23.11.2015 15:30

Gott ist nicht Gewalt – Gott ist die Liebe

Symposium in Rom zum 10. Jahrestag der Enzyklika Deus caritas est und Verleihung des Joseph-Ratzinger-Preises. Von Claudia Kock
  • In der Sala Regia im Apostolischen Palast. Nabil El-Khoury links neben Karl Müller; Mario de Franca Miranda rechts von ihm (vom Betrachter aus gesehen).
    Foto: Kock
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Rom (DT) Die Adventszeit des Jahres 2005 brachte nicht nur die Vorfreude auf Weihnachten mit sich, sondern auch die Erwartung eines wichtigen kirchlichen Dokuments: die erste Enzyklika des neuen Papstes Benedikt XVI. Man hoffte, darin ein „Regierungsprogramm“ seines Pontifikats zu finden, wenngleich Benedikt XVI. selbst diese Erwartung bereits stark relativiert hatte, als er in der Predigt zu seiner Amtseinführung im April 2005 gesagt hatte, er beabsichtige nicht, ein „Regierungsprogramm vorzulegen“, denn „das eigentliche Regierungsprogramm“ sei es, „nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte.“

Am ersten Weihnachtstag erschien die Enzyklika: Deus caritas est – Gott ist die Liebe. Und die Liebe in ihrer untrennbaren Einheit von Gottesliebe und Nächstenliebe, ist „der rote Faden, der das gesamte Pontifikat Benedikts XVI. durchzieht“, so der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch in seinem Eröffnungsvortrag des internationalen Symposiums „Deus caritas est – Tür der Barmherzigkeit“, das die „Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger – Benedetto XVI“ in der vergangenen Woche zum zehnten Jahrestag der Enzyklika an der Lateranuniversität und dem Patristischen Institut „Augustinianum“ in Rom veranstaltete, in Zusammenarbeit mit den Päpstlichen Hochschulen „Regina Apostolorum“, „Angelicum“ und „Santa Croce“ sowie mit dem Regensburger „Institut Papst Benedikt XVI.“ und der Philosophisch-Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz.

Auf dem Hintergrund der grausamen Terroranschläge von Paris am 13. November sowie der Gewalt, mit der der „Islamische Staat“ große Teile des Nahen und Mittleren Osten überzieht, Andersgläubige gnadenlos ermordet und Millionen von Menschen in die Flucht treibt, erweist sich die Enzyklika Deus caritas est als hochaktuell: „Gott ist die Liebe“ sei die einzige christliche Antwort gegenüber jenen, die „Gott ist groß“ rufen und dann zur Waffe greifen und morden, so Monsignore Antonio Scotti, Präsident der „Fondazione Joseph Ratzinger“.

Mit dieser Aktualität der Enzyklika befasste sich eine Podiumsrunde, an der ein illustrer persönlicher Freund Benedikts XVI. teilnahm: Giorgio Napolitano, italienischer Staatspräsident von Mai 2006 bis Januar 2015. Mit leiser, aber eindrücklicher Stimme sprach der emeritus des italienischen Staatswesens über seine besondere Beziehung zum zwei Jahre jüngeren emeritus des Sitzes Petri, deren Amtszeiten sich fast vollständig überschnitten. Beide hätten, so Napolitano, als Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts den Zweiten Weltkrieg ebenso miterlebt wie die anschließende Herausbildung neuer politischer Ordnungen und Verfassungen, die schließlich zum vereinten Europa führten. Heute, so Napolitano weiter, stünden wir fassungslos einer Situation gegenüber, in der der Hass verherrlicht und der Name Gottes mit Gewalt und Rache verbunden werde. Dadurch gewinne die Enzyklika Deus caritas est heute sehr an Bedeutung, denn im Jahr 2005 habe niemand die „schreckliche Nacht von Paris“ vorausahnen können. Das grausame Hinschlachten von Menschen als religiöse Sendung zu begreifen sei eine kaum zu fassende Monstrosität. Gerade in dieser Situation habe die Kirche eine wichtige politische und soziale Rolle, denn mit rein institutionellen Mitteln, wie etwa Erziehung und Bildung, könne man dieser Geißel nicht Herr werden. Die Welt brauche die Kirche und ihre Verkündigung der Liebe gegen den Hass.

Deus caritas est könne, so ein weiterer Podiumsgast – Gian Guido Vecchi, Vatikankorrespondent der Tageszeitung Corriere della Sera – beinahe „als Kommentar zu den gegenwärtigen Ereignissen gelesen werden“. Auch der Bischof von Faenza-Modigliana, Mario Toso, bestätigte die „Aktualität der Enzyklika angesichts der tragischen Ereignisse von Paris“, Ihre „Friedfertigkeit“ sei genau das, was wir „angesichts des Lärms und der Schreie in der Welt“ bräuchten. Es erinnere ihn an die innere Ruhe, die Pius XII. im Zweiten Weltkrieg ausstrahlte. Heute, da wir „stückchenweise den Dritten Weltkrieg erleben“, müsse die Kirche, so der Bischof, den Weg des Friedens ebnen und sich am Kreuz Christi festhalten, das – wie es in der Enzyklika Deus caritas est heißt – „eine Einleitung zur Weitergabe des Heiligen Geistes“ und damit zum Aufbau einer neuen Welt sei. Diese Enzyklika sei „ein großer Schatz in diesem Augenblick, da wir vom Dritten Weltkrieg überrollt werden“.

Auch das in der Enzyklika angesprochene Thema der katholischen Wohlfahrtsverbände kam auf dem Symposium zur Sprache, in den Vorträgen von Vincent Twomey SVD und Kurienkardinal Paul Josef Cordes. Sie müssten vollständig in die Sendung der Kirche integriert werden, wozu mit Änderung der Statuten der „Caritas“ ein wichtiger Schritt getan worden sei, so Cordes.

Auf die Frage eines Symposiumsteilnehmers nach der Haltung der Kirche zum assistierten Suizid antwortet Kardinal Koch, Gott liebe den Menschen bis in seine letzte Hinfälligkeit hinein. Daher müssten die Christen den Menschen bei der Hand nehmen und dürften ihn nicht durch die Hand in den Tod hineinführen.

Über das Spannungsfeld von Wahrheit und Barmherzigkeit sprach der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller. Wo Barmherzigkeit und Wahrheit zueinander in Gegensatz gestellt würden, würde die Barmherzigkeit verfälscht und auf ein emotives Mitgefühl reduziert werden, das nicht in der Lage sei, den Menschen zu retten. Erzbischof Rino Fisichella zeigte den theologischen Weg von Deus caritas est bis hin zu Franziskus‘ Verkündigungsbulle zum bevorstehenden Jubiläum der Barmherzigkeit Misericordiae vultus auf.

Kardinal Angelo Scola betonte Papst Benedikts ganzheitliche Anthropologie: Der „Mensch“, von dem er spricht, sei kein abstrakter Mensch, sondern der einzelne, ganz konkrete Mensch, der seinen Weg gehen muss und dem das Drama der Freiheit nicht erspart bleibt.

Vier Vorträge waren der Rezeption der Enzyklika auf verschiedenen Kontinenten gewidmet. Kardinal Robert Sarah sprach sich energisch gegen die Annahme von Geldern für karitative Zwecke in Afrika aus, die an Bedingungen gebunden seien, die die katholische Identität oder die Lehre der Kirche angriffen. Msgr. Mariano Fazio von der Prälatur des Opus Dei betonte den Einfluss der Enzyklika auf das Dokument von Aparecida, das „eine neue Epoche in der Geschichte des Glaubens“ in Lateinamerika bezeichnet. In Nordamerika und Australien sei, so Romanus Cessario OP, die Enzyklika Deus caritas est durchweg positiv aufgenommen worden, mit Ausnahme jener Umfelder, die unter dem Einfluss der Befreiungsbewegung der 60er Jahre sowie der feministischen und der sexuellen Revolution stünden. Über verschiedene Reaktionen auf die Enzyklika im europäischen Raum sprach Justinus Pech OCist und zeigte mögliche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen auf. Ein fünfter Vortrag über den asiatischen Kontinent musste entfallen.

Das gegenwärtige Martyrium der Christen in vielen Teilen der Welt war Thema des Vortrags von Ralph Weimann von der Päpstlichen Hochschule „Regina Apostolorum“. Diese Situation werde noch dramatischer aufgrund der Gleichgültigkeit vieler Christen in der westlichen Welt. Dies sei ein Zeichen für die Lauheit im Glauben.

Am Tag nach dem Symposium wurden im Patristischen Institut „Augustinianum“ zwei neue römische Initiativen vorgestellt: ein Masterstudiengang zur Person und zum Werk Benedikts XVI. und eine entsprechende Spezialbibliothek im Kolleg des „Camposanto Teutonico“. Der Präsident des „Augustinianums“, Pater Robert Dodaro OSA, hob bei der Vorstellung des neuen Masterstudiengangs die besondere Verbundenheit des Patristischen Instituts mit Benedikt XVI. durch die Person des heiligen Augustinus hervor. Über die neue Bibliothek sprach der Direktor des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, Monsignore Stefan Heid. Die Bibliothek sei keine „Initiative der Ratzinger-Fans“, sondern eine akademische Einrichtung, die der Vertiefung und Wertschätzung des immensen Werkes Joseph Ratzingers dienen solle.

Nach der Vorstellung eines neuen Bandes der italienischen Übersetzung des Gesamtwerks Joseph Ratzingers durch Pater Nello Cipriani OSA begaben sich die Symposiums-Teilnehmer in die nahegelegene „Sala Regia“ des Apostolischen Palastes, wo der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, im Namen von Papst Franziskus den diesjährigen „Ratzinger-Preis“ verlieh. Er ging an den brasilianischen Jesuiten Mario de França Miranda von der Katholischen Universität von Rio de Janeiro sowie an den libanesischen Professor Nabil El-Khoury, der unter anderem zahlreiche Werke Joseph Ratzingers ins Arabische übersetzte. Kardinal Müller verwies auf die Tatsache, dass sie als erste Träger des seit 2011 jährlich verliehenen Preises nicht aus der „westlichen Welt“ stammen. Papst Franziskus setzte durch ihre Wahl ein deutliches Zeichen für die Katholizität der Kirche, die in der Einheit ihres Glaubens zum Ausdruck kommt. Er hatte auch eine Grußbotschaft an das Symposion gesandt.

„Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“: Dieser Kernsatz der Enzyklika wurde von fast allen Referenten zitiert. Er kann gerade heute, da Hassprediger und brutale Gewalttäter Gott auf eine Ideologie reduzieren wollen, als geradezu prophetisch gelten. Wir wissen nicht, wie die Welt in weiteren zehn Jahren aussehen wird. Aber wir wissen: Es gibt keinen anderen Gott als den, der die Liebe ist.



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