03.02.2016 15:40

Franziskus als Friedensmissionar

Pastoralreise nach Mexiko: Vom Nationalheiligtum Guadalupe auf den Spuren von Las Casas bis zur Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Von Regina Einig
  • Ein Hut für einen Papier-Franziskus: Mexiko freut sich auf den Papst.
    Foto: dpa
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Beschwingt bereiten sich die mexikanischen Katholiken auf den ersten Pastoralbesuch eines lateinamerikanischen Papstes vor. Selbst in Regierungskreisen ist mehr als nur formale Höflichkeit gegenüber dem Pilger aus Rom angesagt, dessen Besuch die Kirche unter das Leitwort „Missionar der Barmherzigkeit und des Friedens“ gestellt hat. Was 1979 in dem strikt laizistischen, ja antiklerikalen Land vor der Ankunft Johannes Pauls II. völlig undenkbar gewesen wäre, ist seit Wochen bei Youtube zu sehen: Mexikos First Lady Angélica Rivera hat gemeinsam mit Künstlern und einigen Patienten eines Kinderkrankenhauses das Musikvideo „Luz“ (Licht) aufgenommen, eine melodische Werbung für den Papstbesuch. Die wiederverheiratete geschiedene Katholikin Rivera gilt in ihrem Land als prominentes Vorbild, wie man biografische Brüche gekonnt anpackt: Ihre erste Ehe wurde vom kirchlichen Gericht für nichtig erklärt. Nun engagiert sie sich aktiv für den Papstbesuch und stellte kürzlich eine CD zum Papstbesuch vor, deren Verkaufserlös einer Kinderklinik zugute kommt.

Die Zeiten haben sich geändert. Seit 1992 unterhalten der Vatikan und die zweitgrößte katholische Nation diplomatische Beziehungen, so dass der Nachfolger Petri – anders als weiland Johannes Paul II. – nicht mehr als Tourist einreisen muss. Am 12. Februar wird Papst Franziskus in Mexiko-Stadt ehrenvoll als Staatschef empfangen. In der Hauptstadt erwartet ihn am Tag nach seiner Ankunft eine Premiere: eine Willkommenszeremonie im Nationalpalast. Das Gebäude, auf dessen Fassaden der Maler Diego Rivera seine Abneigung gegen die katholische Kirche in monumentalen Wandmalereien verewigt hat, wird zur Kulisse für die Begegnung des ersten lateinamerikanischen Papstes und Staatspräsident Enrique Pena. Von Franziskus erwarten sich viele Mexikaner mehr als von dem seit Dezember 2012 unglücklich agierenden Staatspräsidenten. Überschattet wird dessen Amtszeit von der Welle der Gewalt und Korruption im Land, der Entführung von 43 Studenten in Iguala 2014 und dem mit unerbittlicher Härte geführten Krieg der Drogenkartelle.

Sowohl im Nationalpalast als auch bei der anschließenden Begegnung des Papstes mit den Bischöfen in der barocken Kathedrale der Hauptstadt dürften die Konflikte im Land Gesprächsstoff sein. Mit Spannung warten vor allem Lebens- und Bürgerrechtler auf die Ansprachen des Papstes. Seit 2007 sind Abtreibungen im Bundesstaat Mexiko bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei. Städte wie Acapulco und Ciudad Juárez tauchen seit Jahren zuverlässig in der Statistik der gefährlichsten Städte der Welt auf. Auf die schier unlösbaren Probleme Mexikos hat die Ortskirche mit einer ungewöhnlichen Maßnahme reagiert. Im Mai 2015 führte der emeritierte Erzbischof von Guadalajara, Kardinal Juan Sandoval Iníguez, im Beisein von Erzbischof Jesús Carlos Cabrero von San Luis Potosí, des spanischen Exorzisten José Antonio Fortea und mehrerer Priester in der Kathedrale von San Luis Potosí einen Großen Exorzismus für das gesamte Land durch. Als Begründung für diese Entscheidung verwies der Kardinal auf die dämonische Gewalt und das Übel der Abtreibung in Mexiko.

Die Reiseroute führt Papst Franziskus vom Herzen des Landes an die Ränder: Zur Eucharistiefeier am 13. Februar im Nationalheiligtum Mexikos, der Basilika Unserer Lieben Frau von Guadalupe, erwartet die Erzdiözese Mexiko bis zu zwei Millionen Besucher. In der neuen Basilika wird die berühmte Tilma des heiligen Juan Diego Cuauhtlatoatzin (1474–1548) verehrt. Im Dezember 1531 war dem Indio auf dem Weg zur heiligen Messe auf dem Tepeyac-Hügel bei Mexiko-Stadt die Gottesmutter in Gestalt einer schwangeren Mestizin erschienen und hatte um den Bau einer Kirche gebeten. Ihr Bild hinterließ sie auf Diegos Umhang und überzeugte so den zweifelnden Ortsbischof von der Echtheit der Erscheinungen. Als Gastgeschenk bringt Papst Franziskus der Muttergottes eine Krone mit und reiht sich damit in die Tradition seiner Vorgänger, die den Gnadenort auszeichneten: 1895 ließ Leo XIII. das Bild feierlich krönen, 1910 ernannte Pius X. die Jungfrau von Guadalupe zur Patronin ganz Lateinamerikas.

Per Hubschrauber macht der Papst am Sonntag einen Abstecher ins nahe Ecatepec, um dort eine Messe zu feiern. Mit einem Besuch in der Federico-Gómez-Kinderklinik, die sich schon Johannes Paul II. 1979 zeigen ließ und einer Begegnung mit Vertretern aus der Welt der Kultur endet das Programm in der Hauptstadt.

Auf den Spuren des 1566 gestorbenen spanischen Dominikaners Bartolomé de Las Casas reist der Papst am 15. Februar in dessen einstige Diözese San Cristóbal de las Casas. Jahrelange Konflikte zwischen Armee, Aufständischen und der in den südlichen Bundesstaaten stark vertretenen indigenen Bevölkerung sind auch an der Kirche nicht spurlos vorübergegangen. In den achtziger und neunziger Jahren förderte der damalige Ortsbischof Samuel Ruíz (2011) mit Hilfe einiger Jesuiten und ausländischer Theologen das Experiment einer „autochthonen Kirche“ und einer indigenen Theologie. Zu ihren Kennzeichen gehörte die hohe Zahl verheirateter Diakone, wenige Priester und das Ziel, einen verheirateten indigenen Klerus für die Ortskirche durchzusetzen. Das Experiment wurde vom Vatikan unterbunden, Bischof Ruíz erhielt einen Koadjutor. Im Jahr 2000 untersagte Rom die Weihe verheirateter Diakone in der Diözese. Papst Franziskus hob das Verbot 2014 auf. Mittlerweile hat sich der Konflikt beruhigt. Kirche und Staat haben viel für die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Bildungschancen der indigenen Bevölkerung getan. Überwunden ist der innerlateinamerikanische Rassismus dennoch nicht. Obwohl die Region reich ist an Bodenschätzen, fristen viele Indigene ein Leben in Armut und halten sich mühsam als Kleinbauern über Wasser. Getreu seiner Maxime, an die Ränder zu gehen, wird der Papst Vertreter der Indigenen treffen und mit ihnen zu Mittag essen.

Aufmerksam registrieren werden vor allem die Bischöfe und Priester, ob sich der Papst vor oder nach dem Besuch in der Kathedrale von San Cristóbal de las Casas, in der Bischof Samuel Ruíz beigesetzt ist, zur Befreiungstheologie äußert. Die Geschichte der fünftältesten Diözese Mexikos steht sowohl für das Engagement ihres ersten Bischofs Las Casas für die Menschenrechte als auch für einen drastischen Einbruch der Gläubigenzahlen in den vergangenen Jahrzehnten. Die Erfahrung, dass Befreiungstheologen die Vorboten der Freikirchen und Sekten sind, hat sich im Bundesstaat Chiapas bewahrheitet. Nur 58 Prozent der Bevölkerung gehören noch der katholischen Kirche an, während Adventisten, Baptisten, Evangelikale, Pentekostale und andere starke Zuwächse verzeichnen, und die Zahl der Bekenntnislosen auf über zwölf Prozent gestiegen ist. Zum Vergleich: Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2010 bekannten sich landesweit gut 89 Prozent der 112 Millionen Bewohner Mexikos zum katholischen Glauben.

Mit Übersetzungen der Heiligen Schrift und der Messtexte in indigene Sprachen wirbt die Kirche um ihre Gläubigen. Papst Franziskus erhält in Chiapas ein Exemplar des Neuen Testaments in der Mayasprache Tzotzil, dessen Druckgenehmigung Mexikos Bischofskonferenz im November erteilt hatte. Außerdem sollen die neun offiziellen Sprachen des Bundesstaats Chiapas bei der Eucharistiefeier im Sportzentrum am 15. Februar berücksichtigt werden. Erwartet wird, dass der Papst auch selbst das Wort in zumindest einer indigenen Sprache an die Gläubigen richtet. Am selben Tag ehrt die Stadt San Cristóbal de las Casas Franziskus mit der nach Bartolomé de las Casas benannten Medaille für seinen Einsatz für die Menschenrechte.

Nicht weniger emotional bewegend als die Begegnung mit den Indigenen dürfte das Familientreffen in Tuxtla Gutiérrez werden. Nach Angaben der Bischofskonferenz werden dem Papst die Eltern eines an einer schweren Muskelerkrankung leidenden Sohnes vorgestellt sowie eine alleinerziehende Mutter und Eltern, die nach gescheiterter Ehe wieder eine Partnerschaft eingegangen sind.

Debatte um Legalisierung sogenannter weicher Drogen

Als Hoffnungsträger erwarten die Menschen den Papst am 16. Februar in Morelia. Seit Jahren leidet die Region unter einer zunehmender Gewalt. Kriminalität und Unsicherheit prägen den Alltag. Der Papst feiert in Morelia eine Messe mit Priestern und Ordensleuten und begegnet nachmittags Jugendlichen, ehe er sein Programm am 17. Februar nahe der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten beendet. In der Hauptstadt der Drogenkartelle Ciudad Juaàez besucht der Papst das Hochsicherheitsgefängnis Cereso Nr. 3 und feiert in Grenznähe eine Messe, zu der auch zahlreiche Gläubige aus den Vereinigten Staaten erwartet werden.

Pastorale Akzente in der in der Wüste liegenden Stadt zu setzen, in der regelmäßig Migranten auf dem Weg in die USA stranden, entspricht nicht nur dem päpstlichen Anspruch, das Evangelium den Armen und Ausgegrenzten zu verkündigen. Im amerikanischen Wahlkampf hat der Papstbesuch auch politische Brisanz. Zum einen werden Politiker in beiden Ländern zuhören, ob sich der Papst zum Grenzzaun äußert. Zum anderen schwelt in Mexiko noch der Disput um die Bischöfe und deren Haltung zur Zulassung sogenannter weicher Drogen. Im November 2015 äußerte sich Mexikos Bischofskonferenz zwar skeptisch zu einem Urteil des Obersten Nationalen Gerichtshofs, das die therapeutische Nutzung von Marihuana in vier Fällen straffrei gestellt hatte. Kardinal Francisco Robles, Vorsitzender der Mexikanischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Guadalajara, warnte mit Nachdruck vor der Legalisierung von Marihuana und vollzog damit den Schulterschluss mit Papst Franziskus, der sich zuvor bereits mehrfach strikt gegen jede Legalisierung von Drogen ausgesprochen hatte. Allerdings ist Mexikos Episkopat in dieser Frage gespalten. So goss Bischof Benjamín Castillo von Celaya im Bundesstaat Guanajuato, im Herbst 2015 Öl ins Feuer der Debatte, als er öffentlich eingestand, seine Rheumaschmerzen mit Marihuana zu lindern.

Hohe Symbolkraft könnte in Ciudad Juárez auch ein kurzes informelles Treffen von Papst Franziskus mit Familienangehörigen der 43 entführten Studenten aus Iguala gewinnen. Der Apostolische Nuntius in Mexiko, Erzbischof Christophe Pierre, sprach diese Möglichkeit kürzlich vor Journalisten an. Eine offizielle Bestätigung gibt es jedoch nicht. Mit einer Abschiedszeremonie in Ciudad Juárez am 17. Februar endet die dritte Lateinamerikareise des Papstes.



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