08.01.2016 14:50

Optimismus reicht nicht – Realismus ist angesagt

Das angeblich hohe Bildungsniveau von Zuwanderern täuscht über die tatsächlichen Fähigkeiten: Zur Integration der Flüchtlinge in das Bildungswesen. Von Josef Kraus
  • Flüchtlinge in der Schule Flüchtlinge in der Schule
    Flüchtlingskinder stellen die Schulpolitik vor gewaltige Aufgaben.
    Foto: dpa
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Wäre die Sache nicht so ernst, man würde die Zahlen, die derzeit über heranwachsende Flüchtlinge durch die Lande gehen, je nach politischer Einstellung als Überbietungswettbewerb der Diskutanten, als Beschwichtigungsversuche der Politik, als nai-ve Blauäugigkeit oder als Symptom einer chaotischen Entwicklung betrachten. Die Wahrheit ist: Wenn nicht einmal die Regierenden eine verlässliche Zahl haben, wie viele Flüchtlinge insgesamt im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen sind, wenn mal von 800 000, mal von einer Millionen, mal von eineinhalb Millionen, mal von ei-ner hohen Dunkelziffer gesprochen wird, dann kann es auch keine verlässliche Zahl heranwachsender, schulpflichtiger Flüchtlinge geben. Seit geraumer Zeit drängt sich deshalb der Eindruck auf, dass vor allem die Bundespolitik in einer Art Raumschiff lebt und die Lage vor Ort nur aus der Entfernung betrachtet. Die Verantwortlichen in Ländern und Kommunen haben einen viel klareren Blick auf die Dinge.

Beteiligen wir uns dennoch – wenngleich etwas widerwillig – an der Berechnung von Zahlen, die für jede weitere Planung unerlässlich sind: Wir gehen von einer Million Flüchtlingen im Jahr 2015 aus. Wer sich Hintergrundbilder von den Flüchtlingsströmen genauer anschaut und wer sich nicht von den medial aufbereiteten Bildern von Flüchtlingen mit Müttern und Kindern ablenken lässt, der wird feststellen: Der allergrößte Teil der Flüchtlinge sind junge, volljährige Männer. Fernsehleute, die an der bayerisch-österreichischen Grenze ihren Dienst taten und tun und von denen ihre Chefredakteure vor allem Bilder mit Müttern und Kindern erwarteten, schätzen den Anteil junger Männer unter den Flüchtlingen hinter vorgehaltener Hand auf 70 Prozent. Also bleiben – grob geschätzt – 300 000 Frauen, Jugendliche und Kinder. Diese sind natürlich nicht alle schulpflichtig. Die Frauen ohnehin nicht, Kinder unter sechs Jahren noch nicht, volljährige junge Erwachsene nicht mehr. Also gehen wir wie die Kultusministerkonferenz vorläufig von 200 000 Schulpflichtigen aus. Im Moment! Im Jahr 2016 werden es womöglich 500 000 bis eine Million sein. Denn die vielen jungen Männer wollen ihre Familien nachholen.

Egal, ob es um 200 000 oder 500 000 oder um eine Million geht: Das allgemeinbildende und das berufsbildende Schulwesen steht angesichts des Zustroms an schul-pflichtigen Flüchtlingen insbesondere in Ballungsregionen rein quantitativ vor gigantischen Herausforderungen. Kulturell, strukturell und qualitativ ohnehin! Diese Zahlen können nicht dadurch kleingerechnet werden, dass es sich dabei „nur“ um zwei bis zehn Prozent aller Schüler in Deutschland handle und damit ein demographischer Durchhänger ausgeglichen werde.

Um den Bedürfnissen der geflüchteten Kinder und Jugendlichen sowie deren Erwartungen an das deutsche Schul- und (Aus-)Bildungswesen gerecht zu werden, müssen Bund, Länder und Kommunen einen Masterplan auflegen. Ein „Wir-schaffen-das“-Optimismus-Mantra reicht nicht. Nur mit erheblichen zusätzlichen personellen Kräften und finanziellen Mitteln kann ein solcher Plan gelingen. Die von der Kultusministerkonferenz (KMK) für 2014/15 mit 2,3 Milliarden Euro errechneten Gesamtkosten für die Schulbildung von Flüchtlingskindern sind längst überholt. Nicht eingerechnet sind hier zum Beispiel die Kosten für „umF“ (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge), die pro Monat und Person im Schnitt 4 000 Euro ausmachen.

Die reale Herausforderung besteht darin, dass es sich bei der Flüchtlingsklientel hin-sichtlich kultureller, religiöser und geographischer Herkunft um sehr heterogene Gruppen handelt, die zu erheblichen Teilen kaum alphabetisiert sind oder nur eine geringe schulische Vorbildung haben, kaum Deutsch sprechen und vielfach traumatisiert sind. Der größte Teil von ihnen braucht vor der Integration in Regelklassen eine zielgruppenspezifische Einführung.

Insgesamt, so Stand Mitte Dezember 2015, wollen die 16 deutschen Länder dafür 7 800 neue Lehrer für Maßnahmen zur Integration einstellen; die meisten mit 1 700 Bayern und mit 1 200 NRW. Das wird nimmer reichen. Rechnen wir realistisch mal anders und gehen nach Familiennachzug im Jahr 2016 von 500 000 schulpflichtigen Flüchtlingen aus. Diese jungen Leute brauchen eine Intensiv-Vollzeitbeschulung in Gruppen von maximal 15 Leuten. Das ergibt einen Bedarf an rund 33 000 Klassen. Wenn man ferner rechnet, dass jede Klasse für eine Vollzeitbeschulung 1,5 Lehrer braucht, dann bedeutet dies einen Bedarf an ziemlich genau 50 000 Lehrern. Diese wiederum kosten pro Jahr etwa 2,5 Milliarden Euro. Hierbei sind noch nicht mitgerechnet die Kosten für die Lebenshaltung sowie Personalkosten für Sozialpädagogen, Dolmetscher und Trauma-Therapeuten.

Am weitesten mit Maßnahmen zur schulischen Integration von Flüchtlingen scheint der Freistaat Bayern. Bayern will für 2016 zusätzliche 160 Millionen Euro für die Integration junger Asylbewerber zur Verfügung stellen und damit die Anzahl der Übergangsklassen an Grund- und Mittelschulen sowie der Berufsintegrationsklassen in etwa verdreifachen.

Derzeit gibt es 530 solcher Übergangsklassen an Grund- und Mittelschulen sowie 450 Berufsintegrationsklassen an Berufsschulen. Letztere Klassen sind auf zwei Jahre angelegt. Im ersten Jahr lernen die jungen Asylbewerber dort vor allem die deutsche Sprache, im zweiten Jahr bekommen sie eine eingehende Berufsorientierung

Was quer durch alle 16 deutschen Länder zudem notwendig wäre, das ist ein einheitliches Konzept. Im Moment haben wir hier einen Wirrwarr an Begriffen: Auffangklassen, Willkommensklassen, Förderklassen, Einstiegsklassen, Integrationsklassen. Und zumindest am Rande sei erwähnt, dass die ach so geschmähte Hauptschule jetzt plötzlich wieder gebraucht wird, hat sie doch die meisten Erfahrungen und Erfolge bei der Integration von Migrantenkindern. Es ist schon ein Treppenwitz der jüngeren Schulgeschichte, dass ausgerechnet diese verteufelte Schulform nun Vorbildliches zu leisten vermag.

Das A und O der späteren Integration ins Regelschulsystem sind das wenigstens rudimentäre Beherrschen der deutschen Sprache sowie Basiskenntnisse über deutsches und europäisches Recht, deutsche und europäische Geschichte, deutsche und europäische Geographie sowie deutsche und europäische Kultur.

Der Erwerb der deutschen Sprache setzt in der Regel einen mindestens 800 Stunden umfassenden Unterricht in Deutsch als Zweit- beziehungsweise Fremdsprache voraus. Um die dafür geeigneten Lehrkräfte verfügbar zu haben, sollten die ausreichend am Markt verfügbaren jungen Lehrkräfte mit Fakultas Deutsch für eine Fortbildung in der Didaktik und Methodik des Faches Deutsch als Zweitsprache gewonnen werden.

Auch hier kommt es auf Qualität an. Professor Helmut Glück, bis vor kurzem Professor für Deutsche Sprachwissenschaft inklusive Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bamberg, warnte soeben in einem Beitrag für die FAZ vom 22. Oktober 2015 vor einem Zuwenig an Ausbildungs- und Lehrqualität. Er sieht die bislang zum Beispiel von diversen kommunalen oder kirchlichen Bildungswerken aufgelegten Programme zur Qualifizierung von Lehrern im Fach Deutsch als Fremdsprache beziehungsweise als Zweitsprache sehr kritisch und meint, eine solide akademische Ausbildung in diesem Fach könne hier nicht durch Engagement und guten Willen ersetzt werden. Der Fachverband für Deutsch als Fremdsprache gibt ihm Recht. Er fordert die Einstellung von Lehrkräften mit einschlägiger didaktischer Hochschulausbildung

Wie auch immer die Weiterbildung solcher Lehrer aussehen mag: Den entsprechend weitergebildeten Lehrkräften sollten schließlich Jahresverträge angeboten und für spätere Bewerbungen um Planstellen gegebenenfalls Boni eingeräumt werden. Die dafür notwendigen Mittel können durch Nachtragshaushalte zur Verfügung gestellt werden. Ohne dass dadurch der Bildungsföderalismus in Frage gestellt wird, ist hier eine finanzielle Beteiligung des Bundes erforderlich, weil es sich bei der Integration der Flüchtlinge um eine gesamtstaatliche Aufgabe handelt.

Die spätere Integration junger Flüchtlinge ins Regelschulwesen setzt voraus, dass jeder heranwachsende Flüchtling die zu ihm passende Schulform oder den zu ihm passenden Ausbildungsweg findet. Um diese Passung zu erreichen, bedarf es individueller Potenzialanalysen, die von Schulberatern, Schulpsychologen und Berufsberatern erstellt werden. Eine zum Zwecke rascherer Integration verschiedentlich diskutierte vorübergehende Absenkung schulischer Ansprüche ist nicht zielführend: Damit würden sowohl für die Stammschüler wie auch für die heranwachsenden Flüchtlinge die späteren Chancen geschmälert.

Verwunderlich sind in diesem Zusammenhang Äußerungen von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere. Mit seinem Vorschlag einer vorübergehenden Absenkung des Bildungsniveaus zum Zweck einer rascheren Integration von Flüchtlingen erweist de Maiziere den Stammschülern, den Zuwanderern und dem Arbeitsmarkt nämlich einen Bärendienst. Eine als vorübergehend gedachte Absenkung des Bildungsniveaus kann gar nicht funktionieren, weil sich eine solche Absenkung erfahrungsgemäß perpetuiert. Natürlich müssen unsere Bildungseinrichtungen angesichts der aktuellen Lage improvisieren. Das tun sie in hohem Maße und mit vorbildlichem Engagement. Eine volle Integration von Flüchtlingskindern in Regelklassen setzt aber erweiterte Strukturen und zusätzliche Ressourcen voraus. Dabei dürfen auch die „an-gestammten“ Schüler nicht vernachlässigt werden.

Migrantenkinder sind in Sachen Bildung Risikogruppen. Pisa 2003 gibt dazu differenziert Auskunft. Im getesteten Schwerpunktbereich Mathematik erreichte Deutschland mit 503 Punkten einen international mittleren Wert. Deutsche Schüler ohne Migrationshintergrund erzielen hier 527 Punkte, deutsche Schüler mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil 508, Kinder zugewanderter Familien 454 und Kinder der ersten Migrantengeneration 432. Das bedeutet: Zwischen diesen vier Gruppen liegt eine Lern- und Leistungsdifferenz von fast drei Schuljahren. Ansonsten erreichen Migrantenkinder in Deutschland in etwa ein Pisa-Ergebnis, wie es eines der bislang größten Herkunftsländer deutscher Immigranten ausweist, nämlich die Türkei: Diese kam bei Pisa 2003 in Mathematik auf insgesamt 423 Pisa-Punkte, in den Naturwissenschaften auf 441 und im Lesen auf 434. Es ist aber zu vermuten, dass die Flüchtlinge der Jahre 2015 und 2016 en gros nicht einmal dieses Niveau erreichen.

Man darf sich also nicht täuschen lassen von dem vielfach berufenen, angeblich hohen Bildungsniveau von Zuwanderern. Das IFO-Institut der Universität München stellte dazu kürzlich fest: „Zwei Drittel der Achtklässler in Syrien haben 2011, also noch vor Ausbruch des Bürgerkrieges, nicht einmal ein Kompetenzniveau erreicht, das der untersten Stufe des Pisa-Tests entspricht. … Der Rückstand der jungen Syrer entspricht vier bis fünf Jahren Schulbildung.“

Zum Teil sehr wenig Aussagekraft haben auch so manche Diplome, die Zuwanderer mitbringen. Der Entwicklungspsychologe Heiner Rindermann von der Universität Chemnitz spricht gar davon, dass Flüchtlinge, die mit einem Ingenieursdiplom aus dem Nahen Osten kommen, eher auf dem Realschulniveau einzustufen sind. Rindermann warnt sogar davor, dass die Gesellschaft die Kosten der Integration von Hunderttausenden von Flüchtlingen über Jahrzehnte zu tragen habe, und dass diese Kosten insbesondere zulasten der ärmeren Schichten gehen.

Nicht unwichtig ist zudem, was eine frühere Studie über die Auswirkungen des Migrantenanteils in einer Klasse auf deren Leistungsniveau aussagt. In Pisa 2000 heißt es dazu, dass ein Ausländeranteil von mehr als zwanzig Prozent zu einer „sprunghaften“ Verringerung des Leistungsniveaus führt. Die Eltern von Migrantenkindern urteilen übrigens genau so. Das hat die Studie „Bildung; Milieu und Migration“ der Universität Düsseldorf zuletzt zutage gefördert.

Spezialisten für berufliche Bildung halten nicht zu Unrecht sehr zeitaufwendige Integrationsmaßnahmen für jugendliche Flüchtlinge für notwendig: zwei Jahre Deutschlernen bei Analphabeten, ein Jahr Hauptschulklasse zum Erwerb des Hauptschulabschlusses, zwei Jahre Berufsfachschule zum Erwerb der Fachschulreife, drei Jahre duale Ausbildung. Das sind sieben Jahre, die sich allenfalls um ein Jahr verkürzen lassen, wenn bereits eine gewisse schulische Vorbildung vorliegt.

Eine Mammutaufgabe, für deren Bewältigung neben einem Schuss Optimismus vor allem viel Realismus gebraucht wird!

Der Autor ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.



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