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Nach dem Massaker Kritik an Reportagen
Zur Dramatik in Erfurt – Der Presserat prüft erste Beschwerden
DT vom 07.05.2002

Von Tobias D. Höhn

Während Deutschland um die Opfer des Schulmassakers in Erfurt trauert, sind Heerscharen von Journalisten aus aller Welt den Hinterbliebenen und Zeugen des Blutbades auf der Spur. „Wer am meisten heult, kriegt den besten Sendeplatz“ – so fasste der Student Stefan Walluhn zusammen, was viele in der thüringischen Landeshauptstadt denken. Nun sind sogar die ers-ten Beschwerden formuliert und liegen dem Deutschen Presserat vor.

Schmidt gegen Kerner

Schon am Tag des Amoklaufs hatte das Verbrechen in den Medien ein Gesicht: Im Fernsehen und in vielen Zeitungen prangte das Konterfei des 19-jährigen Robert Steinhäuser. Auf vielen Sendern wechselten schrille Bilder heulender Alarmsirenen, tränenüberströmte Schüler und Schülerinnen und der Geschichtslehrer Rainer Heise. Im heimischen Wohnzimmer erzählte der 60-Jährige davon, wie er sich dem Amokschützen entgegenstellte.

Das ZDF hat seinen Moderator Johannes B. Kerner gegen Kritik des Sat.1-Entertainers Harald Schmidt wegen einer Kerner-Sendung zum Amoklauf in Erfurt verteidigt. „Kerners Fragen waren einfühlsam und angemessen“, sagte ein ZDF-Sprecher am Sonntag in Mainz und bestätigte einen Bericht der „Bild am Sonntag“. Schmidt will der Zeitung zufolge nicht zur Verleihung des Preises „Goldene Feder“ an ihn erscheinen, weil Kerner die Veranstaltung moderieren soll. Begründung für die Absage seien negative TV-Kritiken über Kerners Sondersendung zum Schulmassaker gewesen.

An Kerner war in einigen Zeitungen Kritik geäußert geworden, weil er in der abendlichen Sendung am Tag des Amok-laufs unter anderem einen elf Jahre alten Tatzeugen interviewt hatte. ZDF-Sprecher Philipp Baum warf Schmidt vor, „einen unnötigen Streit angesichts der furchtbaren Geschehnisse in Erfurt“ begonnen zu haben. Er vermute, dass Schmidt Kerner nur wegen dessen höherer Einschaltquoten angreife.

Den Zeitungen hat die Medienkritik überwiegend zugestimmt. „Die meisten Regionalzeitung haben sehr gute Arbeit ge-leistet“, urteilt der Medienwissenschaftler Michael Haller (Uni Leipzig). Schon kurz nach dem Amoklauf hätten viele Blätter auf hohem Niveau auch reflektierende Hintergründe angeboten.

Nur einige Blätter setzen seinen Beobachtungen zufolge auf eine nach Sensationen heischende Berichterstattung. Als Erstes habe eine große deutsche Tageszeitung den vollen Namen des 19-jährigen Amokschützen veröffentlicht. „Das war ethisch nicht haltbar. Selbst, wenn der Amokläufer zur Person der Zeitgeschichte wurde, hat der Name keinerlei Informationsgehalt“, sagt Haller. Mit den Folgen der Berichterstattung muss sich jetzt auch der Deutsche Presserat in Bonn beschäftigen. Das Selbstkontrollorgan der gedruckten Presse hat fünf Beschwerden vorliegen, in denen die Berichterstattung über das Erfurter Schulmassaker kritisiert wird. „Ich denke, dass es noch weitere Beschwerden geben wird“, sagt Pressesprecherin Ella Wassink über die ers-ten Reaktionen.

Ob tatsächlich ein Verstoß gegen den Pressekodex vorliegt, muss der Beschwerdeausschuss im Juni entscheiden. „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität“, heißt es in Ziffer elf. In Zeiten von Sondersendungen und Dauer-Live-Schaltungen „reiten viele auf einer Welle der Emotionalität“, meint der Dresdner Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach.

Die Verpackung zählt

Die Hinterbliebenen des Erfurter Schulmassakers werden nach eigenen Aussagen seit dem Blutbad „von Kameraobjektiven verfolgt, von Mikrofonen genötigt“. „Wir kamen fast nicht zu den Verletzten, so viele Pressemenschen standen vor dem Gutenberg-Gymnasium“, berichtet ein Katastrophenschutzhelfer. Einen Reporter habe die Polizei sogar abtransportieren müssen. In der Mainzer Partnerschule klagte ein Mädchen „Lasst uns endlich in Ruhe“, als ein Kamerateam erschien.

Die Spielregeln des Medienmarktes sind bekannt: „Kameraleute und Reporter vor Ort stehen unter enormem Druck“, sagt Donsbach. Dramatik werde um jeden Preis hergestellt. „Warum lasst ihr uns nicht in Frieden trauern“, fragt eine Schülerin über Lautsprecher vor mehr als tausend Bürgern auf dem Erfurter Domplatz. Dutzende Journalisten schreiben weiter mit, angesprochen fühlen sich wenige.

„Medien neigen auf Grund des verstärkten Wettbewerbes dazu, alles in ein Daily-Soap-Format zu packen“, sagt Haller. Durch die emotionale Darstellung der Fakten entstehe eine Geschichte mit Guten und Bösen: „Der Lehrer Heise taugt zur Heldengeschichte, der Mörder zum Hassobjekt.“

Auf der Jagd nach Einschaltquoten und Auflagen wurde nach Einschätzung des Dresdner Wissenschaftlers die Grenze der im Grundgesetz verankerten Informationspflicht überschritten. „Wird die besondere Rechtsstellung für kommerzielle Zwecke ausgenutzt, haben die Medien ihre Privilegien verspielt.“

Die ständig steigende Vermischung von Entertainment und Information habe langfristig auch Folgen für die Glaubwürdigkeit der Medien. „Die Verpackung zählt häufig mehr als der Inhalt. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus“, bedauert Donsbach.


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