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Ein Kolossal-Aquarell vom Jüngsten Gericht
Fulminante Eröffnung in Salzburg: Das Requiem von Hector Berlioz unter Valery Gergiev
DT vom 31.07.2003

Von Reinhard Kriechbaum

Sperrgitter vor dem Großen Festspielhaus in Salzburg, auf der einen Straßenseite die sich drängenden Zaungäste, auf der anderen die Begünstigten mit Eintrittskarten. Horden von Fotografen und Fernsehteams heischen nach Bildern und kurzen Statements der Prominenz, von Prinz Charles bis Uschi Glas. – Das Zeremoniell ist ja jedes Jahr das gleiche. Aber neuerdings scheint der Promi-Aspekt in Salzburg wieder mehr zu wiegen, wird die Parade jener, die für wichtig, reich und schön gehalten werden, eifriger zelebriert.

Im Haus ernstere Töne. In diesem Jahr stand nicht eine Opernpremiere am Beginn (die folgte erst am Sonntag mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“), sondern das „Requiem“ von Hector Berlioz. Valery Gergiev dirigierte die Wiener Philharmoniker und den Wiener Singverein. Eine spannende Kombination, denn Gergiev ist ja ein Dirigent, der so gerne das Expressive ausreizt, der die Musik in Siedehitze brodeln lässt und brennheiß serviert. Ihm gegenüber die Philharmoniker, die nun alles andere sind als ein Knall-Orchester. Das Kräftemessen ist in jedem Punkt für die Musik von Berlioz ausgegangen. Valery Gergiev hat die Philharmoniker Linie um Linie auf ihr Spannungs-Potenzial prüfen lassen, und die Musiker haben in jede dieser so dynamisch und konturenstark geformten Melodien die ihnen eigene Wärme eingebracht.

Gergiev ließ das „Lux perpetua“ erst züngeln, bevor es hell loderte. Das gemurmelte „Kyrie eleison“, die zaghaft melodisierten „Christe“-Einwürfe kamen schließlich zur kantablen Metamorphose. Die Interpretation Gergievs zeichnete sich überhaupt durch die Detailschärfe im Verschneiden von Stimmungen aus. Da schleicht sich das „Dies irae“ ja mit Sopranen und Flöten in lichtesten Höhen ein, während Celli und Kontrabässe brummen. Die Lyrik wird mit „quantus tremor“, dem großen Zähneklappern, raffiniert verbunden, indem plötzlich die Tenöre die Worte „dies irae“ in den gebrochenen Chorsatz peitschen: Viel „Handlung“ also schon weit bevor die vier Blechbläsergruppen zum Jüngsten Gericht blasen. Von Gergiev angeleitet klang das Wiener Blech ganz ungewohnt scharf und klar.

Der Tenor singt im Sanctus einen intensiv-glühenden Dialog mit dem Frauenchor. Nur wenige Geigen, Bratschen, ein Cello, zwei Flöten begleiten, aber auch eine Große Trommel und mehrere Becken. Das klingt irisierend und wirkt doch beinah absurd, wenn man die einzelnen Instrumente aufzählt – typisch für den experimentierfreudigen, von expressiven Klangvorstellungen geleiteten und schließlich auch mit dem Riesenorchester beispiellos fein kolorierenden Hector Berlioz. Von einer „gigantisch feinsinnigen Poesie“ sprach der Komponist selbst, von „aufgetürmten Unmöglichkeiten“ Heinrich Heine. Interpreten des Berlioz-Requiems müssen sich seit je her daran messen lassen, wie sie nachgestalterische Erzählkraft und Farb-Magie in diesem tönenden Kolossal-Aquarell zur Deckung bringen.

Die emotional so schwankenden, riesigen Musik-Montagen wurden sicher gebaut von Valery Gergiev und mit der nötigen Tragfähigkeit ausgestattet von Musikern und Sängern, unter denen vor allem der Tenorgruppe im Berlioz-Requiem ariose Kunststücke abverlangt werden. Ein Haltepunkt: der spannende unbegleitete Chorsatz „Quaerens me“. Es lebt aus der Konfrontation scharf und mitteilsam sich artikulierender Stimmen und großer kantabler Linien: Bis zu Verdis „Requiem“ oder dessen „Quattro pezzi sacri“ ist ja im 19. Jahrhundert keine Chormusik von so expressivem Zuschnitt mehr geschrieben worden. Der Wiener Singverein ist ein junger, präsenter Chor geworden. Der Tenor Ramon Vargas ließ das Sanctus fließen und die Höhen metallisch leuchten. Es ist ja für den Tenor schon deshalb schwierig, weil ihm der Komponist keine Einfühl-Phase gönnt.


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