für's Christentum. Aber nach dem Jesusfilmabend habe ich Frieden mit Gott gefunden. Nun möchte ich lernen, wie die Christen beten und möchte errettet werden.“

Nach zehn Veranstaltungen fasste man den Entschluss, das gesammelte Wissen zu einem „Starterpaket“ zusammenzufassen, und es ins Internet zu stellen. Auf der Homepage von Elijah21 kann sich somit jeder die Informationen herunterladen, die nötig sind, um in einer Gemeinde einen Jesusfilm-Abend für Flüchtlinge zu organisieren. „Jetzt sind wir in ganz Deutschland mit unserem Auftrag unterwegs“, so Sauter.

Ein wesentlicher Bestandteil der Missionsarbeit ist aber auch das Gebet. Bis zu 40 Ordensgemeinschaften in ganz Deutschland sowie das Gebetshaus Augsburg beten in Echtzeit, während die Filmabende stattfinden. Gleichzeitig beten auch immer Mitarbeiter des Missionswerks in einem Nebenraum. „Alles was wir tun, beruht auf dem Gebet“, meint Sauter. „Dadurch ist unser Wirken gesegnet. Wir verspüren die geistliche Realität, weil wir das Wort verkünden und so der heilige Geist ausgegossen wird.“ Momentan sind 50 Mitarbeiter bei Elijah21 engagiert – 20 bis 30 von ihnen sind permanent aktiv, fahren mit einem Sprinter durch ganz Deutschland zu den jeweiligen Veranstaltungsorten, um bei der Durchführung zu helfen. Sauter bezeichnet Elijah21 als überkonfessionelles Missionswerk: Katholische wie protestantische Christen, aber auch Mitglieder von Freikirchen sind involviert. Das Projekt finanziert sich ausschließlich von Privatspenden.

Das Vorwissen über das Christentum, das die Flüchtlinge mit sich bringen, ist sehr unterschiedlich. „Manche haben noch nie etwas über unseren Glauben erfahren, bei denen betreiben wir echte Erstverkündigung“, meint Sauter. Andere kennen Jesus als Propheten bereits aus dem Koran. Und dann lernte Sauter auch Menschen kennen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, weil sie dort zum Christentum konvertiert waren, ihren Glauben jedoch nicht frei ausüben konnten. „Sie haben echte Martyrien erlitten, einen Blutzoll gezahlt.“ Dramatische Geschichten von ergreifenden Einzelschicksalen hört er immer wieder im Umgang mit den Geflüchteten. Doch diejenigen, die in ihrer Heimat im Untergrund leben mussten, weil sie aufgrund ihres Christseins verfolgt wurden, seien besonders stark im Glauben. „Bei ihnen ist die Motivation noch größer, die frohe Botschaft in Freiheit mit ihren Landsleuten zu teilen“, so Sauter.

Man kann nicht in das Herz der Menschen schauen

Flüchtlinge dazu zu bewegen, zum Christentum zu konvertieren, ist ausdrücklich nicht das Ziel der Missionsarbeit. „Es geht ausschließlich um die Verkündigung des Evangeliums für diejenigen, die sich danach ausstrecken.“ Dennoch berichtet Sauter von einer „erstaunlichen Zahl“ von Menschen, die nicht nur einmal, sondern immer wieder kommen, die Gemeinschaft suchen und mehr wissen wollen vom Evangelium und Jesu Botschaft. Und manche von ihnen nahmen schließlich sogar den christlichen Glauben an.

Nachdem ein zum Christentum konvertierter Aslybewerber aus Afghanistan einen Jungen getötet hatte, entbrannte eine Diskussion um die Frage, ob manch ein Flüchtling Asyl zu erschleichen versucht, indem er den christlichen Glauben annimmt. Auch Andreas Sauter hat sich mit dieser Überlegung beschäftigt. Und er weiß, dass man nicht in jedes Herz schauen kann. Wichtig sei die Nachbereitung, wenn geflüchtete Muslime tatsächlich eine Konversion zum Christentum anstreben. „Katechumenat und Glaubenskurse zur Vertiefung sind erforderlich. Wir legen ja nur die Grundlagen des Glaubens.“ Natürlich sei es möglich, dass jemand die Veranstaltungen von Elijah21 nur besuche, weil er getauft werden wolle, um dann bessere Chancen auf Asyl zu erhalten. „Dann sagen wir: Er denkt jetzt zwar, er legt uns rein, aber wir wissen, dass sein Herz gerade verändert wird. Weil wir an die Kraft von Gottes Wort glauben.“