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Eine Frage der Identität

DT vom 31.05.2007

Von Jürgen Liminski

Früher stand das Kirchengebäude nicht nur im Zentrum des Ortes, sondern es bildete auch dessen geistige Mitte. Doch gegenwärtig geht ein Gespenst mit dem Namen Profanierung um. Gotteshäuser

werden umgewidmet, stillgelegt. Und jedes Mal,

wenn eines geschlossen wird, stirbt ein Stück Kirche.

Zu Pfingsten waren viele Kirchen wieder voll. An manchen Orten wird man sich erneut an die zwölf Millionen Gläubigen und mehr erinnert haben, die in den fünfziger Jahren jeden Sonntag in die Messe gingen und deren Zahl mittlerweile auf vier Millionen geschmolzen ist – nur an Weihnachten, Ostern und eben Pfingsten nicht. Und manche Pfarrer und Pastöre werden Hoffnung geschöpft haben, dass „ihre“ Kirche doch ein Gotteshaus bleiben kann. Denn bundesweit sind 700 katholische Kirchen akut von Schließung oder Umwidmung bedroht und bei den Protestanten sieht es nicht besser aus. Im Gegenteil: Sie werden in den nächsten Jahren 3 500 Gotteshäuser profanieren.

Das hat mehrere Gründe. Der demographische Absturz in Deutschland ist einer. Zwar stellen die beiden großen Kirchen mit je ungefähr 26 Millionen Mitgliedern immer noch zwei Drittel der deutschen Bevölkerung. Aber die evangelische Kirche verlor seit 1973 mehr als fünf Millionen Mitglieder und bei der katholischen Kirche sank in den letzten vierzig Jahren der Anteil an der Gesamtbevölkerung von 43, 8 auf 31, 5 Prozent. Damit verbunden ist der Absturz der Einnahmen aus Kirchensteuern, auch wenn das im Moment wegen der konjunkturellen Lage besser aussieht.

Natürlich spielen bei diesen Zahlen nicht nur der demographische Niedergang, sondern auch die Kirchenaustritte eine Rolle. Auch der riesige Immobilienbesitz – neben der Bahn sind die Kirchen die größten Immobilienbesitzer im Land – drückt mit seinen Renovierungs- und Sanierungslasten schwer auf die Haushalte. All das sind funktionale Gründe nach dem Motto: Weniger Gläubige und schwache Konjunktur bedeutet weniger Einnahmen. Die wirkliche Frage aber lautet, warum gibt es weniger Gläubige oder zumindest weniger Kirchgänger, wenn doch die Zahl der Mitglieder für jede Kirche immer noch bei 26 Millionen liegt?

Die Palette der Ideen reicht vom Ärztehaus zum Architekturbüro

Dieser Frage stellen sich nicht alle Verantwortlichen. Sie haben mit der gegenwärtigen Situation zu kämpfen und den Schrumpfungsprozess zu verwalten. Dieser verläuft ganz unterschiedlich. Die Erzdiözese Köln, mit 2, 2 Millionen Katholiken die größte Diözese Deutschlands, hat 2005 nur vier Kirchen profanieren müssen, im vergangenen Jahr waren es gerade einmal zwei. Die Diözese Essen dagegen muss 96 ihrer rund 350 Kirchen schließen. Im Ruhrbistum hat sich die Zahl der Gläubigen in den letzten Jahrzehnten glatt halbiert. In Bayern hält sich die Zahl der bedrohten Kirchen in Grenzen, der protestantische Norden Deutschlands jedoch steht vor einem historischen Auflösungsprozess. Fast die Hälfte der rund 20 000 evangelischen Kirchen und Kapellen auf dem Gebiet der Bundesrepublik wird bis zum Ende des Jahrzehnts nicht mehr für Gottesdienste benötigt.

Wohin also mit den sakralen Bauten? Die Palette der Ideen reicht von der „Kulturkirche“ bis hin zum Ärztehaus, von der Musikschule bis zum Büro für Architekten. Die Katholische Pflegehilfe Essen will in der St. Christophorus-Kirche in Essen-Kray Altenwohnungen einrichten mit einer Kapelle im dann ehemaligen Chorraum, die Heilig-Geist-Kapelle in Kampen am Niederrhein ist jetzt schon eine Buchhandlung für religiöse Literatur, die Münsteraner Bonifatiuskirche beherbergt jetzt die Redaktion der Kirchenzeitung, wobei mancher hofft, dass auch der apostolische Geist des Patrons auf die Redakteure übergehe.

Die vor knapp vier Jahren profanierte Kirche St. Knud im schleswig-holsteinischen Friedrichstadt gehört ebenfalls zu jenen Projekten, die als „kirchennah“ gelten und entsprechend umgewidmet werden. St. Knud soll in ihrem Inneren dank des künstlerischen Einflusses von Otmar Alt zu einer „Kulturkirche“ umgestaltet – für vielfältige künstlerische Aktivitäten, Workshops und sogar Konzertaufführungen und gleichzeitig für pastorale Erfordernisse und religiöse Meditationen. „Doppelnutzung“ heißt das Zauberwort, mit dem das Kuratorium in Friedrichstadt ans Werk geht. Damit möchte man das Gebäude weiterhin für pastorale Aufgaben nutzen und gleichzeitig mit einem welt-offenen Angebot den Brückenschlag in die Gemeinde versuchen.

Schon 2003 machte die Deutsche Bischofskonferenz Vorgaben, welcher neuen Nutzung die leeren Kirchengebäude zugeführt werden sollten oder könnten. Ein Bistumssprecher brachte es auf die Drei-S-Formel: „Kein Sonnenstudio, kein Sexshop, kein Supermarkt“. Natürlich stehen auch Diskotheken auf der Nein-Liste und tabu ist auch die Umwidmung in eine Moschee. Das Kirchenrecht schreibt vor, dass ein Gotteshaus zwar einem profanen, nicht aber einem „unwürdigen“ Zweck und Gebrauch zugeführt werden dürfe.

Dennoch bleibt es nicht aus, dass auch mal hier und da die Kriterien weiter ausgelegt werden. So wurde ein Kloster nahe bei Köln verkauft und die frühere Kirche dient nun als „Wellness-Tempel“. Bei den protestantischen Kirchen gibt es kaum Beschränkungen, da sich die EKD nicht auf einen Kriterienkatalog festlegen konnte. Deshalb finden sich auch Angebote beim Internet-Aktionshaus Ebay, (die Martini-Kirche in Moringen, angeboten für 480 000 Euro), wurde die Lutherkirche in Spandau zu Wohnungen umgebaut, finden in der St.Johannis Evangelist-Kirche in Berlin Modeschauen statt, wurde das Gotteshaus in Milow (Brandenburg) zu einer Sparkassenfiliale, das in Willingen zu einem „Speiselokal mit Tanz“, die Eliaskirche auf dem Prenzlauer Berg zu einem Kindermuseum und St.Martini in Bielefeld zu einem Restaurant mit dem sinnigen Namen „Glückundseligkeit“.

Schlimmer ist es noch im Ausland: In den Niederlanden werden jedes Jahr ungefähr fünfzig Kirchen einer weltlichen Nutzung übergeben, rund sechzig Prozent aller Sakralbauten dienen dort bereits einem profanen Zweck, der durchaus auch eine Diskothek sein kann – mit dem Diskjockey auf der Kanzel. Das sind Auflösungserscheinungen.

Kirchenbau ist noch heute ein geistiger Prozess

Richtig bedrohlich wird es, wenn eine Alternative auf den Plan tritt. Und die gibt es. In Frankreich wurden in den letzten dreißig Jahren zweitausend neue Moscheen gebaut, soviel wie christliche Kirchen im ganzen 20. Jahrhundert. Allerdings sind seit 1976 auch rund tausend neue evangelische Kirchen entstanden. Das macht gegenüber den etwa 45 000 katholischen Kirchen immer noch eine kleine Minderheit aus, ist aber keine „quantité negligeable“, denn der Trend ist in seiner Gegenläufigkeit (starker Anstieg der Nichtkatholiken, starker Abfall der Katholiken) keineswegs zu vernachlässigen.

Dieser Trend ist auch in Deutschland zu beobachten. Auch hier sind in den letzten Jahrzehnten Hunderte von Moscheen gegründet, eingerichtet und neu gebaut worden, insgesamt zählt man 2 600 Gebets- und Versammlungsräume in Garagen, Hinterhöfen, Fabrikhallen. Und bei den Neubauten handelt es sich nicht um kleine Gebäude. Die bisher größte Moschee, die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim, direkt gegenüber der Liebfrauenkirche, fasst bis zu dreitausend Gläubige, die auch jedes Wochenende kommen. Sie soll noch übertroffen werden von einer neuen Moschee in Duisburg, während die dortige Sankt-Paul-Kirche vor der Schließung steht. Von den aktuell 3, 4 Millionen Muslime in Deutschland gehen mehr als 600 000 jeden Freitag in die Moschee, an hohen muslimischen Festtagen sind es mehr als eine Million.

Man schätzt, dass sich die Zahl der klassischen Moscheen (knapp 150) mit Minarett, Kuppel, Beträumen, Jugendzentren, Bibliothek und Sekretariat in den nächsten vier bis fünf Jahren verdoppeln wird. Geld spielt offenbar keine Rolle. Die elf Millionen teure Moschee in Duisburg erhält übrigens von der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union einen Zuschuss von 3, 2 Millionen Euro und wenn der Gebäudekomplex fertiggestellt sein wird, geht er in den Besitz der türkischen Religionsbehörde über, die von den radikalen Anhängern der Imam-Habib-Bewegung dominiert wird. Bei aller Religionsfreiheit darf man sich doch fragen, ob es – und zwar nicht nur angesichts knapper öffentlicher Kassen – wirklich notwendig ist, den gegenläufigen Trend auch noch zu unterstützen und damit den geistlichen Selbstmord zu beschleunigen.

Sinnvoller wäre es, die Renaissance der christlichen Religion zu fördern. Die gibt es und dabei bräuchten die C-Politiker sich noch nicht einmal auf das Christentum berufen, womit nicht wenige von ihnen ja bekanntermaßen ein Problem haben. Denn an vielen Orten, auch und gerade in Norddeutschland, tun sich Gläubige zusammen, um das Gotteshaus in ihrem Ort vor dem Verfall zu retten. Sie sammeln Geld, um das Gebäude zu sanieren und zu bewahren. Das sei eine Frage der Identität. Bauen ist auch heute noch ein geistiger Prozess. Gerade ein Kirchbau weist auf die geistige Mitte einer Gemeinschaft und auch Ortschaft hin – oder auch nicht, wenn dieser Bau fehlt oder profaniert wird. Kirchengebäude sind, wie der Vorsitzende des Arbeitsausschusses des Evangelischen Kirchenbauvereins, Pfarrer Thomas Buske, sagt, „in der abendländischen Geschichte die einzigen großen Gemeinschaftsleistungen, die sich von Anbeginn jedem ökonomischen Nutzen verweigert haben“.

In der Tat, der Reichtum dieser Bauten liegt in der Ausrichtung zur Ehre Gottes. Deshalb ist es, wenn die Kirche nicht mehr massenhaft frequentiert wird, besser, sie „auf Zeit stillzulegen und nur noch gelegentliche Gottesdienste abzuhalten, als sie Discos, Lagerhallen und Autowerkstätten auszuliefern“, meint zum Beispiel der Präsident des Evangelischen Kirchentages, der Hamburger Hauptpastor Helge Adolphsen. Und er liefert eine weitere Begründung gleich mit: „Das würde die fortdauernde Präsenz der Kirche und ihre Hoffnung zum Ausdruck bringen“. Das Maulbronner Mandat des 25. Evangelischen Kirchbautages Stuttgart formuliert es so: „Auch stillgelegte Kirchen legen Zeugnis davon ab, dass die Geschichte Gottes mit der Welt auf eine gute Zukunft aus ist“.

Für die Katholiken hat diese Zukunft vor zweitausend Jahren begonnen. Denn mit der Einsetzung der Eucharistie hat eine Kirche nicht mehr nur Zeugnischarakter im Sinne der Hoffnung auf das Jenseits, sondern sie ist nach katholischem Verständnis auch Zeugnis für die Gegenwart Christi heute unter den Menschen. Benedikt XVI. sagt es noch als Kardinal Ratzinger in einem Bändchen mit dem Titel „Gott ist uns nah“ so: „Immer ist der Herr da. Die Kirche ist nicht bloß ein Raum, in dem in der Frühe einmal etwas stattfindet, während er den Rest des Tages ,funktionslos‘ leer bliebe. Im Kirchenraum ist immer ,Kirche‘, weil immer der Herr sich schenkt, weil das eucharistische Geheimnis bleibt ... Wir alle wissen, welch ein Unterschied ist zwischen einer durchbeteten Kirche und einer solchen, die zum Museum geworden ist. Wir stehen heute sehr in der Gefahr, dass unsere Kirchen Museen werden und dass es ihnen dann geht wie Museen: Wenn sie nicht verschlossen sind, werden sie ausgeraubt.

Sie leben nicht mehr. Das Maß der Lebendigkeit der Kirche, das Maß ihrer inneren Offenheit, wird sich darin zeigen, dass sie ihre Türen offen halten kann, weil sie durchbetete Kirche ist ... Dagegen könnte sich mit Recht der immer wieder zu hörende Einwand richten: Ich kann ja auch im Wald, in der freien Natur beten. Gewiss kann man das. Aber wenn es nur dies gäbe, dann läge die Initiative des Betens allein bei uns; dann wäre Gott ein Postulat unseres Denkens – ob er antwortet, antworten kann und will, bliebe offen. Eucharistie aber bedeutet: Gott hat geantwortet. Wenn wir in der eucharistischen Gegenwart beten, sind wir nie allein. Dann beten wir im Raum der Erhörung ... Solches Beten müssen wir neu suchen.“

Die Mauern bleiben als stumme Zeugen stehen

Deshalb geht es nicht nur um eine „Umwidmung“, wenn eine Kirche baulich nicht mehr gehalten werden kann, noch um eine schlichte Profanierung. Jedes Mal, wenn eine Kirche geschlossen oder einer weltlichen Nutzung zugeführt wird, stirbt auch ein Stück Kirche. Das Beispiel der blühenden Gemeinden in Nordafrika und Kleinasien, von denen heute außer den geistlichen Impulsen (etwa Augustinus als Bischof von Hippo oder die zehn Nothelfer aus der Türkei) und einigen Mauerresten nahezu nichts mehr übrig geblieben ist, dürfte Mahnung genug sein. Wenn es nicht gelingt, die Kirche als solche von innen heraus zu beleben, werden die Gemeinden in Europa den gleichen Weg gehen.

Man kann Gebäude „auf Zeit stilllegen“. Mit dem Glauben geht das nicht. Mauern können stehen, als stumme Zeugen. Der Glaube lebt – oder stirbt. Wenn niemand mehr in die Kirche kommt, dann sollte wenigstens der Pfarrer beten, so wie Jean Marie de Vianney, der Pfarrer von Ars, der eine heruntergekommene Kirche und Gemeinde vorfand und damit anfing, die Eucharistie auszusetzen und zu beten. Jahre später waren es Hunderttausende, die in den kleinen, unscheinbaren Ort in der Nähe von Lyon kamen, um zu beten, zu beichten, zu glauben.


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