28.12.2015 14:50

„Der Glaube hat mich zur Freiheit geführt“

In Freiheit leben und Christus nachfolgen – Ein Gespräch mit der vom Islam zum Christentum konvertierten Pakistanerin Sabatina James. Von Regina Einig
  • Sabatina James.
    Foto: Sabatina e.V.
Bild von

Die pakistanisch-österreichische Publizistin Sabatina James (33) konvertierte 2003 vom Islam zum katholischen Glauben. Da sie die Zwangsheirat mit einem muslimischen Cousin verweigerte, kam es zum Bruch mit der Familie und Todesdrohungen. Seitdem ist sie untergetaucht und lebt unter dem Opferschutzprogramm mit einem Pseudonym. Sie hat den Verein „Sabatina – für die Gleichberechtigung muslimischer Frauen“ ins Leben gerufen. In ihrem aktuellen Buch „Scharia in Deutschland – Wenn die Gesetze des Islam das Recht brechen“ (Knaur) warnt sie vor den Folgen grenzenloser Toleranz und erklärt, warum diese schwerwiegende Folgen haben kann.

Was hat Sie bewogen, Ihren Weg als Christin in der katholischen Kirche zu gehen? Die Bibel bekamen Sie von einem evangelikalen Christen.

Mein Weg zum katholischen Glauben begann zunächst mit einer inneren Stimme, die mir immer gesagt hat, dass das die wahre Kirche ist, obwohl ich schlechte Erfahrungen in dieser Kirche hatte. Wegen dieser Stimme habe ich mich katholisch taufen lassen – obwohl ich gar nicht wusste, worin der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch liegt. Dann habe ich angefangen, die Kirchenväter zu lesen: Ignatius von Antiochien und den Kirchenlehrer Augustinus. Diese Heiligen waren mein Weg zur katholischen Kirche. Für mich als Muslimin war die katholische Kirche damals die Kirche, die mich angezogen hat. Ich glaube, dass die katholische Kirche den Glauben der Urkirche und die Worte von Jesus von Nazareth am besten bewahrt hat.

Wenn Sie ihre Entscheidung, sich taufen zu lassen, heute im Rückblick sehen, würden Sie sich noch einmal so entscheiden?

Ja, und vielleicht mit einer größeren Leidenschaft. Es ist interessant: Ich habe eine sehr große Liebe zu dieser Kirche entwickelt. Und je mehr die Beziehung zu Jesus reift, desto mehr liebt man die Kirche auch. Wo sonst habe ich ihn in der Eucharistie? Wo finde ich ihn sonst? Ich will ja Christus, ich will eins werden mit ihm, nicht nur in meinen Gedanken und in meinem Gebet, sondern ich will auch die physische Vereinigung mit ihm. Danach sehnt man sich in einer guten Liebesbeziehung: Einswerden mit dem Geliebten. Das habe ich nur in dieser Kirche. Warum sollte ich irgendwo anders hingehen?

Können Sie mit dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit, den Katholiken immer wieder in Bezug auf die Institution Kirche zu hören bekommen, etwas anfangen?

Ich kann nicht sagen, dass ich keinen Einfluss habe, weil ich eine Frau bin, das stimmt einfach nicht. Wenn ich meinen Priester bitte, zu Weihnachten über verfolgte Christen zu predigen, dann macht er das. Auch wenn ihm das Thema vielleicht nicht so liegt, aber er macht es. Ich habe ganz andere Erfahrungen mit dieser Kirche gemacht: Der katholische Glaube hat mich zur Freiheit und zum wahren Feminismus geführt. Und diese Ehrung einer Frau, wie wir sie ehren in der Kirche, nämlich die Muttergottes: Wo sonst findet man das?

Sie tragen die wundertätige Medaille aus der Rue de Bac. Was bedeutet Maria für Sie?

Maria ist für mich extrem wichtig – und zwar aus der Perspektive der Verfolgung heraus. Sie weiß, was es bedeutet, verfolgt zu werden, wenn man sich für Gott und für den Gehorsam gegenüber Gott entscheidet. Was mich immer berührt hat, ist, dass Maria auch das erlebt hat: Es war kein Platz für sie in der Herberge, als sie den Erlöser der Welt auf die Welt bringen sollte. Sie ist für mich die Mutter der Verfolgten, weil sie die Mutter Christi ist, und Christus schon als Neugeborener von Herodes verfolgt wurde.

Das Schicksal der verfolgten Christen bewegt viele Menschen. Halten Sie persönlich Kontakt mit Personen, die wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden?

Ja. Nicht nur in Pakistan, sondern mittlerweile auch in Deutschland. Sogar in Bayern werden Christen in Asylbewerberheimen von Islamisten angegriffen und suchen Hilfe bei uns.

Wie könnte Deutschland verfolgten Christen tatsächlich Schutz bieten?

Wer Christen in Asylbewerberheimen angreift, sollte sofort wieder in das Flüchtlingslager, aus dem er gekommen ist, zurückgeschickt werden. Ich finde es irre, dass wir diejenigen, die andere angreifen, hierbehalten, so dass auch der gewalttätige Islamismus zu Deutschland gehört. Wenn Flüchtlinge in Deutschland das Gefühl haben, dass sie hierbleiben dürfen, selbst wenn sie Christen angreifen, Frauen ermorden, Zwangsheiraten veranlassen, wird unser Entgegenkommen mit der Willkommenskultur nichts nutzen. Mein Wunsch ist, dass vor allem die orientalischen Christen in den europäischen Ländern bevorzugt aufgenommen würden.

Im Orient sind viele Christen enttäuscht vom Westen. Wie sehen Sie das?

Die Opfer des Islamismus, also auch verfolgte Christen, sind entsetzt darüber, dass das, wovor sie geflüchtet sind, hierhergeholt wird. Das ist eine Ablehnung von Jesus Christus selbst, denn er hat gesagt: Was ihr einem der Geringsten eurer Brüder nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan. Damit meint er auch die verfolgten Christen. Wer ist denn Christus am nächsten? Derjenige, der mit ihm leidet wie Simon von Cyrene, der mit ihm das Kreuz getragen hat. Wenn wir diesen Freunden Gottes, die ihr Leben für Christus aufopfern, nicht beistehen, dann stimmt etwas in unserer Gottesbeziehung nicht. Das kann bei einem Kardinal genauso der Fall sein wie bei einem Bischof oder einem Laien.

Welche Verbündeten hat Ihr Verein Sabatina e.V. wenn es um den Schutz verfolgter Christen geht? Privatinitiativen, Kirchen, Einzelpersonen?

Um es kurz zu sagen: Für Christen, die hierherkommen, gibt es keinen Schutz – auch nicht bei der Kirche. Wir haben das erlebt, als wir Betroffene zum Teil zur Kirche geschickt haben. Es gibt einige Priester, die guten Willens sind zu helfen, aber würden sie für ein Kirchenasyl die Unterstützung der kirchlichen Obrigkeit bekommen? In einer Zeit, in der die Welt brennt und Christen ermordet werden, beschäftigen sich viele Bischöfe mit irgendwelchen Belanglosigkeiten der Kirche in Deutschland. Das kann ich nicht verstehen.

Während der Bischofssynode haben Vertreter aus dem Nahen Osten beklagt, dass über theologische Fragen diskutiert wurde, aber die Not der verfolgten Christen kaum zur Sprache kam.

Richtig. Ich würde mich freuen, wenn der Heilige Vater mit den Bischöfen darüber beraten würde, wie man dieser Not begegnen kann, anstatt deutsche Probleme zu diskutieren. Ich finde es auch sehr nationalistisch, dass die Deutschen wieder einmal das Gefühl hatten, sie sind der Nabel der Welt – am deutschen Wesen muss die Weltkirche genesen. Das muss sie aber nicht!

Kardinal Marx vertritt aber die Auffassung, dass „die Suche nach einer theologisch verantwortbaren und pastoral angemessenen Begleitung von Gläubigen, deren Ehe zerbrochen ist und die zivil geschieden und wiederverheiratet sind, weltweit zu den drängenden Herausforderungen der Ehe- und Familienpastoral im Kontext der Evangelisierung“ gehört.

Ich fühle mich als verfolgte Christin davon nicht vertreten, solange die Christenverfolgung nicht als drängendes Thema angesehen wird.

Was erleben Sie im Zug der Flüchtlingskrise?

Wir haben erlebt, dass ein Katholik in Bayern von Muslimen angegriffen worden ist. Er kam mit seinen Verletzungen ins Krankenhaus, nachdem er zusammengeschlagen worden war, weil er ein Kreuz an einer Halskette getragen hatte. Zunächst wandte sich der junge Mann an die katholische Kirche. Dort wurde er abgewimmelt: „Wir können da nichts tun.“ Er hat sogar in seinem gebrochenen Englisch einen Brief an den Münchner Kardinal verfasst in der Hoffnung, die Kirche würde ihm helfen.

Konnte dem Opfer geholfen werden?

Ja, allerdings war ich sehr traurig darüber, dass dem Fall in Bayern innerhalb der katholischen Kirche wenig Beachtung geschenkt worden ist. Es waren evangelische Pfarrer, die den Kontakt zu unserem Verein hergestellt haben. Ich hätte mir gewünscht, dass ein Bischof oder Kardinal für ihn eintritt und vielleicht auch der Öffentlichkeit erklärt: Das passiert Katholiken, wenn sie aus Pakistan hierher nach Bayern flüchten. Mittlerweile werden sie in Deutschland aufgrund ihres Christseins angegriffen und brauchen unsere Unterstützung. Aber da fehlt der Mut zur Wahrheit. Und wenn das fehlt, wie wollen Sie denn eigentlich noch evangelisieren? Die unschuldig angegriffenen Christen sind der Beweis der Friedfertigkeit der Lehre Christi und ein wichtiger Grund, sich mit dieser Lehre auseinanderzusetzen.

Wie bewerten Sie die Strategie der Caritas, muslimische und christliche Flüchtlinge gemeinsam unterzubringen?

Ich finde die Idee der Caritas in diesem Fall richtig. Wir können in Deutschland Menschen nicht nach Religionen unterbringen, weil wir konsequent sein müssen: Wer Christen angreift, hat in diesem Land nichts zu suchen und wird sofort wieder zurückgeschickt. Und dann werden sie sehen, dass Muslime und Christen friedlich miteinander leben können. Wenn wir aber den Leuten vermitteln, selbst wenn ihr die Christen angreift, dürft ihr trotzdem dableiben – wir werden euch einfach getrennt unterbringen: Das ist Politik gegen Menschenrechte. Und das ist der falsche Weg. Deswegen finde ich diese Idee richtig.

Denen, die einen wachsenden Einfluss des Islamismus im christlichen Abendland befürchten, hat Margot Käßmann kürzlich erneut empfohlen, sonntags in die Kirche zu gehen? Ist da was dran?

Kirchgang schützt vor Islamisierung nicht. Die Christen im Irak sind in die Kirche gegangen und haben, glaube ich, einen größeren Glauben als viele deutsche Bischöfe und Bischöfinnen, denn sie sind Märtyrer: Sie geben ihr Leben hin für ihren Glauben. Und sie werden trotzdem angegriffen und umgebracht. Kirchgang kann die Standhaftigkeit geben, im Leid und in der Verfolgung Christus treu zu sein. Aber es schützt nicht vor Islamisierung, und er schützt nicht vor dem Tod. Deswegen ist der Vorschlag, nur in die Kirche zu gehen, um islamistische Gewalt aufzuhalten, Unfug, der zur Untätigkeit verführt.

Sie selbst leben seit Jahren unter einem Opferschutzprogramm. Trauen Sie der Vision einer friedlichen multikulturellen Gesellschaft?

Nein, denn ich kann in Deutschland nicht mehr ohne Bodyguard auf die Straße. Und andere, die die menschenrechtsfeindliche Ideologie des Islamismus kritisieren, können es auch nicht mehr. Die freie Meinungsäußerung und die Menschenrechte sind in Deutschland faktisch nicht mehr gewährleistet, solange die Mordaufrufer auch willkommen sind, das sind Totengräber einer pluralistischen Gesellschaft.

Aber gibt es nicht auch tolerante Muslime wie den Schriftsteller Navid Kermani, der öffentlich für verfolgte Christen betet? Sind Persönlichkeiten wie er nicht gute Früchte des Dialogs?

Navid Kermani ist in meinen Augen ein sehr positives Ergebnis eines Dialogs, wenn es denn ein Dialog war – vielleicht hat er sich auch selbst mit dem Christentum beschäftigt. Dass ein Mann von der Schönheit des Glaubens und von der Kunst ergriffen ist, ist mir nicht neu, denn das ging mir ja auch so, als ich zum ersten Mal in einer Kirche in Oberösterreich war und mir die ganzen wunderschönen Bilder und Statuen angeschaut habe. Vor allem Maria mit dem toten Sohn auf dem Schoß, die Pieta, hat mich nicht mehr losgelassen. Es ist die Kunst, nicht mehr die Predigt unserer Priester, die Menschen zum Glauben führt. Das noch Übriggebliebene von der christlichen Zivilisation zieht die Menschen immer noch an, nicht mehr das säkularisierte Christentum. Und das macht mich traurig. Wenn Dialog bedeutet, dass man sich trifft und Kaffee trinkt und dabei die Angriffe gegen die Christen in der islamischen Welt nicht bespricht. dann ist das nicht ehrlich, also Heuchelei, sogar Verrat.

Würde in Deutschland ein Sinneswandel einsetzen, wenn ein Ereignis die Gesellschaft bis ins Mark träfe, so wie die Anschläge von Paris?

Der Sinneswandel in der Bevölkerung ist längst da. Über die Hälfte der Deutschen hat Angst vor der Islamisierung. Aber es findet ein double-bind-Angriff auf die Gesellschaft statt. Das bedeutet: Egal, was man tut, man hat verloren. Wer sich der islamistischen Gewalt unterwirft und keine Kritik mehr übt, hat verloren. Wer sich aber zur Wehr setzt und Kritik übt, wird zum Nazi erklärt und hat also auch verloren.

Aber auch Muslime kritisieren den Islamismus, kaufen auf den Sklavenmärkten in Mossul unter persönlichen Gefahren gefangen Christen frei und engagieren sich für den Frieden. Kennen Sie keinen Muslim, der Ihre Arbeit unterstützt?

Zu wenige – aber es gibt sie. Samina Khan von der Linken ist beispielsweise eine demokratische, liberale Muslimin aus Pakistan und unterstützt das, was ich tue.

„Beide kamen frei,

nachdem der Vatikan sich für sie

eingesetzt hatte“

Sie warnen vor falschen Zugeständnissen an die Muslime, etwa soziale Abschottung in den Netzwerken. Sind solche Phänomene nicht eine unvermeidliche Folge des Rechtsstaates, der sich ja Meinungsfreiheit und Toleranz auf die Fahnen geschrieben hat?

Der demokratische Rechtsstaat hat aber auch Gesetze. Und in diesen Gesetzen ist zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau verankert. Wenn wir zulassen, dass in unserem Land Menschen nach der Scharia verurteilt werden, sind wir nicht tolerant, sondern es ist die Vortäuschung angeblich politischer Korrektheit, in Wirklichkeit ist es politisch unkorrekt, undemokratisch und Beihilfe zur Frauenfeindlichkeit, die nur deshalb existieren kann.

Helfen öffentliche Appelle des Vatikans in Ländern, in denen die Scharia gilt? Oder haben jene Kirchenkritiker Recht, die sagen: Das bringt verfolgte Christen nur noch in tiefere Schwierigkeiten?

Ich widerspreche dem, denn ich kenne beispielsweise Maryam Rostampour und Marzieh Amirizadeh persönlich – zwei evangelikale Iranerinnen, die vom Islam zum Christentum konvertiert und zum Tod verurteilt worden waren. Beide kamen frei, nachdem der Vatikan sich für sie eingesetzt hatte. Wichtig ist nur, dass die Kritik konkret wird, die Täter angesprochen werden und zur Freilassung der Opfer aufgefordert wird.



  Drucken     Versenden