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Im Glauben geeint, in allem anderen frei
Gottesbewusstsein und Liturgie, Theologie und Ökumene: Zur Lage der Kirche in Deutschland Bilanz und Perspektive – Ein Gespräch mit dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger
DT vom 03.10.2003



Seit 1981 steht der Theologe Joseph Ratzinger an der Spitze der Glaubenskongregation des Vatikans – und hat somit an entscheidender Stelle Anteil genommen an allen Krisen und Herausforderungen, die sich der katholischen Kirche und der gesamten Christenheit in den vergangenen beiden Jahrzehnten gestellt haben. Dass er dabei die Entwicklungen in seiner Heimat besonders verfolgt hat, ist selbstverständlich. Ratzinger war Dogmatikprofessor in Bonn, Münster, Tübingen, Regensburg und fast fünf Jahre Erzbischof in München. „Die Tagespost“ hat den Kardinal um ein Urteil über die Lage der Kirche in Deutschland gebeten. Trotz der Vorbereitungen des einzigartigen Kardinalstreffens, das anlässlich des Pontifikatsjubiläums Mitte Oktober in Rom stattfinden wird und das Ratzinger als Dekan des Kardinalskollegiums vorzubereiten hat, nahm sich der Präfekt hierfür Zeit. Der Kurienkardinal ist kein Kirchenfürst. Das Gehabe eines „Inquisitors“ liegt ihm fern. Der 1927 in Marktl am Inn geborene Ratzinger ist humorvoll und bescheiden im Gespräch, aber bestimmt (und fast immer druckreif) in seinen Antworten. Die Fragen stellte Guido Horst.

Frage: Unter traditionsbewussten Katholiken gehört es oft zum guten Ton, von einer Glaubenskrise in der Kirche zu sprechen. Aber war es nicht schon immer so, dass der Durchschnittschrist Zweifel hatte, dass er viele Dinge des Glaubens nicht genau verstand, dass er auch Abergläubisches mit sich trug? Wenn wir also heute eine Glaubenskrise haben: Was ist das besondere Kennzeichen dieser Krise?

Kardinal Ratzinger: Ich würde Ihnen zunächst Recht geben. Der Glaube des Einzelnen hatte immer so seine Schwierigkeiten und Probleme, seine Grenzen und seine Größe. Darüber können wir nicht urteilen. Aber es ist sozusagen in der geistigen Grundsituation etwas anders geworden: Bis zur Aufklärung hin und auch darüber hinaus war es doch so, dass die Welt auf Gott hin transparent war, dass es irgendwie eine Evidenz gab, dass hinter dieser Welt eine höhere Intelligenz steht, dass die Welt mit allem, was in ihr ist – die Schöpfung mit ihrem Reichtum und ihrer Vernunft, ihrer Schönheit – einen Schöpfergeist spiegelt. Und es gab auch über alle Spaltungen hinweg eine Grundevidenz, dass in der Bibel Gott selber zu uns spricht, dass er uns hier sein Antlitz enthüllt hat und dass in Christus Gott auf uns zutritt. Während es also sozusagen eine kollektive Grundvoraussetzung dafür gab, irgendwie einzustimmen in den Glauben – mit welchen Schwachheiten und Grenzen auch immer – und es eigentlich einer bewussten Rebellion bedurfte, um dagegen zu sein, hat sich das nach und seit der Aufklärung gewendet: Heute ist das Weltbild genau umgekehrt. Alles, so scheint es, ist materiell erklärt; man braucht, wie Laplace schon gesagt hat, die Hypothese Gott nicht mehr; alles wird aus materiellen Faktoren erklärt. Die Evolution ist gleichsam die neue Gottheit geworden. Nirgendwo ist ein Übergang, an dem man einen Schöpfer bräuchte – im Gegenteil: Ihn einzufügen erscheint wissenschaftlichen Gewissheiten entgegengesetzt und insofern etwas kaum noch Vertretbares zu sein.

Ebenso ist uns die Bibel gleichsam aus der Hand gerissen worden als ein Produkt, dessen Entstehung man historisch erklären kann, das überall historische Situationen spiegelt und uns gar nicht das sagt, was man glaubte, daraus entnehmen zu können, sondern dass alles ganz anders gewesen sein muss. In einer solchen kollektiven Si- tuation, wo die neue Autorität – das, was man für Wissenschaft hält – auftritt und uns das letzte Wort sagt und die Populärwissenschaft sich dann sozusagen als die Wissenschaft selbst ausgibt, ist es viel schwerer, Gottes gewahr zu werden und vor allen Dingen auch dem Gott in der Bibel, dem Gott in Jesus Christus anzuhangen, ihm zuzustimmen und in der Kirche die lebendige Gemeinschaft des Glaubens zu sehen. Insofern würde ich sagen, es gibt von der objektiven Bewusstseinssituation her einen anderen Ausgangspunkt, in dem Glaube einen viel größeren Einsatz verlangt und auch den Mut, scheinbaren Gewissheiten zu widerstehen. Der Durchstieg bis zu Gott hin ist sehr viel schwieriger geworden.

Zu früheren Zeiten hat die Kirche auch die Glaubensschwachen getragen: als eine geistige Heimat, als Ort, zu dem man gehört, als Institution, die Regeln und Gebote vor- gibt, einen aber auch durchs Leben begleitet. Das scheint heute so nicht mehr zu sein. Gibt es nicht nur eine Glaubenskrise, son- dern auch eine Krise der Kirche als geistiger Heimat?

Die Krise der Kirche ist die ganz konkrete Gestalt dieser Bewusstseins- und Glaubenskrise. Die Kirche erscheint nicht mehr als die lebendige Gemeinschaft, die von Christus selber herkommt und uns verbürgt, was Christus sagt, uns damit auch die geistige Heimat und die innere Gewissheit gibt, dass der Glaube wahr ist. Aber heute erscheint sie als eine Gemeinschaft unter vielen anderen: Es gibt viele Kirchen, wird jeder sagen, und es wäre menschlich unanständig, die eigene als die bessere anzusehen. Schon der menschliche Anstand gebietet einem also, die eigene so relativ zu sehen, wie man alle anderen auch sehen muss. Dann sind es also soziologische Zufallsgebilde, die unvermeidbar waren, aber die uns nicht mehr das Bürgnis geben: „Da bist du recht zu Hause“. Dieser Zerfall des Kirchenbewusstseins, der natürlich auch wieder mit dem ganzen Diktat der geistigen Situation von heute zusammenhängt und der konkrete Anwendungsfall davon ist, ist sicher ein Hauptgrund dafür, dass uns das Wort nicht mit Autorität erreicht, sondern wir allenfalls sagen: Da ist Schönes dran, aber ich muss mir selber aussuchen, was ich richtig finde.

Ein Gradmesser, um die Bindung an die jeweilige Glaubensgemeinschaft oder Kirche zu messen, war für uns in Deutschland der erste Ökumenische Kirchentag in Berlin. Die Verantwortlichen auf katholischer und evangelischer Seite haben sich daran gehalten, dass zum Beispiel die Einheit noch nicht da ist und somit keinen Ausdruck finden kann in einer gemeinsamen Eucharistiefeier oder einem gemeinsamen Abendmahl. Aber man hatte den Eindruck, dass die breite Masse der Besucher für diese Trennung kein Verständnis mehr hat. Löst sich das Katholische auf in eine christliche Einheitsreligion?

Die Gefahr ist sehr ernst. Man muss zu- nächst anerkennen, dass die Autoritäten auf katholischer und evangelischer Seite gemeinsame Eucharistie- beziehungsweise Abendmahlsfeiern ausgeschlossen haben. Das war auf protestantischer Seite Respekt vor dem ökumenischen Partner. Gleichzeitig wurde gesagt: An sich ginge es, aber wir respektieren, dass die Katholiken ihre anderen Rechtsordnungen haben. Damit gab man gleichzeitig zu erkennen, dass diese Rechtsordnungen eigentlich überschritten werden müssten und der Sache nach schon überschritten sind.

Das Kirchenbewusstsein ist aber auch bei Katholiken relativiert. Sie können weithin nicht mehr annehmen, dass die katholische Kirche ihnen wirklich die Bürgschaft der Wahrheit ist. Und vor allen Dingen ist die Sicht des Sakraments auf beiden Seiten sehr unscharf geworden. Mit der Leuenburger Konkordie haben die Protestanten erst vor dreißig Jahren mühsam eine Kommuniongemeinschaft gefunden, wobei die Lutheraner ihren Glauben an die Realprä- senz ins zweite Glied zurückstellen muss-ten. Das ist schon ein bedeutsamer Vor- gang, dass man etwas, was bisher grundlegend war, ins Subjektive zurücknimmt und damit sowohl den eigenen Glauben wie die äußere Gestalt relativiert. Da ist sowohl auf der protestantischen als auch der katholischen Seite eine Grundbesinnung darüber nötig, was das Sakrament ist, wie es recht gefeiert wird, was die Bedingungen dafür sind und wie Einheit eine wirkliche Einheit und nicht eine Reduktion sein kann, die das Sakrament dann selber herabstuft.

Auf der anderen Seite organisieren sich die Katholiken, die, wie sie selber sagen, „treu zu Papst und Lehramt stehen“ und das Katholische hochhalten. Die entsprechende Spaltung unter den Gläubigen reicht weit in die Gemeinden hinein und führt manchmal sogar dazu, dass Kirchgänger die Pfarrge- meinde wechseln oder gar nicht mehr zur Kirche gehen. Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Spaltung oder einen möglichen Neuan- fang, der die „Lager“ innerhalb der Kirche im deutschsprachigen Raum wieder zusam- menführt?

Ich würde sagen, dass die innere Spaltung der Kirche eines der drängenden Probleme unserer Zeit ist und dass wir es wohl noch nicht ernst genug ins Auge fassen. Wir sind mit Ökumenismus beschäftigt und vergessen dabei, dass sich die Kirche in ihrem Inneren gespalten hat und dass das bis in die Familien und Gemeinden hineinreicht. Ich würde dazu zunächst eine kleine Begebenheit erzählen. Kardinal Joseph Bernardin, der Erzbischof von Chicago, hat kurz vor seinem Tod – schon von Krankheit gezeichnet – dieselbe Situation in Amerika sehr stark empfunden und damals ein „common ground“ Projekt gegründet. Das heißt er wollte versuchen, mit möglichst großen und breit gestreuten Gesprächsforen herauszufinden, wie man in diesen Spaltungen wieder einen gemeinsamen Grund finden kann. Er ist dann gestorben, hat aber noch einen Bischof eingesetzt, der das weiterführen sollte. Aber die Sache ist dann bald im Sande verlaufen, weil sich einfach zeigte: Es gibt den „common ground“. Der „common ground“ ist das Glaubensbekenntnis der Kirche. Was wir darüber hinaus hinzufügen, ist selbstgemacht und kann infolgedessen nicht gemeinsam binden. Was über das gemeinsame Bekenntnis der Kirche hinausgeht, gehört in den Raum der Freiheit, den man dann auch unterschiedlich anzunehmen lernen muss. Der eigentliche gemeinsame Grund, der einzige, der wirklich tragen kann, weil er nicht von uns selbst, von keinem Gremium oder jemand anderem erfunden ist, sondern aus dem Ursprung kommt, ist der Glaube der Kirche selbst. Das müssen wir vor allem wieder lernen, dass es einen Glauben der Kirche gibt, der nicht autoritäre Fixierung, sondern die Mitgift Jesu Christi an seine Kirche ist. Wenn gelegentlich gesagt wird – wie zum Beispiel nach der jüngsten Enzyklika über die Eucharistie –, man könne den Glauben nicht autoritär normieren, klingt das natürlich großartig. Aber ich frage mich: Was ist dann die Alternative? Soll ihn sich jeder selber ausdenken? Dann gibt es keine Glaubensgemeinschaft mehr. Dass wir einen Glauben haben, das ist die Gemeinsamkeit, und nur der Glaube kann Gemeinsamkeit stiften. Ich glaube, wir müssen alles daran setzen, wieder zu lernen, dass es den „common ground“ gibt und dass dieser uns zugleich die Freiheit und die Garantie der Vielfältigkeit ist.

Sie sprachen das Verständnis des Sakramentes an. Nun betrifft aber eine der Hauptsorgen der in besonderer Weise Rom verbundenen Katholiken die Liturgie. Oft ist dann mit Bezug auf Äußerungen von Ihnen von der „Reform der Reform“, also der Reform der Li- turgiereform nach dem Konzil, die Rede. Was kann man da in den kommenden Jah- ren sinnvollerweise erwarten oder erhoffen? Werden die Volksaltäre wieder abgebaut?

Man sollte keinesfalls damit anfangen, jetzt wieder äußere Änderungen vorzunehmen, die innerlich nicht vorbereitet sind. Die Li- turgie ist ins Problematische geraten, weil man zu schnell Äußeres geändert hat, ohne das innerlich vorzubereiten und zu verar- beiten. Damals kam die Idee auf, dass die Liturgie eigentlich die Veranstaltung der Gemeinde ist. Das wurde sehr stark herausgestellt: Die Gemeinde als das Subjekt der Liturgie. Das hieß dann, die Gemeinde denkt sich aus, wie sie sie feiert. Da bildeten sich Kreise, die sich das ausdachten. Andere waren nicht daran beteiligt, und denen gefiel das dann nicht. Wir werden in der Liturgie erst wieder zueinander finden, wenn wir aufhören, sie als das anzuschau- en, was die Gemeinde macht, und aufhören zu meinen, wir müssten vor allem uns selber „einbringen“, uns selber darstellen. Wir müssen wieder lernen zu sehen, dass sie uns ins Ganze der Kirche aller Zeiten hineinführt, in der der Herr sich uns selber gibt. Liturgie ohne Glaube gibt es nicht. Wenn man sie interessant zu machen ver- sucht – mit weiß Gott welchen Ideen –, aber nicht dabei den Glauben voraussetzt, und wenn man sie nur auf die Gemeinde beschränkt und sie nicht als die Begegnung mit dem Herrn in der großen Gemeinschaft der ganzen Kirche ansieht, dann zerfällt sie. Dann ist nicht einzusehen, warum man hingehen muss. Infolgedessen sind innere Heilungen notwendig, bevor man äußere Dinge unternimmt. Ich verspreche mir gar nichts davon, wenn wir jetzt sofort wieder an Äußerem herumbasteln. Wir müssen zu einer neuen liturgischen Erziehung kommen, in der wir uns bewusst werden, dass die Liturgie eben der ganzen Kirche gehört, dass sich in ihr die Gemeinde mit der ganzen Kirche, mit Himmel und Erde, verbindet und dass dies wiederum die Garantie ist, dass der Herr kommt und etwas geschieht, was sonst nirgends, in keinem Entertainment und keiner Show geschieht. Nur wenn wir wieder den Blick für dieses Größere bekommen, dann kann innere Einheit entstehen und dann kann man auch nach der besten Form der äußeren Riten fragen. Aber zuerst muss wieder ein inneres Verständnis für die Liturgie wachsen, das uns miteinander verbindet. In der Liturgie sollen wir uns nicht jeweils unsere Erfindungen vorführen, sondern in das hineintreten, was wir nicht erfunden haben, sondern was auf uns zukommt.

Eine andere Sorge vieler glaubenstreuer Katholiken drückt sich in einem latenten Un- behagen über die Verantwortlichen in der Kirche aus: Manche Bischöfe würden Miss- bräuchen, disziplinarischem Fehlverhalten oder der Verbreitung von gefährlichen theologischen Lehren zu lange untätig zuschauen. Der so genannte „Fall Hasenhüttl“ hat etwa deutlich gemacht, dass da über viele Jahre ein Theologe und Priester ungehindert am Werke war, der offenbar sehr bedenkliche Theorien vertreten hat. War man über lange Zeit in den oberen Etagen der Kirche in Deutschland zu lax?

Sie werden nicht erwarten, dass ich jetzt ein Urteil über die deutschen Bischöfe we- der von gestern noch von heute abgebe. Fünf Jahre lang war ich ja auch einer von ihnen. Insofern möchte ich das späteren Zeiten überlassen, die ruhiger und objekti- ver urteilen können. Vielleicht ist es besser, stattdessen insgesamt zu überlegen: Was läuft falsch, was ist ungenügend. Ich glau- be, dass es eine große Sorge der Bischöfe war – und ich kann das aus eigenem Erle- ben bestätigen –, die Gläubigen in der Wirrnis der Zeiten beieinander zu halten, also nicht Verunsicherungen zu schaffen, die die Gläubigen durch öffentliche Diskussionen auseinander bringen und den Frieden in der Kirche stören. Man musste sich dann immer nach der Verhältnismäßigkeit fragen: Ist der Missbrauch, das Fehlverhalten, die Irrlehre so gewichtig, dass ich das öffentliche Geschrei auf mich nehmen muss sowie auch die ganzen Verunsicherungen, die dabei auftreten, oder muss ich versuchen, den Fall möglichst in Frie- den zu lösen oder auch das an sich Unannehmbare zu tolerieren, um größere Verwundungen zu vermeiden? Das ist immer ein schwieriges Urteil, das man da zu fällen hatte.

Ich würde aber schon sagen, dass unsere Tendenz – da nehme ich mich nicht aus – dahin ging, das Beieinanderbleiben, das Vermeiden von großen öffentlichen Kon- flikten und den zerstörerischen Verwundungen, die diese mit sich bringen, für den vorrangigen Wert gehalten hat. Im Verhältnis dazu hat man andere Dinge in ihrer Wirkung unterschätzt. Schnell hat man gesagt: Dieses Buch lesen vielleicht zweitausend Leute – was ist das schon im Blick auf die ganze Gemeinde, die meisten verstehen gar nichts davon, und erst durch eine erhöhte Aufmerksamkeit würden jetzt Verwundungen geschaffen, die alle treffen. Also hat man geschwiegen. Aber dabei haben wir unterschätzt, dass alles, was man an Vergiftungen toleriert, Gift hinterlässt, das weiterwirkt und am Ende eine wirkliche Gefährdung der Glaubwürdigkeit der Kirche mit sich bringt, weil die Meinung entsteht: Man kann dies und jenes sagen, das alles hat in der Kirche Platz. Der Glaube verliert damit seine Konkretheit und seine Eindeutigkeit. Die Aufgabe, dass der Glaube in der Kirche deutlich bleibt und als ihr allererstes Gut erscheint, ist in ihrem Gewicht nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo dieses Ringen nach dem rechten Verhalten der Hirten stattfand, unterschätzt worden. Es geht um die Langzeitwirkung von Giftspritzen. Es ist der Eindruck entstanden, der Glaube sei doch nicht so wichtig, man wisse es wohl auch nicht so genau.

Ich möchte niemand Einzelnen beschuldigen, aber in einer Art kollektiver Gewissenserforschung sollten wir uns über den Vorrang des Glaubens neu verständigen und uns der Langzeitwirkungen von Negationen bewusst werden. Wir müssen deutlicher sehen lernen, dass die bloße Ruhe nicht die erste Christenpflicht ist und dass der Friede faul und falsch werden kann, wenn er keinen Inhalt mehr hat.

Sicherlich liegt da viel Verantwortung beim Episkopat einer Ortskirche, auch der deutschen. Nun ist es aber auch hier der Vati- kan, der die Bischöfe ernennt beziehungsweise drei Kandidaten vorschlägt, von denen das örtliche Domkapitel einen zum Bischof wählt. Kann es sein, dass man in Rom in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten eher darauf geachtet hat, Bischöfe zu ernen- nen, die konziliant und dialogfähig sind, die vermitteln und als Moderator auftreten kön- nen? Wobei dann weniger Kandidaten zum Zuge kamen, die sich durch kompromisslose Glaubenstreue, Bekennermut und eindeutig vorgetragene Standpunkte auszeichneten?

Die Ernennung von Rom fällt nicht steil vom Himmel herunter, sondern resultiert aus Sondierungen, die man unter dem Volk Gottes, den Mitbischöfen und Priestern vornimmt, um zu sehen, wer dort in der Glaubensgemeinschaft als eine Gestalt erscheint, der man vertrauen würde und die führen könnte. Insofern ist die Beteiligung der Lokalkirchen an der Bischofsfindung viel stärker, als man sich gemeinhin vorstellt. Rom kann kein Interesse daran haben, irgendjemanden dem Volk Gottes quasi aufzuoktroyieren, sondern es soll jemand sein, der dann auch Akzeptanz findet und in dem das Volk Gottes den Hirten erkennt, der es führen kann. Ich würde zugeben, dass man bei dieser Akzeptanzfrage, die ja eine wichtige Frage ist, als Kriterium vor allem die Konsensfähigkeit angesehen hat und darüber die Fähigkeit, zu leiten und zu streiten, den Mut des Widerspruchs zu haben, nicht genügend einkalkuliert worden ist. Ich würde sagen, jede Generation hat ihren Bischofstypus. Unmittelbar nach dem Konzil hat man die Bischöfe gesucht, die jetzt die beschlossenen Änderungen durchsetzen wollten und konnten. Das ist auch geschehen – zum Teil, wie wir jetzt sagen müssen, zu schnell –, aber wer soll schon die vergangenen beschuldigen. Dann kam es wegen dieser schnellen Umsetzung zu jenem Bruch in vielen Gemeinden, von dem wir eben sprachen. So ging es schließlich darum, Versöhner zu finden. Und nicht zufällig ist daraufhin das Stichwort „Der Bischof ist Pontifex“ sehr stark in den Vordergrund getreten – der Bischof ist einer, der Brücken baut, der zueinander bringt. Angesichts dessen, was an Problemen daraus entstanden ist, werden wir heute wiederum stärker daran erinnern müssen, dass der Pontifex nicht nur Brücken unter- einander, sondern zu Gott hin und zur großen Gemeinschaft der Kirche hin bauen muss. Wir sollten uns auch wieder daran erinnern, dass das Wort „Pontifex“ aus dem Heidnischen hereingekommen ist – sicher dann christlich adaptiert wurde –, aber dass uns die Bibel stärker das Bild des Hirten vorgibt, der vorangeht. Nach der biblischen Tradition geht der Hirte voraus. Er zeigt den Weg, setzt insofern auch Maßstäbe und ist bereit, sich widrigen Kräften entgegenzustellen. Ich würde also sagen, dass der Mut, Widerspruch zu ertragen, der Mut, gegen die political correctness für den Glauben selbst aufzutreten, heute ein entscheidendes Kriterium für den Bischof sein muss. Wobei immer bestehen bleibt, dass er natürlich der Herde helfen muss, das Miteinander zu erkennen und gemeinschaftlich mit ihm anzunehmen.

Wichtig für die Substanz einer Ortskirche ist sicherlich auch die Theologie. Wie würden Sie das Verhältnis charakterisieren zwischen der katholischen Theologie an den Hochschulen in Deutschland und dem kirchlichen Lehramt heute, fast fünfzehn Jahre nach der so genannten „Kölner Erklärung“? Hat es sich verbessert, ist es gleich geblieben oder ist man füreinander noch tauber geworden?

Das ist sehr schwer zu beurteilen. Es gibt eine Reihe vorzüglicher Lehrer der Theologie, sonst könnten sich ja von den Universitäten her nicht auch die Episkopate regenerieren. Das ist gar kein Zweifel. Auf der anderen Seite gibt es auch erhebliche Probleme. Es ist ja die Sonderart der Theologie in Deutschland, dass sie noch an den staatlichen Universitäten beheimatet ist. Das hat bedeutende Vorteile, weil dadurch die Theologie in der Öffentlichkeit steht, weil sie dem Kriterium der Wissenschaftlichkeit und der Rationalität sehr nachdrücklich unterworfen wird und insofern einer großen Herausforderung standhalten kann und muss. Ich würde allerdings gleich sagen, dass man die Staatlichkeit der Theologie nicht mit ihrer Öffentlichkeit identifizieren sollte. Sie kann an einer Universität ganz im Ghetto leben, und sie kann an ei- ner kirchlichen Einrichtung mit großer Öffentlichkeitskraft wirken. Gewiss, wir sollten nicht leichtfertig die Chancen preisgeben, die uns diese Situation bietet, aber auch die Gefahr nicht übersehen. Ich sehe eine doppelte Gefahr: Zum einen eine einseitige Akademisierung der Theologie, indem sie schlichtweg aufgrund ihres Seins unter den anderen Fakultäten eine Wissenschaft wie die anderen sein will, sich vollkommen ins Akademische, ins rein Intellektuelle zurückzieht und ihre Gleichartigkeit, ihre Gleichwissenschaftlichkeit mit den anderen Wissenschaften zum obersten Maßstab erhebt. Wenn das geschieht, dann ist die Theologie in Gefahr, ihre inneren Wurzeln, das heißt also das Leben, den Dialog mit Gott, den Glauben, der sie trägt und der ihr überhaupt erst die Augen aufmacht, zu verlieren und als eine akademische Disziplin geistlich unfruchtbar zu werden. Das ist das eine, dass alle Bemühung um Wissenschaftlichkeit – die ich für wichtig halte – nicht dazu führen darf, dass die Theologie ihren besonderen Status, ihren spirituellen Grund verliert. Das andere ist, dass man sich vielleicht etwas zu eigenwillig in den Schutz des Staates stellt, sozusagen mehr staatlich als kirchlich sein will, gleichsam die Staatlichkeit als Garantie der Freiheit ansieht. Damit kann dann aber das Gegenüber zum Staat und auch die Begrenzung des Staates nicht mehr richtig in Erscheinung treten. Auch da muss es ein ausgewogenes Verhältnis geben: Dass man sich nicht nur als Staatsinstitution versteht, sondern vor allem als lebendiges Organ der Kirche, in der das Nachdenken über den Grund des Glaubens wesentlich ist – aber eben nur lebendig bleibt, wenn es in diesem Organismus des Glaubens stattfindet.

Sie sagten gerade: „Noch“ sei die Theologie an den staatlichen Universitäten beheimatet. Glauben Sie, dass eine Entwicklung kommen wird, wenn etwa das Schrumpfen der Kirche in der säkularen Gesellschaft weiter geht, dass man sich irgendwann auf eigene theologische Hochschulen besinnt? Oder würden Sie sagen, in Deutschland belassen wir das so mit den theologischen Fakultäten an staatlichen Hochschulen?

Ich will nicht den Propheten spielen, aber wir sehen ja, dass die Entchristlichung unserer Gesellschaft vorangeht, dass der Prozentsatz der Nicht-Getauften größer und größer wird und sich dann schon die Frage stellt, ob die gesamte gesellschaftliche Situation, auch das Grundverständnis von Wissenschaftlichkeit, noch dazu ausreicht, der Theologie einen vernünftigen Atemraum in der Universität zu lassen. Ich würde sagen, wir brauchen dem nicht zuvorzukommen, aber die Möglichkeit auszu-schließen, wäre auch eine Form von Blind- heit.

Fällt es nicht auf, dass in der deutschsprachigen Theologie heute die „großen Namen“ fehlen? Hat sich das Niveau der theologi- schen Forschung und Lehre abgeflacht oder nimmt man dieses Fach in der Öffentlichkeit nicht mehr so wahr wie früher?

Ich kenne eine ganze Anzahl junger Theologen, die wirklich positive Arbeit leisten und die Format haben. Es dauert eben seine Zeit, bis ein Oeuvre so bekannt wird, dass damit auch die Gestalt des Autors in ihrer Größenordnung vor der Öffentlichkeit steht. Wir haben zu lang im Schatten der großen Namen gelebt, so dass sich uns die anderen Namen nicht einprägen konnten. Natürlich sind Balthasar, Guardini, Rahner Ausnahmefiguren, wie es wenige in einem Jahrhundert gibt. Aber ich bin froh darüber, dass es in der jungen Generation eine Anzahl von wirklich guten Wissenschaftlern gibt, von denen wir Gutes erwarten dürfen.

Nochmals zur Lage des Glaubens: Sicherlich hat die moderne Bibelexegese viel zu der Verunsicherung unter den Gläubigen in den deutschsprachigen Ländern beigetragen. Viele Schriftkommentare interpretieren den Glauben der ersten Gemeinden, geben aber den Blick auf den historischen Jesus und seine Taten nicht mehr frei. Ist das Frucht einer soliden wissenschaftlichen Erkenntnis der Bibelwissenschaft? Haben wir zum Beispiel die Evangelien des Neuen Testaments über Jahrhunderte hinweg zu wörtlich genommen? Oder ist es doch angebracht, zu dem historischen Jesus wieder durchzustoßen?

Auf jeden Fall. Das Problem der historisch-kritischen Exegese ist natürlich gewaltig. Seit über hundert Jahren erschüttert es die Kirche, und zwar nicht nur die katholische Kirche. Auch für die protestantischen Kirchen ist das ein großes Problem. Es ist ja sehr bezeichnend, dass sich im Protestantismus die fundamentalistischen Gemeinschaften gebildet haben, die diesen Auflösungstendenzen entgegentreten und den Glauben durch Ablehnung der historisch-kritischen Methode integral wieder erhalten wollten. Dass heute die fundamentalistischen Gemeinschaften wachsen, weltweit Erfolg haben, während die „mainstream-churches“ in einer Überlebenskrise stehen, zeigt die Größe des Problems an.

In vieler Hinsicht haben wir Katholiken es da besser. Für die Protestanten, die nun den exegetischen Strom nicht annehmen wollten, blieb eigentlich nur der Rückzug, die Wörtlichkeit der Bibel zu kanonisieren, sie für unverhandelbar zu erklären. Die katholische Kirche hat sozusagen einen größeren Raum, insofern die lebendige Kirche der Raum des Glaubens ist, der einerseits Grenzen absteckt, der andererseits aber auch eine Variationsbreite zulässt. Eine globale einfache Verdammung der historisch-kritischen Exegese wäre ein Irrtum. Wir haben unglaublich viel von ihr gelernt. Die Bibel erscheint viel lebendiger, wenn man die Exegese mit all ihren Ergebnissen ansieht: das Wachsen der Bibel, ihr Weitergehen, ihre innere Einheit im Vorangehen und so weiter. Also: Einerseits hat die moderne Exegese uns viel gegeben, aber sie wird dann zerstörerisch, wenn man sich einfach all ihren Hypothesen unterwirft und die vermeintliche Wissenschaftlichkeit zum einzigen Maßstab erhebt. Besonders verderblich hat gewirkt, dass man die gerade herrschenden Hypothesen unverdaut in die Katechese übernommen und als die Stimme der Wissenschaft angesehen hat. Das war der große Irrtum dieser letzten fünfzig Jahre, dass man jeweils die augenblicklich mit großer Gebärde auftretenden Exegesen mit „der Wissenschaft“ identisch gesetzt hat und „die Wissenschaft“ als die Autorität ansah, die nun allein gültig ist, während der Kirche keine Autorität mehr zukam. Dadurch sind Katechese und Verkündigung fragmentiert worden. Entweder hat man Traditionen nur noch mit halber Überzeugung weitergeführt, so dass jeder erkennen konnte, dass man letztlich doch eher daran zweifelt, oder man hat scheinbare Ergebnisse sofort als gesicherte Stimme der Wissenschaft ausgegeben. In Wirklichkeit aber ist die Geschichte der Exegese zugleich ein Friedhof von Hypothesen, die mehr den jeweiligen Zeitgeist als die wahre Stimme der Bibel repräsentieren. Wer zu schnell, zu eilfertig darauf baut und das für die reine Wissenschaft nimmt, der gerät in einen großen Schiffbruch und sucht sich vielleicht irgendeine Planke heraus – aber die kann auch schnell untergehen.

Wir müssen zu einem ausgewogeneren Bild kommen – das ist ein Ringen, das gerade jetzt wieder voll im Gange ist: Dass die historisch-kritische Exegese ein Strang der Auslegung ist, der wesentliche Erkenntnisse vermitteln kann und als solcher respektiert werden muss, der aber auch kritisiert werden muss. Denn gerade junge Exegeten zeigen heute, dass unglaublich viel Philosophie in der Exegese steckt. Was scheinbar nur Tatsachen spiegelt und die Stimme der Wissenschaft sein soll, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines bestimmten Weltbildes, demzufolge es zum Beispiel Auferstehung nicht geben oder Jesus so nicht geredet haben kann, oder was auch immer. Heute ist gerade unter jungen Exegeten eine Relativierung der historischen Exegese im Gang, wobei diese ihre Bedeutung behält, ihrerseits aber philosophische Voraussetzungen in sich trägt, die kritisiert werden müssen. Deswegen muss diese Art, sich des Sinnes der Bibel zu vergewissern, ergänzt werden durch andere Formen, vor allem durch die Kontinuität mit den Einsichten der großen Glaubenden, die auf einem ganz anderen Weg in den wirklichen, inneren Kern der Bibel vorgestoßen sind, während die scheinbare, aufklärerische Wissenschaft, die nur Tatsachen sucht, sehr an der Oberfläche geblieben ist und in den inneren Grund, der die ganze Bibel bewegt und zusammenhält, nicht vorstößt. Wir müssen wieder erkennen, dass der Glaube der Glaubenden eine echte Weise des Sehens und des Erkennens ist, und so zu einem größeren Zusammenhang kommen. Zweierlei ist wichtig: Skepsis gegenüber dem, was sich als „die Wissenschaft“ ausgibt, und vor allem Vertrauen zum Glauben der Kirche, der die eigentliche Konstante ist und der uns den wirklichen Jesus zeigt. Immer noch ist der Jesus, den uns die vier Evangelien bieten, der wirkliche Jesus. Alles andere sind fragmentarische Konstruktionen, in denen sich der Geist der Zeit viel mehr spiegelt als die Ursprünge. Das haben jetzt auch exegetische Studien analysiert: Wie sehr die verschiedenen Jesusbilder nicht Ergebnisse der Wissenschaft sind, sondern Spiegelungen dessen, was ein bestimmter Mann oder eine bestimmte Zeit für das Wissenschaftsfähige hielt.

Sie sprachen von jungen Exegeten, Theologen, die Anlass zur Hoffnung geben. Jetzt hat der Papst mit seinem Apostolischen Schreiben nach dem Heiligen Jahr 2000, „Novo millennio ineunte“, eine Art Programm vorgelegt für den Glaubensaufbruch zum Beginn des dritten Jahrtausends. Man ist als problembewusster Christ deutscher Zunge oft etwas blind für das Positive und Schöne in der Kirche, oder zu kritisch, was Neues und Unbekanntes angeht. Wo sehen Sie Orte und Ansätze in der Weltkirche, wo dieser Glaubensaufbruch schon sichtbar ist, wo wir hinschauen können?

Es gibt zunächst einen großen Unterschied zwischen der Nordhemisphäre der Welt und der Südhemisphäre. Natürlich ist die Lage der Kirche in der Südhemisphäre – Süd-amerika, Afrika, Asien – nicht ideal. Es gibt alle Arten von Schwierigkeiten dort und auch große Probleme, trotzdem aber eine ursprünglichere Freudigkeit des Glaubens und eine Lebendigkeit der Kirche, die wächst und nicht abnimmt. In ihr sieht man doch den eigentlichen Anwalt des Men- schen und die Präsenz einer Instanz von oben her, eben des Herrn, die allein uns gegen die Mächte und Gewalten, die in der Politik wüten, irgendwie schützen kann. Insofern ist zunächst einmal die Teilung des Globus nicht zu verkennen.

Aber auch in der westlichen Hälfte der Welt gibt es Aufbrüche, die ermutigen, und zwar sowohl in den Ortskirchen wie in den geistlichen Bewegungen. Ich würde nicht die Bewegungen alleine nennen: In den Ortskirchen gibt es zum Teil eine große Wiederentdeckung der Eucharistie, der eucharistischen Anbetung, des Sakraments, überhaupt der Liebe zur Mutter Kirche, zum Lesen der Heiligen Schrift, zu einem Leben aus dem Evangelium heraus, auch neue Ordensberufungen und so weiter. Und dann sind da die Bewegungen, die alle ihre Probleme haben. Aber sie sind doch Aufbrüche aus dem Geist heraus, in denen die Freude am Glauben in unterschiedlichen Farben zum Ausdruck kommt und die lernen müssen, sich gegenseitig anzunehmen und zu ergänzen. Da ist viel Lebendiges im Glauben wirksam. Gerade in der jungen Generation besteht ein Wissen darum, dass das, was uns die 68er-Bewegung, die Post-Modernität und die Aufklärung gebracht haben, nicht ausreicht, um zu leben; viele wenden sich wieder mit einer ursprünglichen Freude dem Kern des Glaubens und der lebendigen Kirche zu.

Ein persönlicher Tipp: Finden Katholiken und Lutheraner in absehbarer Zukunft zur Gemeinschaft am Altar?

Ich würde sagen: Menschlich gesprochen Nein. Ein erster Grund ist zunächst einmal die innere Spaltung in den evangelischen Gemeinschaften selbst. Denken wir nur an das deutsche Luthertum, wo es Menschen mit einem sehr tiefen, auch kirchlich geformten Glauben und dann einen liberalen Flügel gibt, der den Glauben letztlich als individuelle Wahl sieht und die Kirche fast verschwinden lässt. Aber auch von diesen inneren Spannungen im evangelischen Bereich abgesehen, gibt es nach wie vor fundamentale Differenzen zwischen den aus der Reformation des sechzehnten Jahrhunderts kommenden Gemeinschaften und der katholischen Kirche. Wenn ich etwa an die offizielle Broschüre der Evangelischen Kirche in Deutschland über das Abendmahl denke, sind da zwei Dinge, die wirklich einen ganz tiefen Riss zeigen. Zum einen wird dort gesagt, dass grundsätzlich jeder getaufte Christ der Eucharistie vorstehen kann. Außer der Taufe gibt es danach keine sakramentale Struktur in der Kirche. Das bedeutet, dass die Nachfolge der Apostel im Bischofs- und Priesteramt abgelehnt ist, die aber schon in der Bibel als konstitutive Form für die Gestaltwerdung der Kirche erscheint. In diesen Zusammenhang gehört die Gestaltwerdung des neutestamentlichen Kanons – der „Schrift“ des Neuen Testaments – herein. Der Kanon war ja nicht einfach von selber da. Er musste erkannt werden. Dazu aber war eine entscheidungsberechtigte Autorität nötig. Das konnte nur die apostolische Autorität sein, die im Amt der Apostelnachfolge gegenwärtig war. Kanon – Schrift – und apostolische Nachfolge – Bischofsamt – sind untrennbar. Der zweite Punkt in der Broschüre, der mich ebenfalls verwundert hat: Es werden die wesentlichen Bestandteile der Abendmahlsfeier genannt. Dabei kommt die Eucharistia, das Hochgebet, nicht vor, das ja nicht von der Kirche erfunden wurde, sondern direkt aus dem Beten Jesu – dem großen Segensgebet der jüdischen Überlieferung – kommt und zusammen mit den Gaben von Brot und Wein die konstitutive Gabe des Herrn an die Kirche darstellt. Ihm verdanken wir, dass wir im Beten Jesu mitbeten und durch sein Beten, das der eigentliche Opferakt war, der sich im Kreuz verleiblicht, das Opfer Christi gegenwärtig und Eucharistie mehr als ein Mahl ist. Insofern liegen die katholische Grundvision von Kirche sowie Eucharistie und alles, was die EKD-Broschüre sagt, offensichtlich sehr weit auseinander.

Dahinter steht das zentrale Problem des „sola scriptura“ („allein durch die Schrift“). Professor Jüngel von Tübingen hat das in die Formel gefasst: Der Kanon selbst ist die Nachfolge der Apostel. Aber woher kennen wir ihn? Wer legt ihn aus? Jeder für sich selbst? Oder die Gelehrten? Dann beruht unser Glaube nur auf Hypothesen, und die tragen nicht im Leben und nicht im Sterben. Wenn die Kirche keine Stimme hat, wenn sie nichts mit Vollmacht zu den letzten Fragen des Glaubens sagen kann, dann gibt es eben keinen gemeinschaftlichen Glauben. Dann sollte man das Wort Kirche streichen, denn eine Kirche, die uns nicht den gemeinsamen Glauben gewähren kann, ist keine Kirche. Insofern ist die Grundfrage nach der Kirche und der Schrift letztlich die Frage, die dasteht und die nicht beantwortet ist. Dies alles schließt freilich nicht aus, dass die wirklich Glaubenden sich in einer tiefen inneren Nähe begegnen können, wie ich selbst immer wieder dankbar erfahren darf.

Bald feiert Rom das 25-jährige Papstjubiläum. Alle Kardinäle der Welt kommen zusammen: Nur um zu feiern, oder will man bei dieser Gelegenheit auch ein Zeichen setzen für die ganze Kirche?

Feiern ist an sich etwas Schönes und Wichtiges. Zur menschlichen Existenz gehört das Fest. Insofern rechtfertigt sich das Fest selber und ist dann zugleich ein Zeichen. Wir kommen zusammen. Es gibt zwei Eckpunkte: das Hochamt, in dem der Papst am 16. Oktober den Wahl-Gedenktag feiern und mit einem „Te Deum“ beschließen wird, und die Seligsprechung von Mutter Teresa am 19. Oktober. Sie ist eine der leuchtenden Gestalten des Glaubens der Kirche, in der sich eigentlich zeigt, wie Kirche ist und was sie uns gibt. Dazwischen sind sechs Vorträge von Kardinälen zu den wesentlichen Themen des Pontifikats geplant. Dazu Austausch und Gespräch sowie ein Konzert, das der Mitteldeutsche Rundfunk mit der Neunten Sinfonie von Beethoven geben wird. Zunächst möchten wir uns eigentlich, ohne zu moralisieren und ohne etwas Großes machen zu wollen, der Freude des Feierns ergeben. Aber wenn die Menschheit sieht, dass Kirche uns zusammenführt, dass sie uns das Fest schenkt und dass der Papst uns eine Einheit über alle Grenzen hinweg schenkt, dass er die Einheit der Kirche garantiert, dann hat das Fest auch ein Zeichen gesetzt.

Sie sind auch Dekan des Kardinalskollegiums. Haben Sie dennoch die Hoffnung, sich auch Ihrer persönlichen Arbeit widmen zu können? Wenn Sie Zeit hätten, welche theologische Frage würden Sie als erste, als dringlichste aufgreifen, wie könnte der Titel einer entsprechenden Veröffentlichung lauten?

Zunächst: Ich muss immer mehr lernen, unserem Herrn zu überlassen, ob ich noch Zeit bekommen werde oder nicht, denn so viele Jahre schauen da ja nicht mehr heraus.

Aber irgendwo versuche ich doch in freien Stunden, die es selten, aber manchmal gibt, ein bisschen etwas weiterzubringen. Ich habe im August angefangen, ein Buch über Jesus zu schreiben. Da werde ich sicher drei, vier Jahre brauchen, so wie die Dinge aussehen. Da möchte ich zeigen, wie aus der Bibel eine lebendige und in sich stimmige Gestalt auf uns zutritt und wie der Jesus der Bibel auch ein ganz gegenwärtiger Jesus ist.


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