Als Johannes Paul II. während seiner ersten Kreuzwegandacht in Rom das aus dem Kolosseum mitgebrachte Kreuz auf dem nahegelegenen Monte Palatino festmachte – das war an jenem unvergesslichen, sternenklaren Karfreitagabend des 13. April 1979 – und von dieser Anhöhe aus eine Ansprache an das Volk richtete, die er mit den Worten beschloss: „Dum volvitur orbis, stat crux!“ („Inmitten einer sich verändernden Welt steht das Kreuz fest“), rief jemand aus der Menge mit lauter Stimme, die ringsum eingetretene ungewöhnliche Stille unterbrechend: „Santo Padre! In hoc signo vinces!“ („Heiliger Vater! In diesem Zeichen wirst du siegen!“). Dieser Ausruf löste sofort den stürmischen und lange nicht abklingen wollenden Beifall der Gläubigen aus. Johannes Paul II. stand die ganze Zeit über unbeweglich da, gleichsam erstarrt in schweigender Anbetung des Zeichens der Erlösung der Welt. Es scheint, dass wir hier dem Kern des Geheimnisses des Pontifikats von Johannes Paul II. näherkommen.
Der Papst bezaubert die Menschen mit seiner Menschlichkeit, er gewinnt sie durch sein menschliches Herangehen an sie, um in ihnen dann doch wieder Angst vor den Anforderungen zu wecken, die er im Namen ihres Menschseins an sie stellt. Er erscheint den Menschen als ein großer Humanist und verkündet gleichzeitig, dass „Gott die Liebe“ ist, mehr noch: dass wir überhaupt nur deshalb existieren, weil Gott uns schöpferisch liebt, weil wir „aus Seinem Geschlecht sind“, aber auch, dass Seine schöpferische Liebe zu uns nicht sie selber wäre, wenn sie nicht auch Anforderungen an uns stellen würde, die dem Gipfel gemäß sind, „von dem unser Geschlecht ist“.
Dies mag die Menschen in der Lehre Johannes Pauls II. sowohl faszinieren als auch „Furcht und Zittern“ in ihnen wecken. Denn sind diese absoluten Anforderungen Gottes nicht absolut zu hoch gegriffen, allzu überirdisch, als dass ihre Erfüllung hier auf Erden möglich wäre? So fragen „praktische Menschen“: Wer ist dieser Papst eigentlich, der einerseits so authentisch jedem Menschen entgegenkommt und mit einem solchen Respekt auf die Einmaligkeit eines jeden seiner Gesprächspartner ein-geht, dass er durch seine eindeutig humanistische Haltung vom ersten Augenblick an die ganze Welt für sich einnehmen kann, andererseits aber zugleich so tief in die Wirklichkeit des transzendenten Gottes eingetaucht ist, dass er das realistische Bild der Herausforderungen durch brennende Probleme ganz konkreter Menschen fast völlig aus den Augen zu verlieren scheint?
Der Mensch im Mittelpunkt oder Gott?
Inmitten des Dickichts dieser Probleme betritt er die Stufen des Altars und lädt alle ein, die Eucharistie mit ihm zu feiern, als ob diese für ihn dasjenige wäre – und für alle anderen ebenfalls sein sollte –, was allein der Aufmerksamkeit des Menschen würdig ist: der Schlüssel zu all ihren Problemen.
Wer also ist angesichts dessen dieser Papst nun wirklich? Konzentriert er seine Aufmerksamkeit und Sorge tatsächlich auf das Schicksal der Bewohner dieser Erde, oder gibt er de facto die von ihm proklamierte anthropozentrische Option auf und verliert sie zugunsten seines radikalen Theozentrismus? Haben wir es somit nicht im Grunde genommen mit einem Akt des „Verrats am Menschen“ zu tun, allerdings verborgen hinter dem Vorhang einer humanistischen Rhetorik, mit einem Verrat, der auf dem Akt beruht, alles dem ausschließlichen Primat Gottes selbst unterzuordnen? Worum geht es diesem Papst denn nun wirklich: um die konsequente Solidarität mit dem Menschen oder um die konsequente Solidarität mit Gott? Um das eine oder um das andere? Muss man sich hier letzten Endes nicht für die Wahl eines von beiden entscheiden: entweder für die eine oder für die andere Solidarität? Oder wäre hier etwas möglich, was ansonsten unmöglich erscheint, nämlich ein „tertium – ein Drittes“, ein spezifischer Anthropozentrismus, der einen spezifischen Theozentrismus nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar notwendig voraussetzen würde?
Tatsächlich. Tertium datur! Es gibt eine dritte Möglichkeit. Man kann wohl sagen, dass das „Rätsel“ Johannes Pauls II. in dem Versuch liegt, das „Rätsel“ des scheinbaren Gegensatzes von Anthropozentrismus und Theozentrismus durch den Hinweis auf ein außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte der Menschheit zu lösen, welches zugleich ein Ereignis in der Geschichte Gottes selbst darstellt, ein Ereignis, das diesen Gegensatz überwindet. Etienne Gilson bezeichnete es sogar als „Datum“ in der Geschichte Gottes, der doch keine Geschichte kennt, weil er ein „ewiges Jetzt“ ist. Dieses Ereignis ist die Inkarnation Gottes, das Ereignis „Deus homo – Gott ist Mensch geworden!“
Sehr viele Menschen hat der Papst ganz zu Beginn seines Pontifikates mit seiner mitreißenden Deklaration sofort für sich einzunehmen vermocht, wie wir sie auf den Seiten seiner ersten Enzyklika „Redemptor hominis“ finden: „Der Mensch (...) ist der erste und grundlegende Weg der Kirche“ (14). Diese Enzyklika gilt – übrigens mit Recht – als Programm für sein gesamtes Pontifikat. Der Mensch wird darin von Johannes Paul II. wirklich direkt in die Mitte der Aufmerksamkeit und Sorge der Kirche gestellt. „Alle Wege der Kirche führen zum Menschen“ (14). Warum? Weil – so erklärt Johannes Paul II. sofort, wenn er auch leider nicht immer aufmerksam und bis zu Ende angehört wird – weil eine Kirche, die nicht den Weg des Gott-Menschen gehen würde, diesen direkt in Richtung des Menschen, „eines jeden Menschen“, führenden Weg, damit aufhören würde, Kirche Jesu Christi zu sein, das heißt sie würde ihren Gründer verraten und damit auch den Menschen. Diese Kirche würde dann nämlich eo ipso auch die Sendung des Gott-Menschen gegenüber dem Menschen selbst verraten (vgl. RH, Nr. 11), weil... „Christus mit jedem Menschen, ohne Ausnahme, in irgendeiner Weise verbunden“ ist (14). Was für eine Sendung ist das letztendlich? Wodurch ist sie motiviert? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns mit Johannes Paul II. die große Frage des heiligen Anselm von Aosta nach dem Grund des Ereignisses stellen, warum Gott Mensch wird. „Cur Deus homo?“
Tatsächlich, diese Frage bildet die Achse der Enzyklika „Redemptor hominis“ und gewissermaßen die Achse aller übrigen Enzykliken von Johannes Paul II. – ein-schließlich seiner Enzyklika „Fides et ratio“. Denn schon im Titel der Einführung zur letzteren wird ebenfalls die Problematik des Menschen direkt in den Mittelpunkt gestellt. Er klingt wahrhaft sokratisch: „Erkenne dich selbst!“ Auch hier geht es um die Beantwortung der Frage, die sich der Mensch von der Position seiner eigenen Vernunft selber stellt: Wer bin ich eigentlich – ich, der Mensch?
Für Johannes Paul II. gibt es keine adäquate Antwort auf diese Frage ohne das Stellen einer weiteren Frage, die eine Schlüsselrolle für alle weiteren Reflexionen besitzt, welche der Sache des Menschen ihm selbst gegenüber einen Sinn geben sollen: Cur Deus homo? – Warum ist Gott Mensch geworden? –, selbstverständlich ohne eine Antwort auf diese Frage zu geben. Dies muss eine Antwort der Offenbarung und des Glaubens sein. Eben diese Antwort, die den Problemmittelpunkt der gesamten Botschaft von Johannes Paul II. bildet, ist bereits im Titel seiner ersten Enzyklika enthalten. Sie lautet: „Redemptor hominis – Erlöser des Menschen“. Gott wird Mensch, um den Menschen zu erlösen! Das ist eine geradezu unglaubliche Mission, weil sie ein unerhörtes Ereignis nicht nur in der Geschichte des Menschen, sondern auch in der Geschichte Gottes voraussetzt. „In dieser Heilstat hat die Geschichte des Menschen, so wie sie in der Liebe Gottes geplant ist, ihren Höhepunkt erreicht. Gott ist in die Menschheitsgeschichte eingetreten; als Mensch ist er Subjekt dieser Geschichte geworden, einer von Milliarden und gleichzeitig dieser eine!“ (Redempor hominis, 1).
Dies ist also Gottes eigene Mission, der – zur Rettung von uns Menschen, in der Situation unseres moralischen Dramas von Schuld und Sünde, das heißt in einer Situation extremer Untreue des Menschen sich selbst und seinem Schöpfer gegenüber, dessen Kind er doch ist – „den schönen Himmel verlässt“, wie es in einem polnischen Weihnachtslied heißt, und Mensch wird. Deshalb erkühne ich mich, mit Papst Johannes Paul II. zu fragen: Wäre denn ein radikalerer Anthropozentrismus denkbar als dieser, den Gott selbst dem Menschen gegenüber offenbart hat? Deshalb müssen wir uns unbedingt Gott selbst zuwenden, müssen wir Gott möglichst vollständig erkennen. Ihn bis ans Ende verstehen. Daher dieser Theozentrismus des Karol Wojtyla, um den Menschen bis ans Ende verstehen zu können. Daher sein Anthropozentrismus, um Seine Liebe zum Menschen direkt, gleichsam in Gottes eigenem Herzen, erlernen zu können, das heißt die dem Menschen gebührende Liebe direkt an ihrer Quelle zu erlernen, in Gottvater – als demjenigen, der in Christus, dem Gott-Menschen, „uns bis ans Ende geliebt hat“.
Deshalb muss ein authentischer Anthropozentrismus ganz selbstverständlich zum Theozentrismus führen, und umgekehrt: Ein authentischer Theozentrismus führt – ebenso selbstverständlich – zum Anthropozentrismus; er führt vom Menschen zum Menschen über Gott als den besten aller möglichen Wege des Menschen zum Menschen. Aber sowohl in die eine als auch in die andere Richtung führt am Ende immer nur derselbe Weg und der einzig mögliche Weg. Dieser Weg ist Jesus Christus, Gott und Mensch zugleich, Mensch und Gott zugleich und nur Er kann dieser Weg sein.
Das unerreichbare Vorbild der Hingabe im „Fiat“ Mariens
Wie könnte man anthropozentrischer sein als dieser Papst, der in seinem Anthropozentrismus doch nur versucht, den einzigen diesen Namen wirklich verdienenden Anthropozentrismus treu bis ans Ende zu erfüllen – den Anthropozentrismus des Gott-Menschen Jesu Christi auf den Wegen Seiner wahrhaft göttlichen Treue in der Liebe zum Menschen? Deshalb kann man den Menschen überhaupt nicht verstehen ohne Christus als den Ewigen Sohn Gottes, in dessen Geschenk für uns sich Gottvater uns selbst restlos und bis ans Ende hingibt.
Für diese eine einzige Sache brennt Johannes Paul II., sich am Kreuz festhaltend, als Priester und Vikar Jesu Christi ununterbrochen auf dem Altar der Eucharistie der Geschichte. Wahrhaftig, er hat es gewagt, sich restlos und vollständig dem Gott-Menschen hinzugeben, so wie Christus sich ganz dem Vater hingab, um sich mit Ihm und in Ihm dem durch Ihn erlösten Menschen restlos und vollständig hingeben zu können. Und da er das unerreichbare Vorbild dieser Hingabe im „Fiat!“ der Gottesgebärerin und Jungfrau Maria erblickte, wollte Johannes Paul II. ihr die Sache seiner völligen Selbsthingabe – der ihm anvertrauten Kirche – an Ihren Sohn restlos anvertrauen. Dem hat er in seinem päpstlichen Emblem „Totus Tuus“ öffentlich Ausdruck verliehen.
Selbstverständlich ist die „Sache“ für Johannes Paul II. an dieser Stelle keinesfalls zu Ende, da ihn die innere Logik des Ereignisses der Inkarnation Gottes zur Eucharistie führt. Denn das Wunder der Eucharistie beruht letzten Endes ja darauf, dass uns allen von Gottvater mit dem Geschenk Seines Ewigen Sohnes zugleich die Chance gegeben wird, schon hier auf Erden am Akt der endlosen Danksagung an Gottvater und der endlosen Verherrlichung Gottes auf eine Ihm wahrhaft würdige Weise, das heißt um Seiner selbst willen, teilzunehmen. So wie dies auf unübertreffliche Weise wiede-rum die Gottesmutter tut, die Ihm dankt und Ihm zugleich dieses Loblied singt: „Magnificat anima mea Dominum – Meine Seele erhebt den Herrn!“
Und wie dies die Kirche – Ihr nachfolgend – im Hymnus Gloria in excelsis Deo während der Heiligen Messe formuliert: „Gratias agimus Tibi propter magnam gloriam Tuam!“ Denn Christus krönt sein Werk dadurch, dass Er dem Menschen bis ans Ende dient und – paradoxerweise – eben dadurch Gottvater im Akt dieses Dienstes als Akt des unendlichen Gehorsams gegenüber Seinem Heilsplan für den Menschen verherrlicht. Es ist also keineswegs Zufall, dass gerade am Kreuz die Worte fallen: „Es ist vollbracht!“, die das mit dem Werk der Inkarnation begonnene Werk der Eucharistie letztendlich krönen.
Erst nach alldem würde ich es wagen, jeden zu ermutigen, einige „routinehafte“ und zugleich völlig unkonventionelle Gesten für sich selbst zu kommentieren, die den pastoralen Dienst Johannes Pauls II. unverändert begleiten, insbesondere die Gesten des Hirtenpapstes und Pilgerpapstes – Gesten, in die Johannes Paul II. als Akteur auf der Bühne der Eucharistie der Geschichte das schweigend und zugleich überaus beredt zum Ausdruck bringt, was er seinen Gläubigen danach noch sagen oder ergänzen und mit Hilfe von Worten kommentieren will.
Es lohnt sich also, den Papst schon bei seiner ersten Geste zu beobachten, mit der er seine Gläubigen in ihrem Vaterland jedesmal begrüßt. Es lohnt sich auch, den Papst bei der Geste zu beobachten, mit der er dem sich uns auf dem Altar in den Gestalten von Brot und Wein als lebendige Speise vergegenwärtigenden Gott dankt, sowie bei der Geste, mit der er den am Kreuz erhöhten Gott-Menschen in einem Akt der Danksagung und letztendlichen Huldigung Gottvaters anbetet. Es lohnt sich, ihm bei seinem „beharrlichen Festhalten am Kreuz“ zuzuschauen: „Herr, du siehst, ich fürchte das Kreuz nicht. Du siehst, ich schäme mich des Kreuzes nicht... Denn an diesem Kreuz sehe ich meinen Gott.“
Denn bei alldem handelt es sich um überaus wesentliche Momente bei der Weitergabe der Wahrheit über Gott unter uns, der Wahrheit über Gott als Bruder, über Gott als Freund; es handelt sich um Momente, die immer noch nicht alle rechtzeitig zu erkennen imstande sind. Dabei begreift doch immer nur derjenige die Worte des Freundes, der die Beredtsamkeit seines Schweigens erkannt hat, die Aussagekraft seiner wortlosen Gesten. Das ist wohl auch mindestens eine Ursache für das Phänomen des „rätselhaften Papstes“: Bemerkt wurde gleichsam eine radikale Wende der Aufmerksamkeit des Papstes vom Anthropozentrismus hin zum Theozentrismus. Interpretiert wurde dies als eine Abwendung Johannes Pauls II. von der zu Beginn seines Pontifikats deklarierten entschieden humanistischen Option – wobei man selbstverständlich den Schein als Sein nahm.
Gewiss, es ist wahr, dass Johannes Paul II. in verhältnismäßig kurzer Zeit nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Redemptor hominis“ zwei weitere Enzykliken veröffentlicht hat, welche Gott gewidmet sind. Wahr ist auch, dass er darin das Geheimnis Gottes betrachtet. Außerdem stimmt es, dass sie – übrigens zusammen mit seiner ersten Enzyklika – so etwas wie ein innerlich geschlossenes doktrinelles Triptychon (dreiteiliges Lehrstück) bilden, das den Blick der gesamten Kirche auf das Geheimnis des Dreieinigen Gottes lenken soll: Vater und Sohn und Heiliger Geist. Gerade als ein solches Ganzes waren sie für viele eine überraschende Herausforderung und ein Zeichen des Widerspruchs. Angeblich zeugten sie von einer theozentrischen Wende in der Orientierung des Papstes und zugleich von seiner Abkehr von der früher deklarierten anthropologischen Wende.
Tatsächlich erscheint gleich nach der ers-ten Enzyklika, die unsere Aufmerksamkeit auf die Person des eingeborenen Sohnes Gottes richtet, eine zweite Enzyklika, die unsere Aufmerksamkeit auf die Person Gottvaters konzentriert, wie schon im Titel unterstrichen wird: „Dives in misericordia – Über das göttliche Erbarmen.“ Und eine Zeitlang später erscheint eine weitere Enzyklika – eine Enzyklika über den Heiligen Geist. Sie trägt den Titel „Dominum et Vivificantem“, der durch folgenden Untertitel ergänzt wird: „Über den Heiligen Geist im Leben der Kirche und der Welt“. Sie krönt auch de facto das Werk der konsequenten Darlegung des Dreieinigen Gottes – der „Ewigen Kommunion der Personen“ – durch Johannes Paul II. Nur dass es bei diesem uns nahegebrachten Gott darum geht, dem Menschen sein Urbild zu zeigen, das heißt das Urbild von jemandem, den Gott selbst kraft Seiner schöpferischen Liebe dazu beruft, „nach Seinem Bild und Ihm ähnlich“ zu existieren. Er beruft ihn auf „den Gipfel, der Gott selber ist“. Er beruft ihn zur Existenz, damit er seine Größe auf kluge Weise selbst verwalten und lenken kann und damit er sich auf kluge Weise die Erde untertan mache.
„Die Herrlichkeit Gottesist der lebendige Mensch“
Deshalb vermag der inspirierte Verfasser des achten Psalms seine Faszination vom Erstaunen Gottes beim Anblick der Herrlichkeit des Werkes nicht zu verbergen, welches der Mensch inmitten all Seiner Werke darstellt. Er fragt: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihm alles zu Füßen gelegt ... Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“ (Ps 8, 4–7.10). Konnte man den Menschen etwa noch mehr erhöhen? Schließlich gibt es nichts Größeres mehr als Gott. Wer ist wie Er?
Deshalb bejaht nur derjenige den Menschen seiner Größe gemäß, der ihn so bejaht, wie dies sein Schöpfer selbst tut, indem er ihn – wie dies auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wird – „um seiner selbst willen“ bejaht. Und umgekehrt: Erst derjenige bejaht Gott als Schöpfer des Menschen, der im Akt der Bejahung Gottes dessen Meisterwerk in dieser Welt, welches jeder einzelne Mensch darstellt, in vollem Umfang ergreift. Und das tut er erst dann, wenn er im Akt der Bejahung des Menschen zugleich seinen Schöpfer verherrlicht und Ihm zusammen mit jedem anderen Menschen für das Geschenk der Existenz dankt, das heißt für das Geschenk des Lebens, und im Akt dieser Bejahung der Anderen, das heißt der Liebe als Dienst an ihnen, auf die hier auf Erden einzig mögliche Weise in seinem Menschsein Erfüllung findet. Deshalb wiederholt Johannes Paul II. so oft mit dem heiligen Irenäus von Lyon: „Gloria Dei vivens homo.“ – „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch.“
Die ganze vom Verfasser des achten Psalms verwendete Symbolik der erschaffenen Welt als eines dem Menschen vom Schöpfergott zu Füßen gelegten Werkes Gottes bildet einen faszinierenden Ausdruck der Größe des Menschen. Aber diese Symbolik liefert zugleich – gerade durch Fortsetzung auf Seite 6
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ihren außergewöhnlichen Kontrast – einen Ausgangspunkt für die Symbolik eines dramatischen Ereignisses in der Geschichte der Freiheit des Menschen, in dessen Resultat wir zu Füßen des Menschen jemanden erblicken, den wir an dieser Stelle überhaupt nicht erwartet hätten, und zwar aus einem Grunde, der dem Menschen keineswegs zur Ehre gereicht, im Gegenteil: der eher die Ausmaße seiner moralischen Tragödie verdeutlicht.
Der in der Enzyklika Johannes Pauls II. „Fides et ratio“ zitierte Blaise Pascal äußert sich dazu wie folgt: „Die Erkenntnis Gottes ohne Erkenntnis des eigenen Elends gebiert Hochmut. Die Erkenntnis des eigenen Elends ohne die Erkenntnis Gottes gebiert Verzweiflung. Die Erkenntnis Christi bildet die Mitte, weil wir in ihr sowohl Gott als auch unser Elend finden.“
So klärt sich das Geheimnis des Menschen auf durch die vollendete Aufklärung des geheimnisvollen Grundes, warum Gott in Jesus Christus Mensch wird. Das Ereignis „Deus homo!“ bildet eine Überwindung der Aporie von Anthropozentrismus oder Theozentrismus. Tertium datur – Es gibt ein Drittes: den Christozentrismus.
Aber dieser Christozentrismus ist zugleich ein höchst radikaler Anthropozentrismus mit einem höchst radikalen Theozentrismus.
Daher beruht dieser ganze angebliche Wechsel der Option von Papst Johannes Paul II. „vom Anthropozentrismus zum Theozentrismus“, eine Art spezifischer Inkonsequenz zwischen dem einen und dem anderen, lediglich auf einem Missverständnis. Man könnte es bezeichnen als Irrtum der „ignorationis elenchi“ in Bezug auf das Wesen der Offenbarung des Geheimnisses des Menschen durch die Offenbarung des Geheimnisses des Gott-Menschen, Jesus Christus, an uns durch Gott – durch das Ereignis „Deus homo“ sowie das „Cur Deus homo?“.
Es sei hier noch einmal an den bereits weiter oben zitierten Satz des Zweiten Vatikanums erinnert: „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf“ (Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, 22).
Wer dieses wichtige Element in der gesamten Lehre von Johannes Paul II. übersieht oder achtlos daran vorbeigeht, der verpasst notwendigerweise die wohl einzige Chance, zu verstehen, wer Johannes Paul II. wirklich ist. Dann wird er für ihn jemand bleiben, der zwischen der Antinomie von Anthropozentrismus und Theozentrismus herumirrt. Die Persönlichkeit dieses Papstes muss ihm dann rätselhaft bleiben, aber im negativen Sinne dieses Wortes – eine undurchsichtige Gestalt, eine ambivalente und daher trügerische Gestalt.
In Wahrheit aber stellt die ganze Absicht dieses „Rätselpapstes“, ein trinitarisches Triptychon zu präsentieren, einen Versuch dar, unsere Aufmerksamkeit völlig auf ein Drittes – oder besser gesagt: auf einen Dritten – zu lenken und zu fesseln: auf Christus, der die Ausrichtung der Sicht des Menschen auf sich selbst, auf sein Drama, zutiefst verbindet mit der Ausrichtung seines Blickes auf Gott, den Vater des Menschen, auf die einzige Instanz, die dem Menschen einen Ausweg aus der Hölle der Sinnlosigkeit zeigen kann, in die sich der Mensch kraft seiner – aus dem Gehorsam gegenüber der Wahrheit über sich selbst ausbrechenden – Freiheit hineinmanövriert hat, das heißt einer vom Menschen im Akt seiner eigenen Vernunft erkannten Wahrheit, das heißt der Wahrheit der Stimme seines eigenen Gewissens. Deshalb ist dem Heiligen Vater so sehr daran gelegen, dass der Mensch den Versuch unternimmt, sich selbst mit den Augen Gottes zu betrachten.
Die Geste der Fußwaschung und die Torheit des Kreuzes
Und was wird aus der Schuld des Menschen? Was ist mit seiner Sünde? Wir wollen sehen! Schließlich sagt der Gott-Mensch, Jesus Christus, zu Füßen des Menschen in der Geste der Fußwaschung im Abendmahlssaal, im Kontext der Eucharistie, sowie in der ganzen Glorie der „Torheit des Kreuzes“ auf Golgota mit eben dieser Geste alles über den Menschen aus, bis ans Ende – einschließlich seiner Sünde.
Er zeigt erstens, wie groß die Würde des Menschen trotz seiner Sünde ist, da doch Gott selbst der Meinung war, dass es sich lohnt, sie zu retten und dass sie – trotz alledem – gerettet werden muss.
Er zeigt zweitens, wie groß die Ausmaße der Tragödie der Sünde sind, wenn sich eine solche Einmischung Gottes in die Geschichte der Freiheit des Menschen in Gottes Augen als unerlässlich erwies.
Und schließlich zeigt er drittens, wie groß die Liebe des barmherzigen Gottes ist, der zu einer derartigen Intervention bereit war. All dies zeigt Gott in der Geste der Niederwerfung des Gott-Menschen, Jesus Christus, zu Füßen des Menschen. Kurz danach wird Er erlauben, dass seine eigenen Füße an das Holz des Kreuzs geschlagen werden und dass sein Herz durchbohrt wird. „A cruce regnat Deus...“ – „Gott regiert vom Kreuz aus...“ Auf eine so geradezu spektakuläre Weise veranschaulicht uns Gottvater das Geschenk, dass Er uns hinsichtlich der Würde mit Seinem Sohn und mit sich selbst gleichsetzt – im Geiste der Liebe. In Ihm hat Er uns schon von Ewigkeit her erwählt, und in Ihm nimmt Er uns als Söhne an, wenn „die Zeit erfüllt ist“: in der Stunde der Inkarnation, in der Stunde der Eucharistie und in dieser Stunde Gottes voller geradezu theatralischer Beredsamkeit zu Füßen des Menschen.
Der heilige Paulus scheut sich nicht, hier die Symbolik eines gott-menschlichen Schauspiels zu verwenden. Hier wird deutlich, wer ich bin, wenn ich das Kind eines solchen Vaters bin! Erst von diesem Augenblick an kann jeder von uns sich selbst bis ans Ende erkennen und sehen, wer er ist, indem er sieht, wessen Vaters Kind er ist. Wenn ich das nicht sehe, sehe ich mich selbst noch nicht: Dann weiß ich immer noch nicht, wer ich wirklich bin. Denn ich habe es mit Gott selbst zutun, wenn ich es mit mir selbst zu tun habe. Mit Gott habe ich es auch zu tun, wenn ich es mit jedem anderen Menschen zu tun habe. Ohne Ausnahme!
Das ist auch der Kontext, in dem Karol Wojtyla als Autor des Theaterstückes „Strahlung der Vaterschaft“ den eigentlichen Kern dieser Entdeckung und dieses Erlebnisses der ihn mit Gott als seinem Vater verknüpfenden Bande so zum Ausdruck bringt: Erst dann gehöre ich mir selbst, wenn ich völlig freiwillig der Deine bin. Totus Tuus.
Das ist auch ein Hinweis darauf, wo das tiefste Motiv für die Geste gesucht werden muss, dass der Papst jedesmal die Spuren der Füße der Bewohner des Landes küsst, das er gerade besucht. Ehe er ihnen in die Augen blickt, ehe er ihre Hände berührt, ehe er die Eucharistie mit ihnen feiert, kommentiert er dies alles beim ersten Kontakt mit ihnen und mit ihrem Vaterland durch diese wortlose Geste Christi im Abendmahlssaal.
Diese Geste interpretiert dann gewissermaßen alle weiteren Begegnungen mit ihnen. Diese Tat verleiht allen an die Menschen gerichteten Worten ihren letztendlichen Sinn. Denn einzig die Geste des Gott-Menschen im Abendmahlssaal eignet sich dafür. Das ist Johannes Pauls II. Theologie der Person, ausgedrückt durch eine Theologie des Leibes der Person; eine Theologie des Wortes, das Fleisch geworden ist; eine Theologie Gottes, der Mensch wurde und sich unter den Menschen zu erkennen gab, um sagen zu können: „Philippus! Wer mich sieht, der sieht den Vater! [...] Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“ (Joh 14, 9–10).
Johannes Paul II. schreibt: „Das Kreuz auf dem Kalvarienberg, durch das Jesus Christus – Mensch, Sohn der Jungfrau Maria, vor dem Gesetz Sohn des Josef von Nazaret – diese Welt ,verlässt‘, ist zur gleichen Zeit eine neue Manifestation der ewigen Vaterschaft Gottes, der sich in ihm erneut der Menschheit und jedem Menschen nähert, indem er ihm den dreimalheiligen ,Geist der Wahrheit‘ schenkt (Joh 16, 13). Mit dieser Offenbarung des Vaters und der Ausgießung des Heiligen Geistes, die dem Geheimnis der Erlösung ein unauslöschliches Merkmal einprägen, erklärt sich der Sinn des Kreuzes und des Todes Christi. Der Gott der Schöpfung offenbart sich als Gott der Erlösung, als Gott, der sich selbst treu ist (vgl. 1 Thess 5, 24), treu seiner Liebe zum Menschen und zur Welt, wie sie sich schon am Tag der Schöpfung offenbart hat. Seine Liebe ist eine Liebe, die vor nichts zurückweicht, was die Gerechtigkeit in ihm selbst fordert. Und darum hat Gott den Sohn, ,der die Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht‘ (2 Kor 5, 21; vgl. Gal 3, 13). Wenn er den, der völlig ohne Sünde war, ,zur Sünde gemacht hat‘, so tat er dies, um die Liebe zu offenbaren, die immer größer ist als alles Geschaffene, die Liebe, die er selber ist, denn ,Gott ist Liebe‘ (1 Joh 4, 8.16). Die Liebe ist vor allem größer als die Sünde, als die Schwachheit und die Vergänglichkeit des Geschaffenen (vgl. Röm 8, 20), stärker als der Tod; es ist eine Liebe, die stets bereit ist, aufzurichten und zu verzeihen, stets bereit, dem verlorenen Sohn entgegenzugehen (vgl. Lk 15, 1 ff.) und immer auf der Suche nach dem ,Offenbarwerden der Söhne Gottes‘ (Röm 8, 19), die zur künftigen Herrlichkeit berufen sind (vgl. Röm 8, 18).
Diese Offenbarung der Liebe wird auch Barmherzigkeit genannt (hl. Thomas von Aquin, „Summa Theologiae“, III, q. 46, a. 1, ad 3); diese Offenbarung der Liebe und der Barmherzigkeit hat in der Geschichte nur eine Form und einen Namen: sie heißt Jesus Christus“ („Redemptor hominis“, 9).
Das ist der Kern der Sache. Der Kern der Sache des Menschen und der Kern der Sache des Gott-Menschen mit dem Menschen. Der Kern des Geheimnisses des Menschen und des Geheimnisses des Gott-Menschen. Es enthüllt sich dem Menschen, wenn Christus es ihm in Ihm selbst enthüllt, in Seinem von der Lanze des Menschen für den Menschen geöffneten Herzens. Christus, der Gott-Mensch, ist das Fenster zu Gott, dem Vater des Menschen, das Fenster zu Gott, der „reich an Barmherzigkeit“ ist.
Das ist auch der Kern der Botschaft, die Johannes Paul II. uns in dieser kapitalen Kürze zu Füßen des Kreuzes auf dem Giewont, einer Bergspitze im polnischen Tatra-Gebirge, dargelegt hat. Das ist sein großes Geschenk an die Bewohner dieses Landes, das er während seiner ersten Pilgerreise nach Polen als „Land eines besonders verantwortlichen Zeugnisses“ bezeichnet hat. Doch wohl darum, weil alles wirklich Großartige in unserer Geschichte zugleich extrem schwierig war.
Es geschah gewissermaßen immer im Schatten des Kreuzes und zugleich in seinem Glanz. Das ist auch der Grund dafür, dass Johannes Paul II., als er zu Füßen des Kreuzes auf dem Giewont stand und mit beiden Händen das Kreuz Christ ergriff, uns zum Abschied zurief: „Sursum corda!“ – „Erhebet eure Herzen!“ Denn Gott siegt und regiert kraft des Kreuzes.
Was an Johannes und an Paulus denken lässt
An der Katholischen Universität in Lublin sahen wir alle, dass „unser Professor“ täglich in der Stille der Kapelle der Ursulinnenschwestern in der Ulica Narutowicza 10 den Kreuzweg betete.
Wenn wir daran erinnern, kommen wir nicht umhin, dabei auch an Johannes zu denken, den einzigen Jünger Christi, der zusammen mit Seiner Mutter unter dem Kreuz stand, weil er „der Liebe glaubte“, sowie an Paulus, der dem Auferstandenen Christus auf dem Wege nach Damaskus begegnete. Paulus hinterließ uns auch dieses Selbstzeugnis von Christus in ihm: „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben“ (Gal 2, 19–20). Und er fügte dem noch hinzu: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige!“ (1 Kor 9, 16).
Deshalb ist es wohl unumgänglich, an den Glauben des Johannes erinnert zu werden, „des Jüngers zu Füßen des Kreuzes“, und an den Glauben des Paulus, „des verrückten Völkerapostels“, wenn wir den Namen Johannes Paul II. erwähnen.
Der Autor, Schüler und Nachfolger Karol Wojtylas auf dem Lehrstuhl für Ethik an der Katholischen Universität Lublin, ist mit dem Papst seit Jahrzehnten befreundet und gilt als einer dessen engsten Mitarbeiter und Berater. Der hier abgedruckte Text geht auf einen Vortrag zurück, den Styczen anlässlich der Stadtmission bei den Kapuzinern im Mai dieses Jahres in Wien gehalten hat (vollständige Fassung in: 25 Jahre Nachfolger des heiligen Petrus, Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2003).