Thomas Hobbes: Leviathan
Krieg aller gegen alle
Als im Jahr 1588 die spanische Armada vor der englischen Küste auftauchte, war dies nur der Auftakt einer Reihe politischer Ereignisse, die England von einer Krise in die nächste zu führen schienen. Dementsprechend pflegte der im selben Jahr geborene Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588–1671) von sich zu sagen, er und die Angst seien als Zwillinge geboren worden. Ein Gefühl, das zusammen mit seinem Logik- und Physikstudium zeitlebens prägend für seine Philosophie blieb.
Denn obwohl Bestechlichkeit und Gewalt in der Politik wohl seit jeher an der Tagesordnung gewesen sind, war die politische Philosophie jetzt endgültig von dem Gefühl beherrscht, moralische und ethische Normen seien aus der realpolitischen Welt der angebrochenen Neuzeit verschwunden: England wie auch das Festland waren durch den von 1642 bis 1649 dauernden Bürgerkrieg oder den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) in chaotische Zustände gestürzt worden. Es war der „Krieg aller gegen alle“ – bellum omnium contra omnes, den Hobbes später auch in seinem Hauptwerk postulieren sollte. Nur ein einziges Prinzip schien nach wie vor unberührt: der Selbsterhaltungstrieb als treibende Kraft hinter allen menschlichen Handlungen.
Die daraus entstehende Frage, wie der Staat jenseits aller herkömmlichen Argumente legitimiert werden könnte, trieb nicht nur Hobbes um. Schon vor ihm hatte der Holländer Hugo Grotius Selbsterhaltung als das einzige fundamentale Recht herausgestellt und so ein Argument entwickelt, das gegen Skeptiker und Aristoteliker (die den Menschen als zoon politikon bestimmten) gleichermaßen gerichtet war.
Dass Hobbes als einer der Gründungsväter der neuzeitlichen Staatsphilosophie gilt, liegt vor allen Dingen daran, dass er als erster Denker den Selbsterhaltungstrieb in einen rechtlichen und staatlichen Rahmen setzte. Berühmt wurde diese Theorie unter dem Titel seines umfangsreichsten politischen Werkes: Der Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Gemeinwesens.
Von vielen ehemaligen Mitstreitern kritisiert und abgelehnt, brachte ihm das 1651 bei einem englischen Verleger erschienene Buch den Ruf des „Monsters von Malmesbury“ ein. Dabei kam neben dem Atheismusvorwurf besonders zum Tragen, Hobbes habe mit der Bejahung der von Oliver Cromwell favorisierten Kirchenverfassung nach der Hinrichtung von Karl I. 1649 die Monarchie verraten.
In der Tat liegt schon in der Wahl des Titels ein Affront gegen die anglikanische Kirche, denn er spielt auf das Seeungeheuer aus dem 41. Kapitel des Buches Hiob an. Nicht minder berühmt ist das (wahrscheinlich von dem Kupferstecher Wenzel Hollar geschaffene) Titelbild: Es zeigt den Leviathan als eine aus vielen kleinen Menschenleibern bestehende Figur, die sich als Symbol für den vom Menschen geschaffenen sterblichen Gott mit Bischofsstab und Schwert über die Landschaft erhebt.
Das Werk selbst setzt sich aus vier Büchern zusammen: Die ersten beiden Teile Vom Menschen und Vom Gemeinwesen enthalten die im Wesentlichen auch schon in früheren Werken entwickelten psychologischen und politischen Ideen, während sich die beiden letzten (heute kaum noch gelesenen) Teile vor allen Dingen mit Kirchenfragen auseinandersetzen. Interessanterweise waren es gerade diese beiden, die entscheidend zur Entstehung des Buches beitrugen und dem Autor bis zu seinem Tod immer wieder Anfeindungen als Häretiker und Atheist eintrugen.
Im Gegensatz zur bisherigen Tradition zeichnet Hobbes den Menschen zunächst als a-soziales Wesen: Furcht vor dem Unbekannten und Konflikte, geboren aus Leidenschaften wie Ruhmsucht, die wiederum zu Hass und Neid führt, beherrschen den menschlichen Naturzustand. Erst die Angst vor den Anderen lasse die Menschen eng zusammenrücken. Auf der anderen Seite kommt der Mensch aber durch rationale Überlegungen zu der Überzeugung, dass das von allen angestrebte Gut, die Selbsterhaltung, die als Naturrecht allen Menschen eignet, viel eher unter friedlichen als unter kriegerischen Bedingungen zu erreichen sei, während im Naturzustand „der Mensch des Menschen Wolf ist“ (homo homini lupus est).
Um einen solchen Zustand friedlichen Zusammenlebens zu erreichen, ist es nun notwendig, die Freiheit, Gefahrensituationen selbst zu entscheiden, an eine übergeordnete Autorität abzutreten, die als einheitlich handelnde Rechtsperson über dem Einzelnen steht. Aber nicht nur den Lebenserhalt betreffend, sondern auch in der Frage nach Lehre und öffentlicher Meinung gestand Hobbes dem Souverän die uneingeschränkte Gewalt zu – selbst die Kirchen wurden dem Staat untergeordnet. Damit versank die Religion jedoch keinesfalls in der Bedeutungslosigkeit, sondern diente mit ihren bindenden Normen der Stabilisierung des Souveräns.
Da Hobbes es als gegeben ansah, dass jeder sein Recht, sich selbst zu beherrschen, nur abgeben würde, wenn dies andere genauso täten, bedurfte es nun in einem zweiten Schritt verbindlicher Abmachungen in Form eines Gesellschaftsvertrages zwischen einer großen Anzahl von Menschen, um die Staatsgewalt endgültig zu legitimieren und ihr absolute Autorität zu verleihen. Es ist ein tragender Punkt im Hobbesschen Argument, dass die Gesamtheit der Verträge auf freiwilliger Anerkennung und Selbstverpflichtung des Bürgers beruht. Das heißt aber auch, dass eine solche Verständigung nur realisierbar ist, wenn die sich so zusammenschließenden Menschen über ein gemeinsames Medium verfügen: die Sprache. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt gegenseitigen Verständnisses.
Obwohl sich der Bürger in einem so verstandenen Staat selbst als Urheber des Souveräns verstehen kann, sodass Hobbes zufolge die natürliche Freiheit keineswegs eingeschränkt wird, sind die illiberalen Elemente in der Hobbesschen Staatstheorie unverkennbar. Dementsprechend groß waren auch die Anzahl und Namen seiner Gegner: David Hume und Immanuel Kant gehören zu den prominentesten Vertretern.
Obwohl in der Folgezeit schon die Utilitaristen wie der liberale Denker John Stuart Mill dazu geneigt waren, der Hobbesschen Theorie trotz ihrer Rechtfertigung absoluter Staatsgewalt wieder mehr Wohlwollen zukommen zu lassen, gewann sie erst mit dem Problem totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert wieder wirklich an Brisanz: Dabei nahmen nicht nur umstrittene Staatstheoretiker wie Carl Schmitt die Lehren Hobbes wieder auf; auch spieltheoretische Versionen der Vertragstheorie, wie wir sie bei John Rawls finden, zeigen eine latente Wirksamkeit des Leviathan.
Bedenkt man, dass Interessenkonflikte zwischen einem allein auf seinen Machterhalt orientierten Souverän und den Staatsbürgern nicht mitgedacht werden, scheint es schon fast wie eine Ironie des Schicksals, dass nach der Restauration der Monarchie im Jahr 1660 Hobbes sich plötzlich selbst einem System gegenübersah, das ihm nicht nur weitere englischsprachige Publikationen untersagte, sondern ihm auch bis zu seinem Tod immer wieder mit Gefängnis oder Exil drohte.
Im Europa liberaler demokratischer Staaten scheint die Staatstheorie von Hobbes auf den ersten Blick veraltet. Aber dass derart eingeschränkte Rechte des Bürgers nicht auf der Annahme des Wissens um gültige Wahrheiten, sondern im Gegenteil darauf beruhen, dem Menschen außer dem Recht auf Selbsterhaltung keine weiteren allgemeingültigen Rechte zuzusprechen, stimmt nachdenklich: Es zeigt, dass die Gefahr totalitärer Systeme durch einen moralischen Relativismus oder Skeptizismus keinesfalls gebannt ist. Die Einsicht, dass diese Tatsache auch in den Zeiten der Postmoderne ihre Gültigkeit behält, verdanken wir Thomas Hobbes.
Thomas Hobbes: Leviathan. Felix Meiner, Hamburg 1996, 673 Seiten, EUR 56,–