Alternative zum Weihnachtsmann

Niederlande: Eine Reise zum Bischof Nikolaus ins „Andere Holland“ – Die Rassismusdebatte um „Zwarte Piet“ geht weiter. Von Nadine Luck

Spitze: Sinterklaas tritt bei den sonst nicht so klerikalen Holländern immer in rotem Bischofsmantel, Stab und Mitra auf, dazu trägt er Stola, weiße Handschuhe und einen Bischofsring. Der Swarte Pieter assistiert bei der Geschenk-Mission nach besten Kräften. Foto: NL

Alle Jahre wieder hält er Einzug ins Werbefernsehen, in Einkaufszentren und Kinderzimmer: Der „Ho, Ho, Ho“ rufende Weihnachtsmann mit Zipfelmütze und rotem Bademantel versucht hierzulande hartnäckig, dem heiligen Bischof Nikolaus die vorweihnachtliche Show zu stehlen. Wer vor dieser seelenlosen Witzfigur, die eigentlich eher ins Kasperltheater gehört, fliehen will, muss nicht weit reisen: Unsere holländischen Nachbarn feiern den Nikolaus als heiligen Mann mit Mitra, Bischofsstab und großartiger Zeremonie. Ein vorweihnachtlicher Road-Trip ins „Andere Holland“.

Die Niederländer begehen das Nikolausfest fast größer als wir Weihnachten. Und das nicht erst, seitdem sie im Fußball nichts mehr zu feiern haben. Sinterklaas (von Sint Nikolaas) ist in den Niederlanden populärer als Frau Antje, Arjen Robben, der Fliegende Holländer und Grinse-Geiger André Rieu zusammen. Deshalb bietet sich die Adventszeit Anfang Dezember hervorragend für einen Ausflug ins „Andere Holland“ an, wie sich die Provinz Gelderland rund um Arnheim direkt hinter der Grenze nennt, um sich von Amsterdam, Tulpen und anderen Klischees abzugrenzen. In Arnheim kann man sogar das „Haus vom Nikolaus“ (Huis van Sinterklaas) besichtigen. Es liegt in einem Teil eines alten Klosters mitten in der Innenstadt und ist mit antiken Möbeln eingerichtet. Man kann den Schreibtisch des heiligen Bischofs anschauen oder auf seinem Stuhl Platz nehmen. Der Hausherr selbst ist freilich nicht da, er hat ja so viel zu tun.

Wenn Sinterklaas jährlich Mitte November mit dem Dampfschiff aus Spanien ankommt – diese historische und geografische Ungenauigkeit sei den Niederländern aufgrund ihrer kolonialen Vergangenheit verziehen –, tritt mit der Live-Übertragung des Events im Fernsehen ein Ausnahmezustand ein, der am 5. Dezember seinen Höhepunkt findet. Bis dahin sendet das öffentlich-rechtliche Kinderprogramm regelmäßig ein „Sinterklaas-Journal“. Sinter-klaas tritt bei den sonst nicht so klerikalen Holländern immer in spitzenbesetztem Gewand, rotem Bischofsmantel, Stab und Mitra auf, dazu trägt er Stola, weiße Handschuhe und einen Bischofsring. Wie ein Bischof im Pontifikalamt eben und nicht wie eine lächerliche Witzfigur aus der Coca-Cola-Werbung. Und weil er die 17 Millionen Holländer nicht alle allein mit Geschenken versorgen kann, hat er viele fleißige Helfer, die über den Schornstein zur Bescherung in die Häuser kommen sollen.

Und jetzt wird es politisch inkorrekt: Der „Zwarte Piet“ (Schwarze Peter) ist zwar im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen Knecht Ruprecht alias Krampus ein überaus sympathisches und bei Groß und Klein beliebtes Kerlchen, das den Kindern statt Schlägen mit der Rute „Pepernoten“ bringt (kleine Gebäckstückchen, die mit den deutschen „Pfeffernüssen“ nur den Namen gemein haben). Allerdings wird der „Zwarte Piet“ von einigen aufgrund seiner Hautfarbe und Herkunft übel diskriminiert. Weil sein Outfit, das man sich so ähnlich wie das des „Sarotti-Mohrs“ vorstellen kann, manchen an die Zeit der Kindersklaverei erinnert, gibt es jedes Jahr aufs Neue die Diskussion darüber, ob der „Zwarte Piet“ eine rassistische Figur sei – bis hin zur Forderung nach seiner ersatzlosen Abschaffung. Neuerdings sieht man ihn deshalb immer öfter nicht mit komplett schwarz geschminktem Gesicht, sondern mit Rußflecken wie bei einem Schornsteinfeger. Das „Sinterklaas-Journal“ zeigte vergangenes Jahr erstmals neben den schwarzen auch weiße und bunte Pieten mit Clownsgesichtern, die jedoch dieses Jahr wieder verschwinden sollen. Plausible Erläuterung der Programmdirektorin Willemijn Francissen: „Man wird nun mal schwarz, wenn man durch einen Schornstein kommt.“

Der Privatsender RTL verbannte in Holland den „Zwarten Piet“ komplett aus dem Programm, weil er nicht mehr zeitgemäß sei. Auch im Internet wird heftig über den angeblichen Rassismus der Nikolaus-Tradition diskutiert: Während die Facebook-Seite „Zwarte Piet is racisme“ auf etwa 18 000 Likes kommt, hat die Gegenbewegung „Zwarte Piet ist GEEN (kein) racisme“ fast die dreifache Zahl an Anhängern mobilisiert. Und der offizielle Sinterklaas der Karibik-Insel Aruba sagte vergangenes Jahr: „Ein Ende des Zwarte Piet wäre auch das Ende vom Sinterklaas. Denn die beiden gibt es nur zusammen.“

Die Zwarten Pieten sind in der Nikolauszeit in Arnheim allgegenwärtig. In ihren bunten Kostümen lassen sie sich gerne mit Kindern fotografieren und verteilen ihre Süßigkeiten, um die Wartezeit auf den Nikolausabend zu verkürzen. „Pakjesavond“ wird der 5. Dezember genannt, weil dann die zahllosen kleinen und großen Päckchen ausgepackt werden. Früher waren die Geschenke mit einem Tuch bedeckt. Damit die Kinder wussten, was für sie bestimmt war, lag ein aus Brot gebackener Buchstabe ihres Vornamens auf dem Paket. Heute gibt es die Buchstaben immer noch, aber aus Schokolade.

Vorweihnachtliche Nikolausstimmung erlebt man in Arnheims Innenstadt auch in einem opulenten Ziegelbau, der einst als Waffenarsenal diente. Das „Vlaams Arsenaal“ ist jetzt ein stylisch-fröhliches Restaurant, in dem man erleben kann, dass in einem Schlemmertempel holländische Fritten als Gourmetspeise angerichtet werden können. Wer mit kleineren Kindern das „Andere Holland“ bereist, sollte unbedingt im „Tivoli“ in Berg en Daal Station machen, einem kleinen Freizeitpark, der im Sommer tolle Fahrgeschäfte und im Winter kleinere Aktivitäten bietet, bei denen die meisten im Indoor-Spielplatz stattfinden. Und wenn man Glück hat, trifft man dort sogar Sinterklaas persönlich. Fünf Minuten entfernt lockt das Pfannkuchenrestaurant De Duivelsberg, das idyllisch mitten im Wald liegt. Hier hat jeder seinen Pannekoek vor sich wie anderswo eine Pizza.

Auch sehenswert: das Städtchen Buren mit seinen bezaubernden Häuschen weitgehend aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Hier lernt man, dass 1551 Wilhelm von Oranien die junge Gräfin Anna geheiratet hat, Tochter des damaligen Grafen von Buren. Überall in der Stadt gibt es Zeugnisse der Verbindung der beiden, ein Museum, ein Denkmal. Der ganze Ort gleicht mit seinen malerischen weihnachtlich dekorierten Gässchen ein wenig einem begehbaren Museum. Es gibt eine 300 Jahre alte Windmühle, die immer noch pro Monat 50 bis 60 Kilo Mehl produziert und die man auch von innen besichtigen kann. Als Kontrastprogramm bietet sich ein Besuch in der Fußgängerzone von Tiel an, einem kleinen Shopping-Paradies. Hier wird deutlich: Die Vorweihnachtszeit hat so gar nichts gemein mit dem Advent, wie wir ihn kennen. Die Stimmung ist trotzdem einmalig zauberhaft und kaum zu beschreiben.

Very british geht's zu, wenn man die Tradition des „High Tea“ erlebt. So heißt ein in vielen Cafés angebotenes Arrangement, bei dem man zunächst eine Tasse Tee mit Gebäck erwartet. Tatsächlich wird im Land der unbegrenzten Süßigkeiten zuerst der Kuchen gereicht, später folgen mehrere Gänge mit Gulaschsuppe, Sandwiches, Quiche, bevor mit weiteren Desserts die Schlemmerei abgerundet wird. Wichtiger Tipp: Wer einen „High Tea“ geplant hat, sollte alle Mahlzeiten vorher besser ausfallen lassen.

Man findet in Holland viele andere interessante Dinge

Wer auf dem vorweihnachtlichen Roadtrip noch Zeit hat, sollte den großartigen „Burger's Zoo“ und das Freilichtmuseum in Arnheim (Openluchtmuseum) nicht auslassen. Es gibt einen Überblick über 350 Jahre niederländische Geschichte. Man besucht dabei einen alten Wintermarkt, eine duftende Bäckerei oder schnallt sich die Schlittschuhe an und dreht ein paar Runden auf der Eisfläche, während Sinterklaas-Klassiker ertönen.

Zum Schluss noch ein Tipp für Freunde von Verschwörungstheorien: Ganz in der Nähe in Oosterbeek steht das Bilderberg-Hotel. Hier kann man als normaler Tourist auf historischem Boden nächtigen, wo einst die ersten Geheimtreffen einflussreicher Menschen aus Wirtschaft, Politik, Militär und Geheimdiensten die legendären Bilderberg-Konferenzen begründeten.

Ein Wochenende im „Anderen Holland“ zeigt: Neben Gouda, Stroopwafels, Poffertjes, Frikandel Speciaal und Vla gehören Sinterklaas und Zwarte Piet zweifellos zu den holländischen Errungenschaften, die wir gerne nach Deutschland importieren. Nur das Grinsegesicht von André Rieu darf in seinem sicheren Herkunftsland bleiben.