25.01.2016 15:10

„Heute ist die Kirche die Verteidigerin des Leibes“

Das Symposium der „Demo für alle“ zu Sexualpädagogik und Gender in Stuttgart erörterte Hintergründe von Bildungsplan und Aktionsplan. Von Sebastian Krockenberger
  • „In der Andersheit der Geschlechter ist das Geheimnis des Daseins enthalten“, stellte Frau Professor Gerl-Falkovitz bei Kongress über „Sexualpädagogik und Gender auf dem Prüfstand der Wissenschaften“ in Stuttgart fest.
    Foto: Krockenberger
Bild von

Durch den Bildungsplan und einen Aktionsplan versucht die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ in Schule und Land hineinzutragen. Schüler und Bürger sollen allen Arten von Sexualität aufgeschlossen gegenüberstehen. Um die wissenschaftlichen Hintergründe freizulegen, hat die „Demo für alle“ am vergangenen Samstag zu einem Symposium in die Stuttgarter Liederhalle eingeladen. Unter dem Titel „Sexualpädagogik und Gender auf dem Prüfstand der Wissenschaften“ verfolgten über 900 Gäste im Mozartsaal fünf Vorträge und eine Podiumsdiskussion. 400 Polizisten waren im Einsatz, denn etwa 100 Gegendemonstranten standen am Vormittag vor der Liederhalle. Linksextreme Störer jedoch versuchten die Tagung zu behindern. Und im Hegelsaal der Liederhalle fand zeitgleich ein SPD-Landesparteitag statt.

„Heute ist die Kirche die Verteidigerin des Leibes“, erklärte Frau Professor Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Die Religionsphilosophin sieht Mann und Frau als Pole, die in spannungsreicher Beziehung stehen sollen. Sie wählte Beispiele aus hinduistischen und chinesischen Mythen. Dort wird die Ehe fast immer in Verbindung zu Weltschöpfung und Welterhaltung gesetzt.

„In der Andersheit der Geschlechter ist das Geheimnis des Daseins enthalten“, stellte sie fest. Die Frau ist das, was das Lebendige repräsentiert. Sie definiert die Höhe der erotischen Beziehung. Die Frau ist das Ziel, um das geworben wird. Es besteht ein Risiko, dass die Frau sich gibt, obwohl sie nicht als Leben erkannt wird. Die Frau wird am Mann zur Frau, und der Mann an der Frau. Der Mann ruft die Frau in die Wirklichkeit, und die Frau vollendet das in der Geburt des Neuen.

Tomas Kubelik, Germanist und Gymnasiallehrer, zeigte, wie durch öffentliche Stellen die Sprache entgegen der gängigen Rechtschreibregeln und gegen jedes Stilgefühl verändert wird. Die feministische Sprachkritik meint, in der Sprache eine Benachteiligung der Frau zu finden. Durch Veränderung der Worte sucht sie, diese vermeintliche Benachteiligung zu beenden. Doch Sprache an sich sei neutral. Es sei nicht bekannt, woher das jeweilige grammatische Geschlecht eines Wortes stamme. Das grammatische Geschlecht steht meist nicht im Zusammenhang mit dem biologischen Geschlecht: „,Das Schiff ist ein Neutrum. Wenn es einen Namen bekommt: Wir sagen ,die Titanic‘.“

Durch die Veränderung der Sprache nach den Gesichtspunkten des Gender-Mainstreamings wird das sinnerfassende Lesen sehr schwer. Er nannte Kuriositäten wie: „20 Prozent aller ManagerInnen sind Frauen.“ oder „Kinderinnen und Kinder“. In dieser politischen Beeinträchtigung der Sprache sieht er einen Angriff auf freies Denken und freie Meinungsäußerung.

Sexualpädagogik ignoriert empirische Erkenntnisse

Nach der Mittagspause sprach Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualwissenschaft (DGSS), über die Vermachtung innerhalb der deutschen Sexualpädagogik. Er erkennt ein „Meinungskartell“, „das sich gegenseitig bestätigt“ und forderte mehr wissenschaftliche Pluralität. Viele Homosexuelle hätten ein Problem damit, was der LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) vorgebe. Vieles, was die „staatliche Sexualaufklärung“ vorgebe, „seien sexualphilosophische Annahmen“, beruht also nicht auf empirischen Erkenntnissen. Er nannte die Annahme einer sogenannten „psychosexuellen Entwicklung“. Schon Säuglinge sollen nach dieser Theorie bereits sexuell empfinden.

Dabei kritisierte er, dass sich die deutsche Sexualpädagogik gegen Erkenntnisse aus Humanbiologie, Entwicklungspsychologie oder Erfahrungen von Traumatherapeuten abschottet. Er warf der deutschen Sexualpädagogik „social engineering“ vor, ein politisch-wissenschaftlicher Ansatz, der versucht, Menschen entsprechend sozialwissenschaftlicher Theorien umzuformen. Der katholische Theologe Professor Manfred Spieker, emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften, zeigte, wie Gender-Mainstreaming seit einem Kabinettsbeschluss der Regierung Schröder im Jahr 1999 in Deutschland durchgesetzt wird. „Gender-Mainstreaming geht von der Überzeugung aus, dass das Geschlecht nicht etwas von der Natur Vorgegebenes ist, sondern durch Gesellschaft, Kultur und Sprache determiniert wird.“ Der Gender-Theorie gehe es „nicht um die Kultivierung, sondern um die Dekonstruktion der Sexualität, genauer um die Dekonstruktion der Heterosexualität. … An die Stelle der sexuellen Identität als Mann oder als Frau, die von der Natur vorgegeben ist, tritt die sexuelle Orientierung, die der Mensch selbst wählt, die also allein von seinem Willen abhängen soll.“

Professor Spieker sieht „die Gender-Theorie in einer langen Tradition der Leibfeindlichkeit“, die bis in die Gnosis der Spätantike zurückreiche, „die im Leib wie in der Materie schlechthin ein Gefängnis des Willens sah und die davon ausging, dass der Mensch ein Gott sei, eingesperrt in die dumpfe Trägheit seines Fleisches.“ Diese maßlose Überschätzung der menschlichen Möglichkeiten wird auch heute wieder sichtbar. „Wir bestimmen, ob ein Embryo schon und ein pflegebedürftiger oder dementer Patient noch ein Mensch ist.“ Eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ nennt er als „das eigentliche Schlachtfeld des Gender-Mainstreaming“. Alle sexuellen Orientierungen und Praktiken sollen in Schule, Kita und Kindergarten als normal und gleichwertig dargestellt werden. Professor Uwe Sielert aus Kiel sei der akademische Kopf der „Sexualpädagogik der Vielfalt“.

Raphael Bonelli, Psychiater und Neurowissenschaftler, zitierte in seinem Vortrag Siegmund Freud: „Pervers ist jede Sexualität, die nicht auf den Koitus abzielt.“ Damit ist die Vereinigung von Mann und Frau zur Zeugung von Nachkommen gemeint. Bonelli schreckte nicht vor drastischen Beispielen zurück: Saso Baricevic, Transsexueller und Prominentenarzt aus Slowenien, wurde von seinen beiden Kampfhunden zerfleischt. „Die Tierärzte nehmen an, dass die Hunde seit langem und möglicherweise von mehreren Personen missbraucht wurden“, berichtete im März 2010 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter der Überschrift „Die Rache der missbrauchten Hunde“.

Bonelli zeigte Unterschiede zwischen Mann und Frau im hormonellen Bereich, bei der körperlichen Leistungsfähigkeit, des Weiteren bei Körperfett, Knochenbau, bei Krankheiten – auch bei psychischen – oder auch bei der Lebenserwartung. Aus seiner langen wissenschaftlichen und psychiatrischen Tätigkeit heraus konnte er bestätigen, dass Männer eher sachorientiert und Frau eher personenorientiert seien. Er bezeichnete den Satz von Simone de Beauvoir „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird dazu gemacht“ als im Grunde sexistisch. Denn so wird die Frau nur als misslungener Mann gedacht und nicht als Mensch mit seinen besonderen Aufgaben und Eigenschaften.

Ursprünglich hätten die Vertreter verschiedener Ansichten bei der abschließenden Podiumsdiskussion zu Wort kommen sollen. Doch die angefragten Vertreter der Regierungsparteien SPD und Grüne, wie die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) und die Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch MdL (Grüne) oder die Verfechter einer emanzipatorischen Sexualpädagogik und des Gender-Mainstreamings, wie Professor Sielert, wollten an diesem Diskurs nicht teilnehmen.

Hedwig von Beverfoerde, Gründerin der Initiative Familienschutz und Mitorganisatorin der „Demo für Alle“, hatte Professor Sielert angeschrieben: „In der anschließenden Podiumsdiskussion sollen verschiedene, auch kontroverse Standpunkte zu Wort kommen. Dazu möchten wir unter unseren Kritikern insbesondere der Gesellschaft für Sexualpädagogik und dem Wissenschaftlichen Beirat des ISP (Institut für Sexualpädagogik) Dortmund Gelegenheit geben.“ Sielert hat mit Verweis auf Termine abgesagt. Die Veranstaltung sei für ihn „auch nicht ganz so attraktiv“.

Im Vorfeld der Veranstaltung hat Christoph Michl, Organisator des Christopher Street Days in Stuttgart, Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) angeschrieben: „Nun sind Versammlungsfreiheit und offene Meinungsäußerung zu Recht äußerst hohe Güter unserer Demokratie. Ob für plumpen Populismus und falsche Thesen der sogenannten ,Demo für Alle‘ nun aber auch Türen und Tore der stadteigenen Veranstaltungsstätten – in diesem Falle der Liederhalle – geöffnet werden müssen, wagen wir jedoch ernsthaft zu bezweifeln.“ Dem politisch Andersdenkenden werden zwar die Bürgerrechte nicht aberkannt, doch es wird versucht, ihn in der Ausübung seiner Bürgerrechte einzuschränken. Oberbürgermeister Kuhn distanzierte sich zwar von den Inhalten des Symposiums, doch er schrieb den Christopher-Street-Day-Aktivisten ins Stammbuch: „Zu unserer Demokratie gehört aber, auch Meinungen auszuhalten, die einem nicht passen – so schwer es einem fallen mag.“

Das Meinungskartell der Genderanhänger aufbrechen

Diese Worte des Oberbürgermeisters nahmen sich linksextreme Störer nicht zu Herzen. Rund 100 Gegendemonstranten versammelten sich zwischen 9 und 11 Uhr vor der Liederhalle. Zeitweise wurde von Störern der Zugang zum Tagungsort verhindert. Erst nach Intervention der Organisatorin Hedwig von Beverfoerde hat die Polizei den Zugang zur Liederhalle wieder ermöglicht. In einem bekannten Fall wurde eine Mitarbeiterin des Symposiums von Störern eingekeilt, getreten und beschimpft. Im Mozartsaal kam es zu keinen Übergriffen. Neben dem großen Polizeiaufgebot hat der Veranstalter mit eigenem Personal für Sicherheit sorgen müssen.

An der Podiumsdiskussion unter der Moderation von Philipp Gut von der Schweizer „Weltwoche“ nahmen Jakob Pastötter, Raphael Bonelli, Professor Manfred Spieker, Anika Veigel (Mutter von drei Kindern aus dem Schwarzwald) und Ulrike Walker (Volksinitiative zum Schutz vor Sexualisierung im Kindergarten und der Primarschule, Schweiz) teil.

Die dreifache Mutter Anika Veigel erklärte über Gender-Mainstreaming und die „Sexualpädagogik der Vielfalt“: „Es ist einfach lächerlich, darüber zu reden. Viele nehmen das einfach nicht wahr, weil das einfach so absurd ist.“ Sicherheit und Orientierung stehen für sie im Mittelpunkt. „Wenn wir nicht aktiv die Verantwortung für unsere Kinder übernehmen, dann übernimmt sie jemand anders, zum Beispiel Gender“, warnte sie.

Landtagsabgeordneter Ulrich Müller MdL (CDU), der im Landtag die bedenklichen Aspekte von Aktionsplan und Bildungsplan mehrmals zur Sprache gebracht hatte, besuchte das Symposium. „Es ist schon traurig, dass eine wissenschaftliche Tagung Polizeischutz braucht“, sagte er angesichts der Störaktionen vor der Halle, „Es sind Leute, die von Vielfalt und Buntheit reden, die nun eine wissenschaftliche Tagung behindern.“ Über das Symposium zog er ein positives Fazit: „Diese Themen haben es ... verdient, dass sie öffentlich wahr- und ernstgenommen werden.“

Die Organisatorin Hedwig von Beverfoerde, ebenfalls CDU-Mitglied, wertete die Veranstaltung als einen „gigantischen“ Erfolg. Sie hob die gute Atmosphäre unter den Tagungsteilnehmern hervor. Tosender Beifall begleitete jeden Vortrag. In Bezug auf Bildungs- und Aktionsplan wurden die zweifelhaften und problematischen Hintergründe dieser grün-roten Projekte sichtbar. Ein Alternative zur „emanzipatorischen Sexualpädagogik“ von den Leuten um Sielert ist die „entwicklungssensible Sexualpädagogik“, für die die persönliche Gesamtentwicklung von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt steht.



  Drucken     Versenden