Als am 6. Juni 1944 das débarquement der alliierten Truppen in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Frankreich begann, war das für die Menschen in der weiten Welt und auch für sehr viele Menschen in Deutschland ein Signal der Hoffnung auf einen baldigen Frieden und auf Freiheit in Europa. Was war geschehen? Einem Verbrecher und seinen Parteigängern war es gelungen, in Deutschland die Macht des Staates an sich zu reißen. Dies hatte zur Folge, dass in der Herrschaft der Partei Recht und Unrecht ineinander verknotet wurden und oft fast untrennbar ineinander übergingen. Denn die von einem Verbrecher geleitete Regierung nahm doch auch die Recht schaffenden Funktionen des Staates und seiner Ordnungen wahr. Sie konnte so in einer Hinsicht den Rechtsgehorsam des Bürgers und die Achtung vor der Autorität des Staates einfordern (Röm 12, 1ff !), aber zugleich benützte sie die Instrumente der Rechtswahrnehmung auch als Werkzeuge für ihre verbrecherischen Ziele.
Ein System der Furcht diente der Herrschaft der Lüge
Die Rechtsordnung selbst, die zum Teil im Alltagsleben in den gewohnten Formen weiter funktionierte, war gleichzeitig zur Macht der Rechtszerstörung geworden: Die Perversion der Ordnungen, die der Gerechtigkeit dienen sollten und zugleich die Herrschaft des Unrechts festigten und undurchdringlich machten, bedeutete zutiefst eine Herrschaft der Lüge, die die Gewissen verdunkelte. Dieser Herrschaft der Lüge diente ein System der Furcht, in dem keiner dem anderen trauen durfte, weil jeder irgendwie sich unter der Maske der Lüge schützen musste, die einerseits dem Selbstschutz diente, zugleich aber zur Festigung der Macht des Bösen beitrug. So musste in der Tat die ganze Welt eingreifen, um den Ring des Verbrechens aufzusprengen, um Freiheit und Recht wieder herzustellen. Dafür, dass dies geschehen ist, danken wir in dieser Stunde, und es danken nicht nur die von deutschen Truppen besetzten und so dem Nazi-Terror ausgelieferten Länder. Es danken auch wir Deutschen selbst, dass uns Freiheit und Recht durch diesen Einsatz wiedergegeben worden sind.
Wenn irgendwo in der Geschichte, so ist hier offenkundig, dass es sich bei dem Einsatz der Alliierten um ein bellum iustum handelte, der letztlich auch dem Wohle derer diente, gegen deren Land der Krieg geführt worden ist. Eine solche Feststellung scheint mir wichtig, weil sie an einem realen historischen Vorgang die Unhaltbarkeit eines absoluten Pazifismus aufzeigt. Das entbindet freilich nicht von der Aufgabe, die Frage sehr sorgsam zu stellen, ob und unter welchen Bedingungen auch heute so etwas wie ein gerechter Krieg, das heißt ein dem Frieden dienender und unter seinen moralischen Maßstäben stehender militärischer Eingriff gegenüber bestehenden Unrechtssystemen möglich ist. Vor allem aber ist hoffentlich aus dem bisher Gesagten deutlich geworden, dass Friede und Recht, Friede und Gerechtigkeit untrennbar zueinander gehören. Wo immer Recht zerstört wird, wo immer Ungerechtigkeit Macht erhält, ist der Friede gefährdet und ein Stück weit bereits zerbrochen. Sorge für den Frieden ist daher zuallererst Sorge um eine Gestalt des Rechts, die Gerechtigkeit für den Einzelnen und für die Gemeinschaft im Ganzen gewährt.
In Europa wurde uns nach dem Ende der Feindseligkeiten im Mai 1945 eine Friedensperiode geschenkt, wie unser Kontinent sie über eine so lange Zeit hin wohl in seiner ganzen Geschichte nicht gekannt hat. Das ist zu einem nicht geringen Teil das Verdienst der ersten Generation von Politikern nach dem Krieg – Churchill, Adenauer, Schuman, De Gasperi, denen wir in dieser Stunde zu danken haben: Wir haben dafür zu danken, dass nicht der Gedanke der Bestrafung oder gar der Rache und der Demütigung der Unterlegenen bestimmend wurde, sondern allen ihr Recht gewährt werden sollte; dass an die Stelle der Konkurrenz die Zusammenarbeit trat, das gegenseitige Geben und Nehmen, das Kennenlernen und die Freundschaft gerade in der Verschiedenheit, in der die einzelnen Nationen ihre Identität bewahren und sie in der gemeinsamen Verantwortung für das Recht nach der vorangegangenen Perversion des Rechts zusammenhalten.
Tragende Mitte dieser friedenstiftenden Politik war die Bindung des politischen Handelns an die Moral. Der innere Maßstab aller Politik sind die moralischen Werte, die nicht von uns erfunden, sondern gefunden werden und die für alle Menschen gleich sind. Sagen wir es offen: Diese Politiker haben ihre moralische Idee des Staates, des Rechts, des Friedens und der Verantwortung aus ihrem christlichen Glauben genommen, der durch die Prüfungen der Aufklärung hindurchgegangen war und im Gegenüber zur parteilichen Verdrehung von Recht und Moral sich weiter gereinigt hatte. Sie wollten nicht einen Glaubensstaat konstruieren, sondern einen von der sittlichen Vernunft geformten Staat, aber ihr Glaube hatte ihnen geholfen, die von der ideologischen Tyrannei geknechtete und entstellte Vernunft wieder aufzurichten und zum Leben zu bringen. Sie haben eine Politik der Vernunft gemacht – der moralischen Vernunft; ihr Christentum hatte sie nicht von der Vernunft entfernt, sondern ihre Vernunft erleuchtet.
Alte historische Lasten zogen Gewaltexplosionen nach sich
Freilich müssen wir hinzufügen: Durch Europa lief eine Grenze, die nicht nur unseren Kontinent, sondern die ganze Welt zerschnitt. Ein großer Teil Mitteleuropas und Osteuropa standen unter der Herrschaft einer Ideologie, die sich der Partei bediente und den Staat der Partei unterstellte, also parteilich machte. Auch hier war eine Herrschaft der Lüge und eine Zerstörung des gegenseitigen Vertrauens die Folge. Nach dem Zusammenbruch dieser Diktaturen sind die ungeheuren wirtschaftlichen, ideologischen und seelischen Zerstörungen sichtbar geworden, die aus dieser Herrschaft folgten. Im Balkan kam es zu kriegerischen Verwicklungen, in denen freilich auch alte geschichtliche Lasten neue Explosionen der Gewalt mit sich brachten. Wenn wir das Verbrecherische jener Regime betonen und ob ihrer Überwindung froh sind, müssen wir doch auch fragen, warum dem größten Teil der afrikanischen und asiatischen Völker, den so genannten blockfreien Staaten, das System des Ostens moralischer und für die eigene politische Gestaltung realistischer erschien als die politische und rechtliche Ordnung des Westens. Das zeigt ohne Zweifel Defizite unserer Struktur an, über die wir nachzudenken haben.
Wenn Europa seit 1945 von den Verwicklungen im Balkan abgesehen eine Periode des Friedens erleben durfte, so war freilich die Situation der Welt im Ganzen alles andere als friedvoll. Von Korea über Vietnam, Indien, Pakistan, Bangladesh, Algerien, Kongo, Biafra-Nigeria bis in die Auseinandersetzungen im Sudan, in Ruanda-Burundi, Äthiopien, Somalia, Mozambique, Angola, Liberia, bis Afghanistan und Tschetschenien reicht ein blutiger Bogen von kriegerischen Auseinandersetzungen, denen die Kämpfe in und um das Heilige Land und im Irak anzufügen sind. Es ist hier nicht der Ort, die Typologie dieser Kriege zu untersuchen, deren Wunden noch weithin schwelen. Aber zwei in gewisser Hinsicht neue Phänomene möchte ich etwas näher beleuchten, weil in ihnen die spezifische Gefährdung und damit auch die besondere Aufgabe unserer Zeit für die Suche nach dem Frieden zum Vorschein kommt.
Das eine besteht darin, dass der Zusammenhalt des Rechts und die Fähigkeit, in unterschiedlichen Gemeinschaften zusammenzuleben, plötzlich zu zerbrechen scheint. Ein typisches Beispiel für das Zerbrechen der tragenden Kraft des Rechts und damit das Absinken in Chaos und Anarchie scheint mir in Somalia vorzuliegen, aber auch Liberia bietet ein Beispiel dafür, wie eine Gesellschaft sich von innen her auflöst, weil die staatliche Autorität nicht imstande ist, sich als Kraft des Friedens und der Freiheit glaubwürdig zu machen und so jeder anfängt, sein Recht auf eigene Faust zu suchen. Ähnliches haben wir nach dem Zerbrechen des jugoslawischen Einheitsstaates in Europa erleben müssen. Bevölkerungsgruppen, die seit Generationen trotz mancherlei Spannungen friedlich miteinander gelebt hatten, gingen plötzlich mit unbegreiflicher Grausamkeit gegeneinander vor. Es war ein Dammbruch der Seelen; die schützenden Kräfte hielten in einer neuen Situation nicht mehr stand, und das bislang durch die Kräfte des Rechts und der gemeinsamen Geschichte gebändigte Arsenal an Feindseligkeit und Gewaltbereitschaft, das in der Tiefe der Seelen lauerte, brach ungehemmt hervor.
Gewiss, in diesem Raum wohnten unterschiedliche geschichtliche Überlieferungen beieinander, die immer in latenter Spannung zueinander standen: Lateinische und griechische Form des Christentums treffen sich da, und dazu ist durch die jahrhundertlange türkische Herrschaft der Islam wirksam gegenwärtig. Aber in allen Spannungen hat es doch ein Miteinander gegeben, das sich nun auflöste und in die Anarchie trieb. Wie war das möglich? Wie war es in Ruanda möglich, dass plötzlich überall das Miteinander zwischen Hutu und Tutsi zu einem blutigen Gegeneinander wurde? Die Ursachen für diese Auflösung des Rechts und der Versöhnungsfähigkeit sind gewiss vielfältig. Die eine und andere davon können wir benennen.
Der Zynismus der Ideologie hatte in all diesen Räumen die Gewissen verdunkelt: Die Verheißungen der Ideologie rechtfertigten alle dafür tauglich scheinenden Mittel und hatten so den Begriff des Rechts, ja, die Unterscheidung von Gut und Böse aufgehoben. Neben dem Zynismus der Ideologien und oft eng mit ihm verquickt steht der Zynismus der Interessen und des großen Geschäfts, die gewissenlose Ausbeutung der Reserven der Erde. Auch hier wird das Gute durch das Nützliche beiseite geschoben und Macht an die Stelle von Recht gesetzt. So löst sich die Kraft des Ethos auf diesem Weg von innen her auf, und am Ende wird schließlich auch der angestrebte Nutzen zerstört.
An dieser Stelle zeigt sich eine große Aufgabe für die Christen in der Gegenwart: Wir müssen zuerst untereinander die Fähigkeit der Versöhnung erlernen und alles tun, damit das Gewissen Macht hat und nicht von Ideologie oder Interesse zertreten wird. Speziell auf dem Balkan (und Ähnliches gilt auch für Irland) müsste es die Aufgabe des wahren Ökumenismus sein, miteinander den Frieden Christi zu suchen, ihn einander zu schenken und die Fähigkeit zum Frieden gerade auch als Kriterium der Wahrheit anzusehen.
Ein Krieg ohne festgelegte Fronten gefährdet alle
Das andere neue Phänomen, das uns heute vor allem bedrängt, ist der Terror, der inzwischen zu einer Art von neuem Weltkrieg geworden ist – ein Krieg ohne festgelegte Fronten, der überall zuschlagen kann und die Unterscheidung von Kämpfenden und Zivilbevölkerung, von Schuldigen und Unschuldigen nicht mehr kennt. Weil der Terror oder auch das ganz gewöhnliche organisierte Verbrechen, das sein Netz immer weiter verstärkt und ausbreitet, auch Zugang zu Atomwaffen und zu biologischen Waffen finden könnte, ist die Gefahr erschreckend groß geworden, die hier droht: Solange diese Zerstörungspotenziale allein in den Händen der Großmächte waren, konnte man immer hoffen, dass die Vernunft und das Wissen um die Gefährdung des eigenen Volkes und Staates die Verwendung dieser Waffensysteme ausschließen würde.
Tatsächlich ist uns ja trotz aller Spannungen zwischen Ost und West der große Krieg gottlob erspart geblieben. Bei den Kräften des Terrors und den Organisationen des Verbrechens kann man auf solche Vernunft nicht mehr rechnen, weil die Bereitschaft zur Selbstzerstörung ein Grundelement in der Macht des Terrors darstellt – eine Selbstzerstörung, die als Martyrium verklärt und in Verheißung umgewandelt wird.
Was können, was müssen wir tun in dieser Situation? Zunächst sind einige Grundwahrheiten zu beachten. Terror, das heißt rechtswidrige und von Moral losgelöste Gewalt kann nicht durch Gewalt allein überwunden werden. Gewiss, die Verteidigung des Rechts gegen die rechtszerstörende Gewalt darf und muss sich unter Umständen ihrerseits einer genau abgewogenen Gewalt bedienen, um das Recht zu schützen. Ein absoluter Pazifismus, der dem Recht jedwedes Mittel der Durchsetzung abspricht, wäre die Kapitulation vor dem Unrecht, würde dessen Machtergreifung sanktionieren und die Welt dem Diktat der Gewalt überliefern, wie wir es eingangs schon kurz bedacht hatten. Aber damit die Rechtsgewalt nicht selbst Unrecht wird, muss sie sich strengen Maßstäben unterwerfen, die als solche allen erkennbar sein müssen. Sie muss auf die Ursachen des Terrors achten, der seine Quelle sehr oft in bestehendem Unrecht hat, dem keine wirksamen Maßnahmen entgegentreten. Sie muss daher auf die Beseitigung des vorausgehenden Unrechts mit allen Mitteln bedacht sein.
Vor allem ist es wichtig, immer wieder einen Vorschuss an Vergebung zu gewähren, um den Ring der Gewalt zu durchbrechen. Wo das „Aug um Auge“ gnadenlos geübt wird, ist kein Ausweg aus der Gewalt zu finden. Gesten einer die Gewalt durchbrechenden Menschlichkeit, die im andern den Menschen sucht und an seine Menschlichkeit appelliert, sind auch da notwendig, wo sie auf den ersten Blick verschwendet scheinen. In all diesen Fällen ist es wichtig, dass nicht eine bestimmte Macht allein als Wahrer des Rechts auftritt. Allzu leicht mischen sich dann eigene Interessen in die Aktion ein und verunreinigen den Blick auf die Gerechtigkeit. Ein wirkliches ius gentium ohne hegemonische Übergewichte und entsprechende Aktionen sind dringend: Nur so kann klar bleiben, dass es um den Schutz des gemeinsamen Rechts aller geht, auch derer, die sozusagen auf der anderen Seite der Front stehen. Das war es, was im Zweiten Weltkrieg überzeugen konnte und wirklichen Frieden zwischen den Verfeindeten geschaffen hat. Es ging nicht um die Ausdehnung eigenen Rechts, sondern um die gemeinsame Freiheit und die Herrschaft des wirklichen Rechts, auch wenn natürlich das Entstehen neuer hegemonialer Strukturen nicht ganz ausbleiben konnte.
Aber bei dem gegenwärtigen Zusammenprall zwischen den großen Demokratien und dem islamisch motivierten Terror sind noch tiefer reichende Fragen im Spiel. Es scheinen ja zwei große kulturelle Systeme mit freilich sehr verschiedenen Formen der Macht und der moralischen Orientierung aufeinander zu prallen – der „Westen“ und der Islam. Aber was ist das: der Westen? Und wer ist das: der Islam? Beides sind vielschichtige Welten mit großen inneren Unterschieden – Welten, die in vielem auch ineinander greifen. Insofern trifft die grobe Gegenüberstellung Westen–Islam nicht zu. Manche tendieren indes zu einer weiteren Vertiefung des Gegensatzes: Es stehe die aufgeklärte Vernunft einer fundamentalistisch-fanatischen Religionsform gegenüber. Dann ginge es vor allem darum, den Fundamentalismus in all seinen Formen abzubauen und der Vernunft zum Sieg zu verhelfen, die aufgeklärte Religionsformen zulässt, aber sie als aufgeklärte anerkennt, weil sie sich in allem den Kriterien dieser Vernunft unterwerfen.
Daran ist richtig, dass das Verhältnis von Vernunft und Religion in dieser Situation von entscheidender Bedeutung ist und dass um das rechte Verhältnis beider zu ringen, zum Kern unserer Bemühungen in der Sache des Friedens gehört. Einen Satz von Hans Küng abwandelnd möchte ich sagen, dass es ohne den rechten Frieden zwischen Vernunft und Glaube auch keinen Weltfrieden geben kann, weil ohne den Frieden zwischen Vernunft und Religion die Quellen der Moral und des Rechts versickern. Um das Gemeinte zu klären, möchte ich denselben Gedanken negativ formulieren: Es gibt Pathologien der Religion – wir sehen es; und es gibt Pathologien der Vernunft – auch das sehen wir, und beide Pathologien sind lebensgefährlich für den Frieden, ja, im Zeitalter unserer globalen Machtstrukturen für die Menschheit im Ganzen. Sehen wir näher zu.
Gott oder die Gottheit kann zur Verabsolutierung der eigenen Macht, der eigenen Interessen werden. Ein so parteilich gewordenes Gottesbild, das Gottes Absolutheit mit der eigenen Gemeinschaft oder ihren Interessenlagen identifiziert und daher Empirisches, Relatives zur Absolutheit erhebt, löst Recht und Moral auf: Das Gute ist dann das der eigenen Macht Dienende; der wirkliche Unterschied zwischen Gut und Böse zerfällt. Moral und Recht werden parteilich. Dies verschlimmert sich noch dadurch, dass der Wille zum Einsatz für das Eigene mit dem Fanatismus des Absoluten, dem religiösen Fanatismus aufgeladen und dadurch vollends brutal und blind wird. Gott ist zum Götzen geworden, in dem der Mensch seinen eigenen Willen anbetet. Wir sehen solches etwa in der Martyriumsideologie der Terroristen, die freilich im Einzelfall auch einfach Ausdruck der Verzweiflung an der Rechtlosigkeit der Welt sein kann. Wir haben im übrigen auch in den Sekten der westlichen Welt Beispiele eines Irrationalismus und einer Verdrehung des Religiösen vor uns, die zeigen, wie gefährlich Religion wird, die ihre Orientierung verliert.
Aber es gibt auch die Pathologie der von Gott gänzlich losgelösten Vernunft. Wir sahen es an den totalitären Ideologien, die sich von Gott losgelöst hatten und nun den neuen Menschen, die neue Welt konstruieren wollten. Hitler muss man wohl als einen Irrationalisten bezeichnen. Aber die großen Verkünder und Vollstrecker des Marxismus verstanden sich durchaus als Konstrukteure der Welt allein aus Vernunft. Vielleicht der dramatischste Ausdruck dieser Pathologie der Vernunft ist Pol Pot, wo die Grausamkeit einer solchen Rekonstruktion der Welt am unmittelbarsten in Erscheinung tritt. Aber auch die geistige Entwicklung im Westen tendiert immer mehr zu zerstörerischen Pathologien der Vernunft. War nicht schon die Atombombe eine Grenzüberschreitung, mit der die Vernunft, anstatt eine aufbauende Kraft zu sein, ihre Stärke in der Macht des Zerstören-Könnens suchte? Wenn die Vernunft nun mit der Erforschung des genetischen Codes nach den Wurzeln des Lebens greift, tendiert sie immer mehr dazu, den Menschen nicht mehr als Geschenk des Schöpfers (oder der „Natur“) zu sehen, sondern ihn zum Produkt zu machen.
Der Mensch wird „gemacht“, und was man „machen“ kann, kann man auch zerstören. Die Menschenwürde löst sich auf. Und wo sollten dann die Menschenrechte noch eine Verankerung finden? Wie sollte die Achtung vor dem Menschen, auch dem besiegten, dem schwachen, dem leidenden, dem behinderten noch standhalten? In all dem verflacht zugleich der Begriff der Vernunft immer mehr. Hatten die Alten zum Beispiel zwischen ratio und intellectus, der auf das Empirische und Machbare bezogenen und der in die tieferen Schichten des Seins hineinschauenden Vernunft unterschieden, so bleibt nun nur noch die ratio im engsten Sinne übrig. Nur noch das Verifizierbare, oder genauer: das Falsifizierbare gilt als vernünftig; die Vernunft reduziert sich auf das im Experiment Überprüfbare. Der ganze Bereich des Moralischen und Religiösen gehört dann dem Raum des „Subjektiven“ zu – er fällt aus der gemeinsamen Vernunft heraus.
Religion und Moral gehören dann nicht mehr der Vernunft an; es gibt keine „objektiven“, gemeinsamen Maßstäbe des Moralischen mehr. Für die Religion sieht man das nicht als weiter tragisch an – jeder finde die Seine, das heißt, sie wird ohnedies als eine Art subjektiver Verzierung mit eventuell nützlichen Motivationskräften angesehen. Im Bereich der Moral versucht man noch nachzubessern. Freilich – wenn alle Wirklichkeit nur Produkt mechanischer Prozesse ist, dann trägt sie als solche keine Moral in sich. Das Gute als solches, das Kant noch so am Herzen lag, gibt es dann nicht mehr. Gut ist bloß „besser als“, hat ein mittlerweile verstorbener Moraltheologe einmal gesagt. Wenn es so ist, gibt es auch das an sich und immer Böse nicht. Was Gut und Böse ist, hängt dann vom Kalkül der Folgen ab.
Und so haben nun in der Tat die ideologischen Diktaturen gehandelt: Im gegebenen Fall, wenn es dem Aufbau der zukünftigen Welt der Vernunft dient, kann es auch einmal gut sein, unschuldige Menschen umzubringen. Ihre absolute Würde gibt es ohnedies nicht mehr. Die erkrankte Vernunft und die missbrauchte Religion treffen sich da schließlich im gleichen Ergebnis. Der erkrankten Vernunft erscheint schließlich alle Erkenntnis von definitiv gültigen Werten, alles Stehen zur Wahrheitsfähigkeit der Vernunft als Fundamentalismus. Ihr bleibt nur noch das Auflösen, die Dekonstruktion, wie sie uns etwa Jacques Derrida vorexerziert: Er hat die Gastfreundschaft „dekonstruiert“, die Demokratie, den Staat und schließlich auch den Begriff des Terrorismus, um dann doch erschreckt vor den Ereignissen des 11. September zu stehen. Eine Vernunft, die nur noch sich selber und das empirisch Gewisse anerkennen kann, lähmt und zersetzt sich selber.
Der Glaube an Gott, der Begriff Gottes kann missbraucht werden und wird dann zerstörerisch: Das ist die Gefährdung der Religion. Aber eine Vernunft, die sich völ-lig von Gott löst und ihn bloß noch im Bereich des Subjektiven ansiedeln will, wird orientierungslos und öffnet so ihrerseits den Kräften der Zerstörung die Tür. Wenn in der Aufklärung nach Moralbegründungen gesucht wurde, die auch dann noch gelten würden, etsi Deus non daretur, so müssen wir heute unsere agnostischen Freunde einladen, sich einer Moral zu öffnen „si Deus daretur“.
Kolakowski hat von den Erfahrungen einer atheistisch-agnostischen Gesellschaft herkommend eindringlich gezeigt, dass ohne diesen absoluten Bezugspunkt das Handeln des Menschen sich im Unbestimmten verliert und dann den Mächten des Bösen heillos ausgeliefert ist. Als Christen sind wir heute aufgefordert, nicht etwa die Vernunft zu begrenzen und uns ihr entgegenzusetzen, sondern uns ihrer Verengung auf die Vernunft des Machens entgegenzustellen und um die Wahrnehmungsfähigkeit für das Gute und für den Guten, für das Heilige und den Heiligen zu kämpfen. Dann führen wir den wahren Kampf für den Menschen und gegen die Unmenschlichkeit. Nur eine Vernunft, die auch für Gott offen ist – nur eine Vernunft, die Moral nicht ins Subjektive verbannt oder zum Kalkül erniedrigt, kann dem Missbrauch des Gottesbegriffs und den Erkrankungen der Religion entgegentreten und Heilungen schenken.
Den Gottesbegriff in den Streit um den Menschen hineinstellen
Von da aus wird die große Aufgabe sichtbar, die sich heute den Christen stellt. Es ist ihre, unsere Aufgabe, die Vernunft umfassend zum Funktionieren zu bringen, nicht nur im Bereich der Technik und der materiellen Entwicklung der Welt, sondern vor allem auch auf die Wahrheitsfähigkeit hin, die Fähigkeit, das Gute zu erkennen, das die Bedingung des Rechts und damit auch die Voraussetzung des Friedens in der Welt ist. Es ist die Aufgabe von uns Christen in dieser Zeit, unseren Gottesbegriff in den Streit um den Menschen hineinzustellen. Für diesen Gottesbegriff ist zweierlei kennzeichnend: Gott selbst ist Logos, der rationale Urgrund alles Wirklichen, die schöpferische Vernunft, aus der die Welt entstand und die sich in der Welt spiegelt. Gott ist Logos – Sinn, Vernunft, Wort, und darum entspricht ihm der Mensch durch die Öffnung der Vernunft und das Eintreten für eine Vernunft, die für die moralischen Dimensionen des Seins nicht blind sein darf. Denn „Logos“ bedeutet eine Vernunft, die nicht bloß Mathematik ist, sondern die zugleich Grund des Guten ist und die Würde des Guten verbürgt. Der Glaube an den Gott-Logos ist zugleich Glaube an die schöpferische Kraft der Vernunft; er ist Glaube an den Schöpfergott und daran, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist und daher an der unantastbaren Würde Gottes selbst teilhat. Die Idee der Menschenrechte hat darin ihren tiefsten Grund, auch wenn ihre historische Entwicklung und Ausgestaltung verschiedene Wege gegangen ist.
Gott ist Logos. Dazu kommt aber noch ein zweites. Zum christlichen Gottesglauben gehört auch, dass Gott – die ewige Vernunft – Liebe ist. Es gehört dazu, dass er nicht ein beziehungslos in sich kreisendes Sein darstellt. Gerade weil er souverän ist, weil er Schöpfer ist, weil er alles umfasst, ist er Beziehung und ist er Liebe. Der Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und an sein Leiden und Sterben für den Menschen ist der höchste Ausdruck für diese Überzeugung, dass die Mitte aller Moral, die Mitte des Seins selbst und sein innerster Ursprung Liebe ist. Diese Aussage ist die stärkste Absage an jedwelche Ideologie der Gewalt, sie ist die wahre Apologie des Menschen und Gottes. Vergessen wir aber darüber nicht, dass der Gott der Vernunft und der Liebe auch der Richter der Welt und der Menschen ist – der Garant der Gerechtigkeit, vor dem alle Menschen Rechenschaft ablegen müssen.
Die Wahrheit des Gerichts gegenwärtig zu halten, ist gegenüber den Versuchungen der Macht ein grundlegender Auftrag: Jeder muss Rechenschaft ablegen. Es gibt Gerechtigkeit, die von der Liebe nicht aufgehoben wird. Dazu findet sich in Platons Gorgias ein erschütterndes Gleichnis, das vom christlichen Glauben nicht aufgehoben, sondern erst zu seiner vollen Gültigkeit gebracht worden ist. Platon spricht davon, wie die Seele nach dem Tod schließlich nackt vor dem Richter steht. Nun zählt nicht mehr, welchen Rang sie in der Welt eingenommen hatte. Mag es die Seele des Perserkönigs oder sonst eines Herrschers sein: Der Richter sieht die Narben, die von Meineid und Gerechtigkeit stammen „und die ihm jede seiner Taten in die Seele eingeprägt hat. Und alles ist schief vor Lüge und Hochmut. Und nichts ist gerade, weil sie ohne Wahrheit aufgewachsen ist. Er sieht, wie die Seele durch Willkür, Üppigkeit, Übermut und Unbesonnenheit im Handeln und Maßlosigkeit und Schändlichkeit beladen ist... Manchmal aber sieht er eine andere Seele vor sich, eine, die ein frommes und ehrliches Leben geführt hat, die Seele eines gewöhnlichen Bürgers oder eines einfachen Menschen... da freut er sich und schickt sie auf die Inseln der Seligen.“ Wo solche Überzeugungen stark sind, da stehen auch Recht und Gerechtigkeit in Kräften.
Noch ein drittes Element der christlichen Überlieferung möchte ich erwähnen, das in den Bedrängnissen unserer Zeit von grundlegender Bedeutung ist. Der christliche Glaube hat – vom Weg Jesu her – die Idee der politischen Theokratie aufgehoben. Er hat – modern ausgedrückt – die Weltlichkeit des Staates hergestellt, in dem die Christen mit Angehörigen anderer Überzeugungen in Freiheit zusammenleben, zusammengehalten freilich von der gemeinsamen moralischen Verantwortung, die sich aus dem Wesen des Menschen, aus dem Wesen der Gerechtigkeit ergibt. Davon unterscheidet der christliche Glaube das Reich Gottes, das in dieser Welt nicht als politische Wirklichkeit existiert und nicht als solche existieren kann, sondern durch Glaube, Hoffnung und Liebe ankommt und die Welt von innen her verwandeln soll. Aber unter den Bedingungen der Weltzeit ist das Gottesreich kein Weltreich, sondern ein Anruf an die Freiheit des Menschen und eine Stütze der Vernunft, damit sie ihre eigene Aufgabe erfüllen kann.
In den Versuchungen Jesu geht es letztlich um diese Unterscheidung, um die Abweisung politischer Theokratie, um die Relativität des Staates und das eigene Recht der Vernunft, zugleich um die Freiheit der Wahl, die jedem Menschen zugedacht ist. In diesem Sinn ist der laikale Staat eine Folge der christlichen Grundentscheidung, auch wenn es langen Ringens bedurfte, um dies in allen Konsequenzen zu verstehen. Dieser weltliche, „laikale“ Charakter des Staates schließt seinem Wesen nach jene Balance zwischen Vernunft und Religion ein, die ich vorhin darzustellen versuchte. Er steht damit freilich auch dem Laizismus als einer Ideologie entgegen, die sozusagen den Staat einer reinen Vernunft bauen möchte, der von allen geschichtlichen Wurzeln gelöst ist und dann auch keine moralischen Grundlagen mehr kennen kann, die nicht jeder Vernunft einsichtig sind. So bleibt ihm am Ende nur der Positivismus des Mehrheitsprinzips und damit der Verfall des Rechts, das schließlich von der Statistik gelenkt wird. Wenn die Staaten des Westens sich vollends auf diese Straße begeben würden, könnten sie auf Dauer dem Druck der Ideologien und der politischen Theokratien nicht standhalten. Auch ein laikaler Staat darf, ja, muss sich auf die prägenden moralischen Wurzeln stützen, die ihn gebaut haben; er darf und muss die grundlegenden Werte anerkennen, ohne die er nicht geworden wäre und ohne die er nicht überleben kann. Ein Staat der abstrakten, geschichtslosen Vernunft kann nicht bestehen.
Die „rechte“ Vernunft darf das Sehen nicht verlernen
Praktisch heißt das, dass wir Christen uns mit allen unseren Mitbürgern um eine aus den christlichen Grundeinsichten genährte moralische Grundlegung des Rechts und der Gerechtigkeit bemühen müssen, wie immer der Einzelne sie begründet sieht und wie immer er sie mit dem Ganzen seines Lebensgefüges in Zusammenhang bringt. Aber damit solche gemeinsame rationale Überzeugungen möglich werden, damit die „rechte Vernunft“ das Sehen nicht verlernt, ist es wichtig, dass wir unser eigenes Erbe kraftvoll und rein leben, damit es mit seiner inneren Überzeugungskraft im Ganzen der Gesellschaft sichtbar und wirksam wird. Ich möchte an den Schluss ein Wort des Kieler Philosophen Kurt Hübner stellen, in dem dieses Anliegen deutlich wird: „Den Kampf mit den uns heute feindlich gesinnten Kulturen werden wir... schließlich nur vermeiden, wenn wir den leidenschaftlichen Vorwurf der Gottvergessenheit entkräften werden, indem uns die tiefe... Verwurzelung unserer Kultur im Christentum wieder vollkommen bewusst wird. Zwar lässt sich das Ressentiment, das die Überlegenheit des Westens auf vielen, heute das Leben überall prägenden Gebieten hervorruft, dadurch nicht beseitigen, aber es kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die religiöse Glut zu löschen, an der es sich ja hauptsächlich entzündet...“
In der Tat – ohne neue Besinnung auf den Gott der Bibel, den in Jesus Christus nahe gewordenen Gott, werden wir den Weg zum Frieden nicht finden.
Der Autor hielt diese Ansprache am 5. Juni in der „Abbaye des Hommes“ in Caen.