Rom (DT) Der Windhauch der Geschichte wird heute Abend durch die Basilika Sankt Paul vor den Mauern ziehen, wenn Papst Benedikt XVI. im Beisein des Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. aus Istanbul mit einer feierlichen Vesper das Paulus-Jahr eröffnet. Siebzig Personen umfasst die Delegation des Ehrenoberhaupts der Orthodoxie, aber auch Vertreter der orthodoxen Patriarchate von Jerusalem, Moskau, Griechenland und Zypern werden anwesend sein. In Vertretung des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury nimmt Erzbischof Drexel Gomez, der Primas von Westindien, an der Vesper teil. Paulus gehört allen. Zweitausend Jahre nach der Geburt des Völkerapostels – Fachleute gehen davon aus, dass er in den Jahren zwischen sechs und zehn nach Christus geboren wurde – kommen die getrennten Christen an seinem Grab zusammen.
Steigende Besucherzahlen am Paulusgrab
Der Sarkophag, der seit über einem Jahr durch eine Glasplatte am Altar der Paulus-Basilika zu sehen ist, gehört ebenso zu den „Neuigkeiten“ innerhalb der Basilika wie die zierlich wirkenden Ketten, die Paulus während seiner römischen Gefangenschaft getragen haben soll und die man seit kurzem in einem goldenen Reliquienbehälter direkt über dem Apostelgrab betrachten kann. Die mächtige Statue des Mannes aus Tarsus auf dem Platz vor der Basilika ist ebenso von Staub und Schmutz gereinigt wie die zahlreichen Reliefs an der Fassade der in den Jahren 1823 bis 1854 nach einem verheerenden Brand wieder aufgebauten Kirche.
Die Benediktiner in der Abtei daneben und der Erzpriester der Basilika, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, sind bereit, die Pilger im Paulus-Jahr zu empfangen. Der Erzpriester ist zuversichtlich: „Früher lag hier die durchschnittliche Besucherzahl pro Tag bei zwei- bis dreitausend. In den vergangenen Monaten stieg das auf fünf- bis sechstausend, mit Spitzen bis zu neuntausend, wie sich jüngst gezeigt hat. Wir haben also Grund zu der Annahme, dass es während des kommenden Jahres einen beträchtlichen Zulauf geben wird“, erklärte Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo in der ersten Ausgabe der italienischen Monatszeitschrift „Paulus“, die der Verlag des Paulinen-Ordens eigens zu dem Jubiläumsjahr begründet hat.
So ganz ist die Genese des nun beginnenden Jubiläumsjahrs ohne diesen Kirchenmann mit dem klingenden Namen nicht zu erklären. Ein anderer Cordero di Montezemolo ist allen Italienern bekannt, allerdings ein jüngerer Verwandter des Kardinals mit dem Vornamen Luca, seines Zeichens Chef von Ferrari und seit 2004 des Fiat-Konzerns sowie bis im März dieses Jahres Präsident des italienischen Unternehmerverbands.
Der Monsignore aus dem Haus dieser piemontesischen Adelsfamilie hat aber ebenfalls eine bunte Karriere hinter sich: Bevor er 1954 in Rom die Priesterweihe empfing, hatte er schon im Konstruktionsbüro von Pier Luigi Nervi, dem Architekten der römischen Olympia-Anlagen und der Audienzhalle im Vatikan gearbeitet. Als Priester trat er dann in den diplomatischen Dienst der Kurie ein, unter anderem Mexiko, Japan, Ostafrika waren die Stationen, auch vertrat er den Vatikan zeitgleich im sandinistischen Nicaragua und im antisandinistischen Honduras. Er wirkte am israelisch-vatikanischen Grundlagenvertrag von 1993 mit und wurde schließlich erster Apostolischer Nuntius in Israel.
Es ist eine der harten Seiten in höheren vatikanischen Diensten, wenn weitgereiste und diplomatisch erfahrene Nuntien mit 75 Jahren in den Ruhestand gehen und von einem auf den anderen Tag ein einsames Leben führen müssen. Der heute mit seinen 82 Jahren immer noch rüstige Kardinal Montezemolo hat sich dieses Schicksal erspart. Als Johannes Paul II. 2001 eine Kommission einsetzte, die aus der meist nur noch als Zwischenstopp für Touristenbusse – oft auf der Fahrt von oder zum Flughafen – genutzten Basilika wieder ein Wallfahrtszentrum machen sollte, bot sich der Piemontese als Leiter an. Und Benedikt XVI. gab Montezemolo 2005 freie Hand, Geplantes in die Tat umzusetzen. Als Erzpriester übernahm der ehemalige Kurien-Diplomat die Leitung der Basilika, die Benediktiner sind seither nur noch für Beichtehören und Pilgermessen zuständig. Aber zuvor schon hatte Montezemolo Vatikanarchäologen damit beauftragt, den Sarkophag des Völkerapostels wieder ausfindig zu machen und freizulegen. Als die Ergebnisse der Arbeiten 2006 vorgestellt wurden – zusammen mit umfänglichen Restaurierungen und Umbauten der Basilika –, sprach Montezemolo bereits von einem möglichen Paulus-Jahr. Auch der Papst zeigte sich interessiert und kündigte es schließlich vor einem Jahr zum Fest Peter und Paul offiziell an.
Aus der tatkräftigen Initiative eines Mannes erwachsen hat man sich jetzt ein Jahr lang in Rom gefragt, ob es gelingen wird, das Paulus-Jahr mit Leben zu erfüllen. Die Basilika bietet ein Programm an: Koordiniert vom Präsidenten des Päpstlichen Kulturrats, Gianfranco Ravasi, werden an den letzten Montagen der Monate Oktober, November, Februar, März und April bibelexegetische Konferenzen zu den Briefen des heiligen Paulus stattfinden. Auch sind drei Konzerte in Sankt Paul vor den Mauern geplant, da die Basilika nicht zuletzt wegen ihrer guten Akustik geschätzt wird.
Vorbereitungen auf ein geistliches Großereignis
Und der Vatikan hat einen besonderen vollkommenen Ablass festgelegt, den jeder Gläubige gewinnen kann, der die entsprechenden Bedingungen erfüllt und sich im Jubiläumsjahr an das Grab des heiligen Apostels oder an einen anderen Ort begibt, wo des Völkerapostels feierlich gedacht wird. Kranke können sich dem im Geiste anschließen, wenn sie den Ablass gewinnen wollen. Aber wird das genügen, um aus dem Paulus-Jahr ein geistliches Großereignis der Kirche zu machen?
Zwei Dinge zeichnen sich bereits ab: Pilgerbüros, geistliche Gemeinschaften und auch Gemeinden scheinen sich auf das Paulus-Jahr zu stürzen und bieten Reisen nach Rom und zu anderen Wirkungsstätten des Völkerapostels an. Das Pilgerwerk der Diözese Rom hat eine feste Route entwickelt, auf der man im „Stop and go“-Verfahren Besichtigungsbusse besteigen und auch wieder verlassen kann, die alle Orte Roms anfahren, die mit dem heiligen Paulus verbunden sind. Die Nachricht von der Ausrufung des Jubiläumsjahrs ist nicht untergegangen. Wer es nutzen möchte, um das Andenken an den Apostel zu vertiefen, muss allerdings selber die Initiative ergreifen. Und das geschieht.
Zum anderen wird das Paulus-Jahr die Ökumene befruchten. Schon die Eröffnung heute Abend lässt sichtbar werden, dass vor allem die Orthodoxie an dem Jubiläumsjahr Anteil nimmt. Morgen, am Fest Peter und Paul, werden Papst Benedikt und Patriarch Bartholomäus im Petersdom gemeinsam predigen. Die Bande zwischen Rom und den orthodoxen Schwesterkirchen werden sich festigen. „Der Völkerapostel, der sich besonders darum bemühte, die Frohe Botschaft allen Völkern zu bringen“, so beendete Benedikt XVI. seine Ansprache zur Ankündigung des Jubiläumsjahrs am 28. Juni 2007, „hat sich vollkommen für die Einheit und Eintracht aller Christen aufgeopfert. Möge er uns bei dieser Zweitausend-Jahrfeier leiten, schützen und uns helfen, in der demütigen und aufrichtigen Suche nach der vollen Einheit aller Glieder des mystischen Leibes Christi voranzuschreiten. Amen!“