Der höchsten Liebe begegnet

Student, Fußballer, Musiker: Überall auf der Welt wirkt Gott – Drei Berufungsgeschichten. Von Stefan Ahrens und Stefan Meetschen

Vom grünen Fußball-Rasen zum Altar: Philip Mulryne wirkt nun als Dominikaner. Foto: Fotos: IN

Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.“ Papst Benedikt XVI. – damals noch Kardinal Joseph Ratzinger – hat dies einmal gesagt und nichts von diesen Worten ist ungültig. Im Gegenteil.

So wird heute im australischen Sydney, genauer gesagt in der St. Benedikt Kirche in Broadway, ein junger Mann zum Priester geweiht, der – wie „The Catholic Weekly“ berichtet – auf einen erstaunlichen Bekehrungs- und Berufungsweg zurückblicken kann: Als Hindu in Indien aufgewachsen, entschied sich Robert Krishna nämlich im Alter von zehn Jahren, „Atheist“ zu sein. Als Teenager und „Agnostiker“ gab er Gott dann zwar wieder etwas Boden zurück, rein theoretisch, doch es war eine Krise während des Physikstudiums in Sydney nötig, um ihn tiefer in die metaphysischen Sphären zu ziehen. Nicht nur Zahlen zählen. Der junge Mann erkannte Jesus Christus als Sohn Gottes, der dem Leben auch heute noch Sinn verleiht und ließ sich taufen. 2002 war das. Allerdings nicht in einer Katholischen Kirche, sondern bei den Anglikanern.

Dabei blieb es nicht. Die Begegnung mit Katholiken, ihre „Gespräche“ und „Beispiele“ machten ihn laut „Catholic Weekly“ neugierig. 2003 trat Robert Krishna in die Katholische Kirche ein und wurde 2004 vom damaligen Weihbischof Anthony Fisher OP gefirmt. Einem Dominikaner. Dass dieser Orden für den indischen Neukatholiken und Wahlaustralier noch einmal eine besondere Bedeutung haben sollte, sahen Freunde voraus. Und tatsächlich: 2010 wurde Krishna bei den intellektuellen Predigerbrüdern aufgenommen, im Jahr 2016 schließlich zum Diakon geweiht – wieder hatte Anthony Fisher, inzwischen als Erzbischof, seine segnenden Hände mit im Spiel. „Gott näher zu den Menschen zu bringen“ – mit diesen Worten beschreibt Robert Krishna sein geistliches Ziel, das er auch als Priester verfolgen möchte. Die Sakramente, die Heilige Schrift, aber auch die „Geschichte und das Leben der Kirche“ sollen ihm dabei behilflich sein.

Doch nicht nur in Australien und nicht nur auf religiöse Sucher mit wechselhafter Weltanschauung und hinduistischem Hintergrund scheinen die Dominikaner zurzeit eine große Anziehungskraft auszuüben. Wie die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) berichtet, hat auch die irische Provinz des Dominikanerordens in diesen Tagen auf dem priesterlichen Transfermarkt eine spektakuläre Verstärkung erhalten.

Der frühere Fußballprofi und irische Nationalspieler Philip Mulryne (39) wurde in Dublin vom Kurienerzbischof Augustine Di Noia zum Priester geweiht. Seit 2012 trägt Mulryne, der 2016 zum Diakon geweiht wurde, das weiß-schwarze „Trikot“ der Dominikaner, früher stand er unter anderem bei Manchester United und Norwich City unter Vertrag. Offenbar hat Erzbischof Di Noia der sportliche Werdegang des Neupriesters beeindruckt – in seiner Predigt klang er jedenfalls wie ein Coach, der seine geistlichen Schützlinge anfeuert und zu Höchstleistungen motiviert. „Du weißt, dass man hart arbeiten muss, um ein Ziel zu erreichen – und jetzt heißt das Ziel Christus.“ Doch natürlich gibt es auch Bekehrungs- und Berufungswege, die kaum weniger spektakulär und fruchtbar verlaufen, auch wenn sie nicht direkt zum Altar, sprich zur Priesterweihe führen.

Als Beispiel für eine solche Bekehrung kann Jazz- und Saxophonlegende John Coltrane (1926–1967) gelten, dessen Todestag sich an diesem Montag (17. Juli) zum 50. Mal jährt. Der Enkel eines Methodisten-Predigers lernt schon als 12-Jähriger Klarinette und Saxophon und wurde nach abgeleistetem Kriegsdienst in der US-Navy 1946 zum Profimusiker. Während Coltrane (Spitzname „Trane“) sich in der Jazzszene Philadelphias etablierte und etwa mit dem Album „Blue Train“ für Aufsehen sorgte, traf er auf das Trompeten-Genie Miles Davis. Leider kam er auch erstmals mit Heroin in Kontakt, dem er jahrelang verfiel. Durch seine erste Ehefrau Naima wurde er aber davon überzeugt, sich wieder dem christlichen Glauben zu öffnen. Nach einer tiefen spirituellen Erfahrung gelang es Coltrane 1957 schließlich, von seiner Heroinsucht loszukommen – und er „bedankte“ sich bei Gott mit dem spirituellen Meisterwerk „A Love Supreme“ (1965), das bis heute als bestes Jazz-Album aller Zeiten gilt. „I will do all I can to be worthy of Thee O Lord. It all has to do with it. Thank you God. Peace. There is none other“ – mit diesen kargen Worten erklärte Coltrane die Bedeutung des Werkes, das er in einer Vision empfangen haben soll.

Bono, der christliche Sänger der irischen Rock-Band U2, hat seine Hörerfahrung von „A Love Supreme“ einmal so zusammengefasst: „Ich saß oben im Grand Hotel in Chicago (während einer Tournee im Jahr 1987) und hörte mir A Love Supreme an, und dabei lernte ich die Lektion meines Lebens. Früher hatte ich Fernsehpredigern zugeschaut und dabei gesehen, wie sie sich Gott nach ihrem eigenen Bild zurechtmachten: winzig, unbedeutend und geldgierig. Die Religion ist zum Feind Gottes geworden, dachte ich … Religion ist das, was passiert, nachdem Gott, wie Elvis, das Haus verlassen hat. Aus meinen frühesten Erinnerungen wusste ich, dass die Welt sich in eine Richtung bewegt, die von der Liebe wegführt, und auch ich spürte diesen Zug. Es gibt so viel Schlechtigkeit auf dieser Welt, aber das Schöne ist unser Trost … die Schönheit von John Coltranes Saxophonstimme, ihr Flüstern, das Wissende in ihr, ihre verborgene Sexualität, ihr Lob der Schöpfung. Und so fing ich an, Coltrane zu verstehen. Ich drückte die Repeat-Taste und blieb wach, um einem Mann zuzuhören, der mit der Gabe seiner Musik Gott gegenübertritt.“ (zit. nach Ashley Kahn: A Love Supreme. John Coltranes legendäres Album, 2004) Nach dem frühen Tod Coltranes gründete sich in San Francisco die „St. John Coltrane African Orthodox Church“, eine synkretistische christliche Gemeinschaft, die ausschließlich Coltranes Musik und Lyrik in ihrer Liturgie verwendet und ihn als Heiligen proklamiert. Von „Trane“ zu „Saint John“ – kein schlechter Weg für einen von Gott inspirierten Musiker. Kardinal Ratzinger alias Papst Benedikt XVI., der bekanntlich nur ein Jahr jünger ist als Coltrane, hatte recht: So viele Wege führen zu Gott, wie es Menschen gibt. Man muss nur eins: die höchste Liebe suchen und sich von ihr führen lassen. Ganz egal, wer man ist und wo man ist. Ganz individuell. Sie wirkt weltweit.