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Das große Glück des Schreibens
Gertrud Fussenegger feiert morgen ihren neunzigsten Geburtstag
DT vom 07.05.2002

Von Stefan Meetschen

In ihrem Lebensbericht „Ein Spiegelbild mit Feuersäule“(1979) geht Gertrud Fus-senegger ihren eigenen Spuren nach: Kindheit, Jugend, Studium, Ehe und Kinder, die ersten Erfolge als Autorin. Kein leichter Weg, denn obwohl sie oft vom Schicksal und von Verwandten verwöhnt wurde („Du bist auf die Butterseite gefallen, sagte der Vater zu mir.“), das Leben rang ihr auch viel ab. Der frühe Verlust der Mutter, zahlreiche Ortswechsel, Enttäuschungen mit Männern und nicht zuletzt die zerstörten Hoffnungen, die sie an die Politik banden.

Schal gewordene Seelen

Nur die Liebe zum Schreiben, zum Erzählen erwies sich als Konstante, die weiter und heraus führte. Eine stabile Berufung in untergehenden Welten. So mag es nicht überraschen, dass Gertrud Fussenegger ihr Opus magnum, „Das Haus der dunklen Krüge“, ausgerechnet in den Wirren des Kriegsendes zu schreiben begann, im Anschluss an eine gefährliche Erschütterung, die sie fast das Leben gekostet hätte.

„Ich blickte auf mich hin wie auf eine fremde Person, wie ich dort auf der Kante des Steilhangs durch den knietiefen Schnee rannte, die Hände rang und mit den Armen um mich schlug, schreiend, schluchzend, die Bomben auf mich niederwünschend und doch erbebend, wenn ein Reihenwurf diesseits des Flusses einen der Hänge unter uns zerwühlte; ich sah mich wie eine weit entfernte fremde groteske Figur, grotesk im Ausbruch ohnmächtiger Verzweiflung, in meinem alten blaukarierten Mantel, in Bergschuhen, ein weinrotes Wolltuch auf dem Kopf.“ (Feuersäule)

Die „Dunklen Krüge“ galten schon bald nach ihrem Erscheinen 1951 als so etwas wie die „böhmischen Buddenbrooks“. Fussenegger schildert darin Erstarrung und Verfall einer böhmischen Familie, deren Reichtum sich einem ökonomischen Glücksfall verdankt: der Bierbrauerei in Pilsen. Doch so wie im verborgenen Keller des Stammhauses der Familie Bourdanin die zufällig entdeckten Krüge verrotten, so sehr verkommt auch der bürgerliche Ehrbegriff bei den Familienmitgliedern. Die Seelen sind schal geworden, die Entfremdung zwischen den Geschlechtern kann nicht mehr zugedeckt werden.

Zugedeckt werden konnte die erzählerische Wirksamkeit der Autorin. Zuviel war hängengeblieben an ihr: braune Fussel auf einer weißen Weste. Das passte nicht zum schuldlos gemachten Selbstbild der neuen Bundesrepublik. Fortan galt Fussenegger als gestrig und konnte (darin nicht unähnlich Ernst Jünger, der allerdings schon früh auf Distanz gegangen war zu jeglichen Vereinnahmungsversuchen der NSDAP) rechts liegen gelassen werden. Neue Autoren mit neuen moralischen Ansprüchen und enorm viel Selbstgerechtigkeit eroberten den literarischen Hochsitz des Landes. Für Fussenegger blieb nur der Keller der Berüchtigten, der Buße. Am Schreiben hat es sie nicht gehindert.

Nebelbänke der Monarchie

Sie behielt ihren Stolz, schwieg und verarbeitete ihre frühen Verirrungen und Verfolgungen (siehe auch: DT vom 16. April) diskret. Lieber schrieb sie ihren Weg weiter, neu verheiratet mit dem österreichischen Bildhauer Alois Dorn, umgeben von fünf Kindern und sesshaft geworden in Hall/Tirol.

Heraus kamen dabei eine ganze Reihe von Werken, die heute leider nicht mehr alle verlegt werden. Obwohl sie es verdient hätten. Gerade in der Spaß-Gesellschaft, auf dem Marktplatz des nihilistischen Hedonismus. So wäre für die moderne Generation sicher die Lektüre des Romans „Zeit des Raben, Zeit der Taube“ (1960) ein Gewinn. Hier geht es um die Lebensgeschichten des Dichters und Mystikers Léon Bloy und der Naturwissenschaftlerin Marie Curie-Sklodowska, die zusammen mit ihrem Mann das Radium und dessen Strahlung entdeckte. Auf den ersten Blick scheinen beide nicht mehr miteinander gemein zu haben, als dass sie beide lange Jahre in Paris lebten. Doch in der dichterischen Vergegenwärtigung Fusseneggers wird deutlich, dass sich mit dem Périgoden spanischer Herkunft und der Polin aus Warschau Exponenten polarer Spannungen kreuzen, deren unterschiedliche Visionen miteinander auf dramatische Weise verknüpft sind.

Auch die „Pulvermühle“ (1968) und „Das verschüttete Antlitz“ (1957) sind Romane, die zu Unrecht auf den Hinterbänken des Literaturbetriebs liegen geblieben sind. Kriminalistisch spannend, fein und psychologisch gut gesponnen sind beide Bücher. Ergreifend die Bilder und Innenwelten der Handlungen, bedrängend die verborgenen Sogwirkungen der Vergangenheit.

„Wenn ich mir ein Thema vornehme, dann ist das für mich wie ein Blick von einem Hügel über eine ausgedehnte Landschaft. Ich weiß zwar schon ungefähr, wohin mich mein Weg führen soll, doch dazwischen liegen viele Strecken noch wie unter Nebelbänken. Auf sie gehe ich zu ... sie müssen sich erst enthüllen. Eben dieses Fortschreiten durch noch Verhülltes, das dabei immer mehr Farbe, mehr Genauigkeit, mehr Substanz gewinnt, das ist etwas wie ein Abenteuer, das ist das große Glück des Schreibens. Ich könnte mir ein Leben ohne dieses sich immer wieder erneuernde Erlebnis kaum vorstellen.“ („Demut könnte vieles retten“ Interview in: PUR)

So gesehen, hätte es auch niemand überraschen dürfen, als sich Gertrud Fussenegger im vergangenen Jahr aus dem „Haus der dunklen Krüge“ zurückmeldete und zwar mit einem Fortsetzungsroman namens „Bourdanins Kinder“. Dort nimmt die Autorin den alten böhmischen Erzählfaden wieder auf, schreitet mit deutlich autobiographischen Bezügen durch die Nebelbänke der untergehenden K.u.K.-Monarchie, durch die enthüllten Schrecken der Weltkriege, um schließlich (am Ende des zweiten Weltkriegs angekommen) das Personal ihres Opus magnum in einem erschöpften und verstreuten Zustand zu lassen. Das bürgerliche Wertesystem ist endgültig aus den Angeln gehoben.

Suche nach neuen Perspektiven

Gertrud Fussenegger hat mit ihrer Lebensgeschichte sicher ihren Frieden gemacht. Angekommen an einen Punkt der Reife, wo die Winde des jeweiligen Zeitgeistes einen nicht mehr umhertreiben oder erschüttern können. Auch nicht windige Reformen in und an der Kirche. Als Katholikin ist Gertrud Fussenegger sowieso eher ihrem Herzen, als dem kühlen Regelwerk gefolgt.

Dadurch resultierende Konflikte haben sie aber nicht bitter gemacht: „Da meine zweite Ehe nur standesamtlich geschlossen war, war ich sehr lange von den Sakramenten ausgeschlossen. Das habe ich als tief schmerzlich empfunden, doch es war ein Schmerz, der auch sehr fruchtbar für mich geworden ist. Nur so ist mir die ganze Kostbarkeit der Eucharistie bewusst geworden. Ich kann es nicht bedauern, dass ich in jener Zeit oft bittere Tränen vergossen habe. Genau genommen war ich beschenkt durch das Verbot.“

Beschenkt sicher auch durch Autoren wie Ernst Jünger, den sie schon früh las, und die großen Namen der „Renoveau Catholique“. Werke, in denen das Transzendente aufleuchtet. Und so wünscht sich die Autorin, der es in ihren eigenen Werken mehr um Wahrheitssuche als um Wahrheitsdefinitionen ging, von der Kirche der Zukunft vor allem, „dass wieder große Heilige in ihr entstünden, große charismatische Persönlichkeiten, die uns überraschen, die uns zu neuen Perspektiven führen. Diese neuen Perspektiven müssen durchaus nicht permissiv sein. Das wäre mein Wunsch an die Kirche, aber mehr noch an die göttliche Gnade“. („Ich fühle mich in einem Hafen angekommen“, Interview in www.kath.net)

Mehr Infos zu Gertrud Fussenegger unter: www.fussenegger.de


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