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Unkritische Religionskritiker
Ganz im Sinne des Papstes: Theologie, Philosophie und Evolutionsbiologie erhellen sich gegenseitig – Oder versuchen es – Tagung zu zehn Jahren „Fides et ratio“ in Mainz
DT vom 24.04.2008

Von Johannes Seibel

Mainz (DT) Unausgesprochene Beweggründe und verborgene Gefühle der Abneigung entfachen den gerade heftig geführten öffentlichen Streit zwischen Wissenschaftlern, Atheisten und den Religionen, in erster Linie dem Christentum, ständig neu. Damit geben sie ihm eine kulturgeschichtlich, zumindest in Europa, überholt vermutete, aber erstaunliche neue gesellschaftliche Schärfe. In diesem Klima mussten sich Wissenschaftler unterschiedlichster Fachgebiete am vergangenen Freitag und Samstag in der Katholischen Akademie Mainz stellen, als sie über das Thema „Weiß der Glaube? - Glaubt das Wissen?“ diskutierten. Anlass der Tagung: Vor zehn Jahren war die Enzyklika „Fides et ratio“ von Papst Johannes Paul II. veröffentlicht worden, an der damals wohl auch schon der heutige Papst Benedikt XVI. seinen Anteil hatte.

Wechselseitige Ideologiekritik

Die Tagung diente in ihrem Ergebnis aber weniger einer Analyse und Aktualisierung dieser Enzyklika, als vielmehr einer Art interdisziplinärer, wechselseitiger Ideologiekritik von Evolutionsbiologie, Theologie und Philosophie. Was erhellend war. Zu dieser Kritik scheinen nämlich Theologie und Philosophie eher bereit und fähig als die Evolutionsbiologie. Es fällt gerade religionskritischen Naturwissenschaftlern schwerer als Theologen und Philosophen, sich und anderen Rechenschaft abzulegen über die eigenen Voraussetzungen, Methoden und die wirklichkeitserschließende Reichweite der Interpretation ihrer Forschungsergebnisse. Zudem geraten religionskritische Naturwissenschaftler eher in Versuchung, allein die eigene Wissenschaftssprache als letztgültig sinnvolle Wissenschaftssprache anzuerkennen, wenn sich Theologen und Philosophen mit ihnen verständigen wollen.

Dies zeigte sich etwa am Vortrag des Gießener Soziobiologen Professor Eckart Voland mit Titel „Das Wissen vom Glauben. Ein naturwissenschaftlicher Blick auf Religion“. Voland untersuchte Religion als naturgeschichtlich gewordenes Phänomen und „konstruktive Leistung unseres Nervensystems“. Als Merkmal von Religion definierte er dabei den Topos „Volksfrömmigkeit“. Diese Prämissen wies er als für jedermann nachvollziehbar aus. Auch seine Schlussfolgerungen legte er als sogenannte „Nutzenfunktionen“ des Gottesglaubens im evolutionären Prozess offen, zum Beispiel die Funktion des „Selbsterhalts durch Kontingenzbewältigung“. So weit, so wissenschaftstheoretisch redlich. Nur: Welche Konsequenzen sich für eine Diskussion seiner Ergebnisse aus der Festlegung auf „Volksfrömmigkeit“ als Merkmal der Religion ergeben, darauf reagierte Voland nur ausweichend. Gegenbeispiele aus der Geschichte des Christentums, die nicht in das Raster vom Gottesglauben als evolutionärer Nutzenfunktion passen, ließ der Soziobiologe in Mainz nicht als Widerlegung seiner Thesen durch Erfahrung gelten. Die Voraussetzung schließlich, den Sinn von Religion mit ihrem Nutzen für die soziobiologischen Anpassungsleistungen des Menschen faktisch gleichzusetzen, thematisierte Voland im Dialog mit den Theologen und Philosophen erst gar nicht. Dass der Begriff des Nutzens beispielsweise nicht eine gleichsam neutrale, rein wissenschaftliche Kategorie der Analyse von Leistungen des menschlichen Nervensystems, sondern politisch, ideen- und wissenschaftsgeschichtlich unter anderem mit Auseinandersetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts der englischen und französischen Aufklärung aufgeladen ist, die bis heute ideologisch mitschwingen, ignorierte Voland.

Was zur Folge hat: Auch wenn er beteuert, nur „Indizien“ zur Diskussion über das Verhältnis von Evolution, Religion und Atheismus aus der Sicht des Soziobiologen beisteuern zu wollen, und in diesem Streit nicht urteile, tut er das doch faktisch. Seine soziobiologischen Forschungen überschreiten nämlich die Grenzen der Soziobiologie und wirken gesellschaftspolitisch, eben weil der für seine Überlegungen unaufgeklärt gebrauchte, zentrale Begriff des Nutzens durch seine Begriffsgeschichte gesellschaftspolitisch höchst prekär ist.

Wer bei der Diskussion um die Religion dieses Phänomen zentral mit dem Begriff des Nutzens in Verbindung bringt, hat immer schon ein Vorurteil über die Religion in Richtung „Die Religion ist nichts als ?“ getroffen. Wie die kulturelle Verwickeltheit des Begriffes Nutzen die Auswahl und Interpretation der nach Methoden der Soziobiologie gewonnenen naturwissenschaftlichen Fakten bestimmen oder gar im Voraus festlegen, darüber gab Voland ebenfalls keine Rechenschaft ab.

Diese philosophisch imprägnierte Sprache, in der Ideologiekritik in der heutigen Wissenschaftswelt geleistet wird, spricht er nicht, und will er nicht sprechen, obwohl er Termini aus ihrer Sphäre verwendet. Umgekehrt fordert er zwar Theologen und Philosophen auf, ihm Gegenargumente zu liefern, lässt dies jedoch nur in der Form, Methode und Sprache seiner, nämlich der soziobiologischen Forschung zu. Ein Theologe und Philosoph muss keine Soziobiologe sein und Soziobiologie betreiben, damit ein Soziobiologe dessen Argumente ernst nehmen kann.

Die Theologie und Philosophie kann nun auf diese Situation, die in vulgärer Form von Autoren wie Richard Dawkins und dessen Buch „Gotteswahn“ verkörpert wird, in unterschiedlichen Weisen reagieren, die alle das gleiche Ziel haben: Nicht in die Falle zu tappen, sich als Philosoph, Theologe oder gläubiger Mensch selbst zur Sprache der Naturgeschichte zwingen zu lassen und damit gleichsam die besseren Naturhistoriker als die Biologen oder Naturwissenschaftler selbst sein zu müssen – ein Spiel, das nur verloren werden kann, wie der aktuelle Kreationismus zeigt.

Der Philosoph Robert Spaemann plädierte deshalb dafür, den Dualismus von Theologie und/oder Philosophie und Geisteswissenschaften auf der einen Seite, und der Evolutionsbiologie und Naturwissenschaften auf der anderen Seite bestehen zu lassen, weil jeder einen anderen Blick auf die „Einheit des Wirklichen“ hat, der sich ergänzen kann, nicht muss. Jeder bisherige sowohl idealistische als auch materialistische Versuch sei gescheitert, dies in einer Art höheren Synthese aufzuheben, weil solche Versuche der Vereinheitlichung nach Spaemann früher oder später immer reduktionistisch verfahren und die „Einheit des Wirklichen“ zerreißen, die ohne den Schöpfungsgedanken nicht denkbar ist. Die Innenansicht des Lebendigen beispielsweise bleibt für den Stuttgarter Philosophen immer etwas anderes als die Sicht von außen auf diese Innenansicht. Wenn Physiker oder Biologen das Phänomen Liebe aus Hirnfunktionen heraus erklären, dann ist das eine andere Sphäre als wenn ein Dichter ein Gedicht über die Liebe schreibt oder ein Germanist darüber nachdenkt oder ein Mann wirklich eine Frau liebt – diese unterschiedlichen Perspektiven lassen sich nicht vollständig in die jeweils anderen überführen oder darauf reduzieren, können deshalb nebeneinander existieren, weil sie sich ja nicht ersetzen können. Auch die Gottesidee als Idee des Unbedingten lässt sich für Spaemann „nicht definieren durch eine Funktion in Erhaltungszusammenhängen“ und damit auch nicht aus diesen Zusammenhängen heraus widerlegen. Spaemann macht die Versuchung zur unvernünftigen Reduktion des Wirklichen gegenwärtig eher auf Seite der Naturwissenschaften aus, die sich einer wie auch immer gearteten Kritik ihrer Ideen entziehen: „Die Neurowissenschaften sitzen auf einem sehr hohen Ross, weil sie es nicht mehr für nötig halten, vernünftige Argumente überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.“

Denken des Glaubens und Denken der Naturwissenschaft

Dass das Denken des Glaubens sich nicht als Konkurrent des Denkens der Wissenschaften begreifen muss, sondern wie das Tun der sich empirisch verstehenden Naturwissenschaften ebenfalls ein tatsächliches Denken und Sprechen von der einen Wirklichkeit des Menschen ist, behaupteten der Religionsphilosoph Professor Richard Schaeffler aus München und der Churer Weihbischof Professor Peter Henrici SJ. Das Denken des Glaubens besitzt wie das Denken der Naturwissenschaft gleichermaßen einen Anspruch auf Rechtsgültigkeit. Damit begegnen sie der Anmaßung derjenigen Naturwissenschaftler, für die Religionskritik Teil ihres Auftrages ist, aber auch den Sozial- und Humanwissenschaften wie der Psychologie, worauf Pater Henrici hinwies. Diese wollen den Glauben als eine Art uneigentliches, virtuelles Umgehen mit Wirklichkeit wollen. Das heißt: Das Denken und Sprechen des Glaubens darf sich nicht auf das Konzept von den „zwei Wahrheiten“ gegenüber den modernen Wissenschaften einlassen. Das bezeichnete Professor Schaeffler als eine der entscheidenden Einsichten aus der derzeitigen Debatte um Kreationismus, „Intelligent Design“, Evolutionsbiologie und Atheismus. Wenn Schaeffler in Mainz das Denken des Glaubens mit Termini wie dem vom Hören auf das Wort Gottes, dem Feststehen in dem, was man hofft, und der Torheit des Glaubens entfaltete, dann machte er mit Hilfe dieses Denkens Aussagen über den Sinn von Mensch und Welt. Und diese in einer über 2000-jährigen Geschichte der christlichen Kultur gewonnenen Aussagen werden sich die neuzeitlichen und modernen Wissenschaften stellen müssen, will man sie ihrerseits ernst nehmen können. Gerade deshalb irritierte aber an dieser Stelle in Mainz ein theologischer Punkt: Nicht an einer Stelle wurde von den Referenten der Gedanke des Menschen als Ebenbild Gottes, wie er in der Schöpfungstheologie zentral ist, als Grund der Würde des Menschen erwähnt. Wer das Denken des Glaubens selbstbewusst betont, sollte in Auseinandersetzung mit religionskritischer Wissenschaft auf etwas so Fundamentales nicht verzichten.

Wissen hat Voraussetzungen

Um als Theologe nicht wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren zu müssen, wenn es um die heutige Evolutionsbiologie geht, gibt es noch einen anderen Weg: Der Aachener Theologieprofessor Ullrich Lüke und Professor Winfried Löffler, der in Innsbruck den Lehrstuhl für christliche Philosophie innehat, setzten in Mainz auf „Klarstellungen im Streit zwischen Schöpfungstheologie und Evolutionsbiologie“, so der Untertitel von Lükes Vortrag. Sie entfalteten ihre Art der Ideologiekritik des derzeitigen Diskurses in detaillierten Einzelanalysen, wo und wie jeweils Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften ihre Zuständigkeiten überschreiten, sich der Mehrdeutigkeiten ihrer Begriffe von „Plan“ bis „Zufall“ nicht bewusst sind, ihre Methoden unzulässig ausweiten, falsche Lückenbüßertheorien entwickeln oder einzelne Befunde über Gebühr universalisieren. Ihr Verdienst bestand in Mainz erstens darin, den Wissensbegriff, wie er heute unbesehen im Sinne scheinbar purer Faktizität in den Naturwissenschaften benützt wird, auch als eine Art Glaubensakt mit vielfältigen Voraussetzungen aufzuweisen.

Zweitens beschrieben sie genau die Grenzen, an der die Naturwissenschaften selbst zu Metaphysik werden, wenn etwa Spielarten der Evolutionstheorie behaupten, die Existenz Gottes widerlegt zu haben. „Die Naturwissenschaften metafüsilieren sich selbst, wenn sie metaphysizieren“, brachte dies Lüke auf den Punkt. Beide lehnten allerdings auch den Kreationismus und das „Intelligent Design“ als Grenzüberschreitungen ab. Die Schöpfungsgeschichte, so Lüke, ist keine „Naturkunde davon, wie der Mensch zustandegekommen ist, sondern Zeugnis davon, was es mit dem Menschsein auf sich hat“. Diese Klärung kann nicht oft genug ausgesprochen werden.


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