Der zeitlose Widerstand der Geschwister Scholl und ihrer Freunde
„Hätte es im deutschen Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen zu retten, welcher die deutsche Sprache spricht.“ Diese bei Golo Mann zu lesende Einschätzung aus der Nachkriegszeit ist fast Allgemeingut geworden, und doch werden die jugendlichen Hauptpersonen der „Weißen Rose“ auch heute noch unterschätzt. Vor 60 Jahren, am 22. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl gemeinsam mit Christoph Probst in einem rasch einberufenen Prozess unter Freislers Vorsitz zum Tode verurteilt und wenige Stunden später hingerichtet. Philosophieprofessor Kurt Huber und zwei weitere Studenten, Willi Graf und Alexander Schmorell, folgen ihnen einige Monate später. Seit damals sind sie für viele junge und alte Menschen Vorbilder, Helden, ja Märtyrer. Doch wer darf sie feiern, ohne zu erröten?
„Weil es ohne Wahrheit kein Glück gibt“
Im ersten Flugblatt der „Weißen Rose“ steht zu lesen: „Daher muss jeder Einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewusst in dieser letzten Stunde sich wehren, soviel er kann, arbeiten wider die Geißel der Menschheit (...) Leistet passiven Widerstand – Widerstand – wo immer ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine, ehe es zu spät ist (...) Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt!“
Wer sind sie, die Autoren dieser Zeilen? Weltfremde Idealisten? Oder gar unverantwortliche Draufgänger? Außer Kurt Huber (er lehrt Philosophie und Psychologie) und Sophie Scholl (sie steht am Beginn ihres Philosophie- und Biologiestudiums) studieren sie alle Medizin. So verschieden ihre geistige Herkunft auch sein mag, gemeinsam trifft auf sie der Ausspruch des 1933 aus München nach Wien geflohenen Philosophen Dietrich von Hildebrand zu: „Nicht ich bin in die Politik gegangen, die Politik ist zu mir gekommen.“
Noch bevor er irgendeine „Aktion“ plant, schreibt Hans Scholl in einem seiner Briefe: „Ich kann nicht abseits stehen, weil es für mich abseits kein Glück gibt, weil es ohne Wahrheit kein Glück gibt.“ Und seine jüngere Schwester Sophie vertraut in einem Brief einer Freundin die Schritte ihrer inneren Entwicklung an: „In meine bloße Freude an allem Schönen hat sich etwas großes Unbekanntes gedrängt, eine Ahnung nämlich von seinem Schöpfer (...) Deshalb eigentlich kann nur der Mensch hässlich sein, weil er den freien Willen hat, sich von diesem Lobgesang abzusondern. Und jetzt könnte man oftmals meinen, er brächte es fertig, diesen Gesang zu überbrüllen mit Kanonendonner und Flüchen und Lästern. Doch, dies ist mir im letzten Frühling aufgegangen, er kann es nicht, und ich will versuchen, mich auf die Seite der Sieger zu schlagen.“
Die Entschiedenheit solcher Sätze sind Ergebnis eines Suchens nach „inneren Maßstäben“, die bei vielen ihrer Altersgenossen völlig verdeckt sind, „vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind“ (Sophie). Was sind die Quellen dieser seelischen und intellektuellen Entwicklung, wo setzt sie an?
Die Familie Scholl bekommt die Machttergreifung Hitlers sofort zu spüren. Der als bürgerlich-liberal geltende Vater muss 1933 sein Amt als Bürgermeister einer schwäbischen Kleinstadt niederlegen. Doch die fünf zwischen 1917 und 1922 geborenen Kinder können sich einer gewissen Aufbruchsstimmung nicht entziehen. Natur, Gemeinschaft, Heimat: Begriffe, die an vertraute Ideale der bündischen Jugendbewegung erinnern, haben die Nazis auf ihre Fahnen geheftet. Als l5-jähriger tritt Hans Scholl in die Hitler Jugend ein und zieht nach und nach auch die drei Schwestern und den jüngsten Bruder mit sich. Heftige Wortgefechte zwischen Vater und Sohn ändern zunächst nichts an der Karriere, die Hans aufgrund seiner Energie und Begeisterungsfähigkeit macht.
Als Fähnleinführer wird er 1936 zur Teilnahme am Reichsparteitag auserwählt. Obwohl seine erst l5-jährige Schwester Sophie innerhalb des BDM bereits Schwierigkeiten hat und von Zweifeln geplagt wird, fährt Hans voller Erwartungen nach Nürnberg. Doch die gigantisch-demagogisch inszenierte Selbstdarstellung Hitlers wird für ihn zur Wende. Was andere betört und betäubt nabelt ihn Schritt für Schritt von der HJ ab. Hans schließt sich einem verbotenen Ableger der bündischen Jugend an. Im Herbst 1937 holt die Gestapo zum Schlag gegen solche „Umtriebe“ aus, und drei der Geschwister werden vorübergehend verhaftet. Dieses Ereignis verstärkt natürlich die Distanz zum Nationalsozialismus.
Wie groß und schwer wiegend aber der Schritt von der inneren Resistenz zur äußeren Opposition ist, ersehen wir an dem Ringen mit sich selbst, das sich in den heute teilweise veröffentlichten Briefen und Tagebuchaufzeichnungen von Hans und Sophie eindrucksvoll widerspiegelt. Es vergehen Jahre, ehe ein hektographierter Brief mit einer Predigt des Münsteraner Bischofs Galen zur Nachahmung drängt. 1940 schreibt Sophie ihrem an der Front stehenden Freund Fritz Hartnagel: „Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.(...) Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?“
„Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben“
Diese Klarheit der Gedanken, die letztlich zum Handeln ohne Rücksicht auf sich selbst führt, ist das Ergebnis von Lektüre und Gesprächen, die trotz innerer und äußerer Anfechtungen konsequent weitergeführt werden. „Abends ... lese ich im Augustinus“, schreibt die 20-jährige Sophie während des Reichsarbeitsdienstes. „Ich muss langsam lesen, ich kann mich so schwer konzentrieren. Aber ich lese einmal zu. Auch wenn mir die Lust fehlt... Ich bemühe mich sehr, mich von den augenblicklichen Einflüssen möglichst unberührt zu halten. Nicht von den weltanschaulichen und politischen, die mir bestimmt nichts mehr ausmachen, aber von den Stimmungseinflüssen. I1 faut avoir un esprit dur et le coeur tendre.“
Dieser Satz des französischen Philosophen Jacques Maritain – „Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben“ – taucht auch bei Hans Scholl auf. Er ist eine Art Motto jenes Freundeskreises, der sich zunächst in Ulm und dann in München rund um die Scholls bildet und zum Reservoir der „Weißen Rose“ wird. Zu Mentoren dieses Studentenzirkels werden tiefreligiöse Schriftsteller wie Werner Bergengruen, Theodor Haecker und Carl Muth. Letzteren – er war bis zu ihrem Verbot Herausgeber der Zeitschrift „Hochland“ – lernte Hans Scholl 1941 kennen, als er es übernahm, die Bibliothek des alten Mannes zu ordnen. Die Beziehung der beiden ist auch wichtig für das Verantwortungsbewusstsein und die Gewissensentscheidung zum äußeren Widerstand, wie sie allen Mitgliedern der „Weißen Rose“ gemeinsam ist.
Die Freundschaft dieses Kreises gewinnt rasch politische Bedeutung, denn inmitten einer durch Krieg und Propaganda apathisch und egozentrisch gewordenen Umwelt veranstalten die Studenten Gespräche und „Leseabende“, die sich aber nicht in selbstgefälligen Diskussionen oder – bei aller Lebensbejahung – in Geselligkeit erschöpfen, sondern immer zu praktischen Überlegungen führen.
Die ersten vier Flugblätter der „Weißen Rose“ (wir haben keine sicheren Quellen, warum dieser Name gewählt wurde) entstehen im Sommersemester 1942. Sie wenden sich in eindringlicher Sprache an die den Telefonbüchern entnommenen Adressaten. Der Wortschatz und die langen Zitate klassischer Autoren von Aristoteles bis Schiller spiegeln die Liebe zur christlichen Philosophie und zur Literatur wider, wie wir sie bei allen Beteiligten finden.
„Ist Euer Geist schon so sehr der Vergewaltigung unterlegen, dass Ihr vergesst, dass es nicht nur Euer Recht, sondern Eure sittliche Pflicht ist, dieses System zu beseitigen? Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit.“
Die hektographierten Flugblätter, die in über einem Dutzend deutscher Städte auftauchen, fordern zu passivem Widerstand und Sabotage auf und entlarven die Sprache Hitlers als Instrument der Täuschung. Der Stil nimmt teilweise vertrauliche Züge an: „Gibt es, so frage ich Dich, der Du ein Christ bist, gibt es in diesem Ringen um die Erhaltung Deiner höchsten Güter ein Zögern, ein Spiel mit Intrigen, ein Hinausschieben der Entscheidung in der Hoffnung, dass ein anderer die Waffen erhebt, um Dich zu verteidigen?“ Das Zurückführen der großen Irrtümer und Konflikte auf die charakterlichen Mängel vieler Einzelner, auf die Überbewertung von nicht reflektierten Gefühlen, ist ein Merkmal dieser Texte.
„In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit“
Bei der Verbreitung eines neuen Flugblattes werden Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 an der Münchner Universität überrascht und festgenommen. Ein bei den Scholls gefundener Flugblattentwurf, der die eben verlorene Schlacht von Stalingrad „verarbeitet“, überführt den studierenden dreifachen Familienvater Christoph Probst als Mittäter. Er, der durch den Freundeskreis endgültig zum Glauben gefunden hatte, lässt sich in der Gefängniszelle von einem katholischen Priester taufen und verabschiedet sich von den beiden anderen mit dem Satz: „In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit wieder!“ Diese Haltung der drei Verurteilten hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck beim gesamten „Personal“. Mehrere bewegende Zeugnisse sind erhalten.
Eine Mitgefangene hat einen Bericht verfasst, der unter anderem einen Traum der letzten Nacht enthält, wie Sophie Scholl ihn noch erzählen konnte. Es ist das Zeugnis eines Menschen, der – kaum über 20 Jahre alt – felsenfest überzeugt ist, seine Mission erfüllt zu haben. „Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in einem langen weißen Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinen Armen. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte noch gerade so viel Zeit, das Kind sicher auf der anderen Seite niederzulegen, dann stürzte ich in die Tiefe. Das Kind ist unsere Idee, sie wird sich trotz aller Hindernisse durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber zuvor für sie sterben.“
Die Ideale, für die Hans, Sophie und die anderen lebten und starben, sind zeitlos. Aber wenn noch so viele Schulen und Plätze nach ihnen benannt sind, bleibt doch ihr unbedingter Wille zur Wahrheit und ihre Bereitschaft zur Hingabe für andere quer gegen den Zeitgeist. Der Widerstand gegen Hitler wächst bei uns von Tag zu Tag. Aber – so könnten die Geschwister Scholl und ihre Freunde an unseren Universitäten fragen – wo sind heute die Orte, an denen analog zur „Weißen Rose“ Widerstandsnester gegen das Unheil gebaut werden? Wir sollten – so sagte mir ein Freund – zumindest dankbar sein, dass die Wahrheit heute billiger zu haben ist.