Bethlehem (DT/KNA) In der geräumten und gereinigten Geburtskirche in Bethlehem haben am Sonntag die ersten Gottesdienste seit dem Ende der Belagerung stattgefunden. Um 7.30 Uhr deutscher Zeit feierte der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Irinaios I., eine Wiedereinsegnungs-Liturgie, nachdem sich in der Kirche 39 Tage lang bis zu zweihundert teils bewaffnete Palästinenser verschanzt hatten. Dadurch sowie durch Feuergefechte mit den israelischen Belagerern war das Got-teshaus nach kirchlicher Auffassung geschändet worden.
In dem weitläufigen Gebäudekomplex an der Stelle, an der laut Überlieferung Christus geboren wurde, hatten bis Freitag noch 124 Palästinenser sowie 29 christliche Geistliche ausgeharrt. Kurz darauf zelebrierte der Vatikan-Sondergesandte, Kurienkardinal Roger Etchegaray, in der angrenzenden katholischen Katharinen-Kirche ein Festhochamt. Vor mehr als tausend Besuchern überbrachte er den Segen und ein Grußwort des Papstes. Die Tür zu einer Lösung des Nahost-Konflikts im friedlichen Dialog sei noch enger als der niedrige Eingang zur Geburtskirche, betonte der Kardinal in Anspielung auf die 1,20 Meter hohe Tür des Gotteshauses. Der Friede zwischen den Völkern könne nur dort wachsen, wo er bereits in jedem Einzelnen vorhanden sei.
Auf dem Petersplatz dankte Papst Johannes Paul II. vor mehreren zehntausend Gläubigen allen Beteiligten für die Rückgabe der Geburtskirche „an Gott und die Gläubigen“. Ausdrücklich hob er dabei die Franziskaner sowie die orthodoxen Griechen und Armenier hervor, die in dem Gotteshaus ausgeharrt hatten. Sie seien der Heiligen Stätte auch unter beträchtlichen Opfern treu geblieben. „Die universale Botschaft von Bethlehem ist: Liebe, Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden“, erklärte Johannes Paul II. Auf dieser Grundlage müsse man eine Zukunft aufbauen, die den Rechten des israelischen wie des palästinensischen Volkes Rechnung trage.
Unterdessen äußerte der Lateinische Pat-riarch von Jerusalem, Erzbischof Michel Sabbah, Kritik am fehlenden Mut der internationalen Gemeinschaft. Wichtiger als die Verurteilung von Gewalt seien konkrete Handlungen, sagte der Patriarch vor dem Gottesdienst vor Journalisten. So lange „die Wurzel des Bösen“ noch da sei, werde die Gewalt im Nahen Osten andauern. Wörtlich fügte er hinzu: „Die Wurzel des Bösen ist die israelische Besetzung.“ Diese verursache erst palästinensische Selbstmordattentate, betonte Sabbah. Daher sei es nicht entscheidend, die Selbstmordattentate zu verurteilen, sondern die israelische Besetzung zu beenden, so der Patriarch, der selbst Palästinenser ist.
Die Franziskaner-Kustodie in Jerusalem erklärte, der Orden habe durch seine Anwesenheit in der Geburtskirche Schlimmeres verhindern können. „Die Opfer, denen die Patres ausgesetzt wurden, waren schmerzhaft, aber wenig im Vergleich zu dem, was bei einem militärischen Zusammenstoß in der Geburtsbasilika hätte passieren können“, so die Ordensleitung am Sonntag in Jerusalem. Man sei froh, einen Beitrag zu einer diplomatischen Lösung geleistet zu haben.
Bereits am Freitag hatten umfangreiche Aufräum- und Reinigungsarbeiten in und um die Kirche begonnen. Gemeindemitglieder und Priester aus der Region halfen den franziskanischen, armenischen und griechisch-orthodoxen Geistlichen beim Heraustragen von Matratzen, Decken, zerbrochenem Mobiliar und Abfällen. An zwei Stellen waren bei Feuergefechten Brände in den angrenzenden Klöstern der Franziskaner und der Armenier ausgebrochen.