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Transformationen des Thomismus
Eine Studie von Lydia Bendel-Maidl zum Selbstverständnis neuzeitlicher Theologie im Spiegel der Thomasrezeption
DT vom 30.12.2004

von Thomas Marschler

Thomas von Aquin gehört zu den theologischen Denkern mit einer derart umfangreichen Rezeptionsgeschichte, dass diese längst ein eigenes Forschungsgebiet darstellt. Sie beginnt fast unmittelbar mit dem Tod des Aquinaten 1274 und hat sich unter mancherlei Wandlungen bis in unsere Gegenwart fortgesetzt. Vieles davon ist wissenschaftlich bisher nur unzureichend aufgearbeitet. Wenn sich die Münchener Fundamentaltheologin Lydia Bendel-Maidl in ihrer umfangreichen Habilitationsschrift Aspekten der Thomasrezeption im zwanzigsten Jahrhundert zuwendet, steht allerdings nicht in erster Linie ein rein historiographisches Interesse im Vordergrund. Die Beschäftigung mit Thomas im deutschen Katholizismus der letzten hundert Jahre, auf die sich ihre Studie vor allem konzentriert, wird ihr vielmehr zum Beispiel für die Verhältnisbestimmung von historischer und systematischer Theologie, die in dieser Zeit eine tiefgreifende Entwicklung durchläuft. „Die Diskussionen um die geschichtliche Relativität des Thomas von Aquin werden zu einem Spezialfall der Auseinandersetzung um die Geschichtlichkeit der christlichen Rede über Gott.“

Nach einleitenden Bemerkungen zu Problemkontext, Forschungsstand und Methodik, in denen die Autorin ihre eigene Position bereits deutlich zur Sprache bringt, entfaltet sich die Studie in fünf Kapiteln unterschiedlichen Umfangs.

Ein erster Abschnitt stellt zunächst die lehramtlichen Aussagen über die Bedeutung des thomanischen Denkens für die katholische Theologie vor. Den zeitlichen Rahmen markieren die berühmte Enzyklika „Aeterni Patris“ Leos XIII. (1879) und die Enzyklika „Fides et ratio“ des derzeitigen Papstes (1998). Was sich nach Bendel-Maidl in den lehramtlichen Texten als all-mählicher Perspektivenwechsel zeigt, nämlich das Abrücken des Lehramtes seit dem Zweiten Vatikanum von der zuvor vertretenen exklusiven Normativität thomistischen Denkens, wird in der deutschen Theologie schon früher erkennbar. An ausgewählten Thomasinterpreten der Zeit vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg weist Bendel-Maidl nach, dass es „den“ Thomismus beziehungsweise „die“ Neuscholastik in Deutschland niemals gegeben hat. Vertreter eines „Thomismus strenger Observanz“ wie Michael Gloßner oder andere Mitarbeiter von Ernst Commers „Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie“ blieben selbst in der heißen Epoche des Modernismusstreits an den deutschen Universitäten Außenseiter. Die Mehrheit repräsentierten Autoren wie der Jesuitenkardinal Franz Ehrle, der überzeugter Aristoteliker, aber kein strenger Schulthomist war.

Scharfe Kritiker neuscholastischer Systematik

Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb dieser auf Erweiterungen und neue Fragestellungen geöffnete Thomismus in der Gesellschaft Jesu vorherrschend, wie etwa das Beispiel Bernhard Jansens zeigt. Als scharfe Kritiker neuscholastischer Systematik meldeten sich schon in den Anfangsjahren des zwanzigsten Jahrhunderts Albert Ehrhard und Franz Xaver Kiefl zu Wort. Nicht minder ablehnend zeigten sich in der Folgezeit Anhänger einer augustinisch geprägten Wertphilosophie wie der dem Modernismus nahestehende Kölner Priesterphilosoph Johannes Hessen oder sein (in der vorliegenden Studie nicht erwähnter) Bonner Kollege Aloys Müller. Die Transformation der Neuscholastik erhielt einen entscheidenden Impuls durch die historisch-kritische Textforschung, deren Beginn vor allem mit dem Namen Clemens Baeumkers verbunden ist. Von nun an entstanden unzählige Arbeiten, die den Reichtum und die Pluralität mittelalterlicher Philosophie und Theologie aus den vormals oft vergessenen gedruckten und handschriftlichen Quellen ins Bewusstsein riefen.

Entscheidendes dazu hat der bayerische Dogmenhistoriker Martin Grabmann (1875–1949) beigetragen, dem das zweite Großkapitel der Studie Bendel-Maidls gewidmet ist. Unter Berücksichtigung seines Nachlasses werden neben einer biographischen Skizze die Schwerpunkte seiner an Thomas von Aquin und Matthias Joseph Scheeben orientierten Sicht von Theolo-gie, Philosophie und Geschichte erarbeitet. Während Bendel-Maidl die großen Verdienste Grabmanns um die mediävistische Quellenerschließung nicht in Abrede stellt, begegnet sie seinem Thomismus in methodischer und systematischer Perspektive mit scharfer Kritik. Die gegen Grabmann vorgebrachten Einwände wiederholen sich mehr oder weniger deutlich im Laufe der Studie auch gegenüber allen anderen neuscholastischen Autoren, die sich in einer inhaltlichen Perspektive thomistischen Prinzipien verbunden wissen. So fehle es, um nur einige der Bewertungen aufzulisten, Grabmanns Thomasrezeption an ideologie- und machtkritischer Sensibilität. Seine Argumentation bleibe im Letzten ahistorisch, da er durch die Betonung überzeitlicher Wahrheiten Brüche und Unterschiede in der Entwicklung des Denkens verkenne. Geradezu eine Vergötzung des thomanischen Denkens wird dem Dogmatiker mit dem Vorwurf unterstellt, das von ihm wie den meisten anderen Neuscholastikern vertretene „instruktionstheoretische“ Wahrheitsverständnis verführe zu einer Erhebung von Aussagen eines einzelnen Theologen „in den Rang von überzeitlichen, ewigen Wahrheiten, also in die Nähe der Wahrheit Gottes selbst“.

Für die Auseinandersetzung mit den Problemen der Moderne sei dieses ganz einer kirchlichen Binnenperspektive verpflichtete Denken verständnis- und ergebnislos geblieben. An manchen Stellen wird die Kritik der Verfasserin recht herablassend: „Bei Grabmann liegt sicherlich kein böser Wille vor, sondern eine deutliche Horizontblindheit, grundgelegt in seiner Persönlichkeitsstruktur, gestärkt durch seine Ausbildung in der Eichstätter Neuscholastik, fassbar auch in der Frömmigkeitshaltung.“ Das Denken des Dogmatikers, so lautet das Fazit, bleibt am Ende in einem Kommunikationsmodell des „verzerrten Dialogs“ gefangen, indem es sich weder von einem christlich geprägten Vernunftbegriff und seinem aristotelischen Fundament noch einer heteronom verstandenen Lehramtsautorität lösen konnte.

Was Bendel-Maidl bei Grabmann vermisst, sieht sie beim französischen Dominikaner Marie-Dominique Chenu (1895–1990) in weit stärkerem Maße gegeben. Ihm ist als einzigem nicht-deutschen Autor ein eigenes (das dritte) Kapitel der Studie gewidmet. Als Gestalt des Über-gangs nimmt er in der Thomasrezeption des zwanzigsten Jahrhunderts eine Schlüsselposition ein. Chenu wies den Schulthomismus als „theologischen Imperialismus“ zurück, der bestimmt sei durch „ein Sicherheitsstreben, gewonnen aus objektiven Wahrheiten, festen Autoritäten und dem angeblich Bewährten der Vergangenheit“. Im Gegensatz dazu suchte er selbst in seinen Deutungen des thomanischen Glaubens- und Theologieverständnisses den Aquinaten zuerst als Gestalt in den konkreten Kontexten einer vergangenen historischen Epoche zu verstehen. Milieu, Methode und literarische Formen seiner Theologie konnten so stärker in den Blick gelangen. Bendel-Maidl lobt die „radikale Gegenwartsbezogenheit“ von Chenus Geschichtsbetrachtung, in der die historische Relativität aller menschlichen Wahrheitssuche Anerkennung fand. Thomas blieb zwar auch für Chenu eine normativ-exemplarische Gestalt, dies jedoch vornehmlich aufgrund seiner Bereitschaft, in einer konkreten historischen Situation die Botschaft des Glaubens in neuen denkerischen Formen zur Sprache zu bringen. Als materialer Maßstab in der Theologie verliert der Thomismus von nun an zunehmend seine Bedeutung.

Die durch Chenu vorangetriebene Historisierung des Aquinaten und mit ihm der theologischen Systematik überhaupt bestimmt von Anfang an das Denken eines Theologen, dem das vierte Kapitel des Buches gewidmet ist: Otto Hermann Pesch (*1931). Seit seiner 1964 fertiggestellten voluminösen Dissertation, in der er die Rechtfertigungslehre bei Thomas und Martin Luther vergleicht, gilt Pesch als einer der besten Thomaskenner deutscher Sprache. Schon damals formulierte er die These, dass der Gegensatz der beiden von ihm untersuchten Denker weniger im inhaltlichen Kern ihrer Lehre als im je unterschiedlichen Typ ihres theologischen Denkens liegt („objektivierend“ versus „exis-tenziell“). Sein damaliges Plädoyer für ei-ne Vielfalt der theologischen Stile und Vorlieben im Raum der einen Kirche ist für Peschs ökumenisch inspirierte Forschung bis heute bestimmend geblieben. Bendel-Maidl teilt Peschs Option für eine radikale „Geschichtlichkeit und Pluralität“ der Theologie und sieht darin deren entscheidenden Durchbruch zum Denken der Moderne und zu echter ökumenischer Ver-ständigung.

Dass Pesch sowohl aus der Luther- wie aus der Thomasforschung deutliche Kritik für seine Tendenz zur Einebnung von Differenzen und der damit verbundenen Verfälschung ursprünglicher Aussageabsichten erfahren hat, ist Bendel-Maidl bekannt. Hatte sie zuvor Grabmann wegen seiner Neigung zur Harmonisierung von Thomas und Bonaventura scharf kritisiert, fällt ihr Tadel gegenüber Pesch jedoch weit moderater aus. Was Grabmanns Arbeit mit den Texten als Ausweis uneingestandener ideologischer Vorurteile angelastet wurde, wird nun als Ausdruck reflektierter und methodisch beherrschter Gegenwartssensibilität anerkannt. Die in der Thomasdeutung Peschs zum Ausdruck kommende „hermeneutische Wende“ weg von jeder „objektivistischen Argumentation“ ist nach Bendel-Maidl deswegen so bedeutsam, weil sie sich auch in der Interpretation kirchlicher Lehrformulierungen fortsetzt. Das Dogma selbst wird in den Prozess der Historisierung und Kontextualisierung einbezogen, als dessen Konsequenz Transformationen und gegebenenfalls Revisionen nötig werden. Bendel-Maidl radikalisiert Peschs Ansatz in diesem Punkt sogar, wenn sie die „Kontinuität“ des Glaubens gänzlich von der Bindung an Doktrin und „satzhafte Wahrheiten“ lösen möchte.

Mit einem bündelnden Aufriss ihrer eigenen Ansichten zum Verhältnis von historischer und systematischer Theologie (Kapitel 5) schließt Bendel-Maidl die Studie ab. Die Grundthese von einer hermeneutisch orientierten, im Dialog mit der jeweiligen Gegenwart stehenden und multiperspektivisch ausgerichteten Historiographie wird dabei mit einer breit angelegten Collage von Verweisen und Argumenten recht unterschiedlicher Provenienz umgeben, die streckenweise etwas additiv und unpräzise wirkt.

Das Hauptanliegen hat die Autorin umgesetzt

Ihr Hauptanliegen aber, nämlich am Beispiel der Thomasrezeption einen grundlegenden Paradigmenwechsel innerhalb der katholischen Systematik des zwanzigsten Jahrhunderts aufzuzeigen, hat die Verfasserin in einer materialreichen Darstellung zweifellos umgesetzt. Dass in der Gewichtung der behandelten Autoren (etwa im Blick auf Karl Rahner) und in der Auswahl der jeweiligen Referenztexte (beispielsweise bei Gloßner) auch andere Akzente denkbar gewesen wären, braucht einer notwendig exemplarisch vorgehenden Studie nicht vorgehalten zu werden.

Umstritten wird jedoch das ausnahmslos harte Urteil bleiben, mit dem Bendel-Maidl den Schulthomismus des zwanzigsten Jahrhunderts belegt. Dass er neben mancher Begrenztheit und jenseits der reinen Orthodoxie seine spezifischen Verdienste besaß – unter anderem die Vermittlung einer breiten Wissenstradition, den Schutz systematischen Denkens vor Historismus und Positivismus, die Immunität gegen Gefahren des Zeitgeistes (nachweislich im Nationalsozialismus), bewährte didaktische Vermittelbarkeit – wird von Bendel-Maidl kaum anerkannt. Stattdessen wird ihm als Versagen vorgeworfen, durch die Verweigerung theologischer „Zeitgenossenschaft“ einen Grundauftrag des Evangeliums verfehlt und möglicherweise sogar Menschen den Weg zum Glauben versperrt zu haben. „Für die jüngste Geschichte des Thomismus sind die Wunden, die er theologischem Denken und damit konkreten Personen zugefügt hat, wie auch die Abwehr von Neuzeit und Moderne, die in seinem Namen praktiziert wurde, mehr als nur eine schmerzliche Schattenseite dieser Leistung des Tradierens.“

Wer dies etwas anders sieht, mag sich mit der in Bendel-Maidls Studie oft genug hervorgehobenen Tatsache trösten, dass nicht nur die Thomasdeutung, sondern auch ihre Historiographie mittlerweile um die eigene Historizität weiß. Man braucht kein Prophet zu sein um vorauszusagen, dass nach der derzeitigen Euphorie für das Fragmentarische, Kontingente und Subjektive in der katholischen Theologie auch wieder eine Zeit kommen wird, in der man aufs Neue diejenigen Themen entdeckt, um die Autoren vieler Jahrhunderte mit und gegen, aber nie ohne Thomas von Aquin gerungen haben: objektive Wahrheitserkenntnis, die Harmonie von Vernunft und Glaube und eine an tragfähigen metaphysischen Grundprinzipien orientierte Systematik. Das Interesse, mit dem eine Theologie der Zukunft ihre thomistische Vergangenheit rekonstruiert, könnte dann durchaus anders aussehen.

Lydia Bendel-Maidl, Tradition und Innovation. Zur Dialektik von historischer und systematischer Perspektive in der Theologie. Am Beispiel von Transformationen in der Rezeption des Thomas von Aquin im 20. Jahrhundert (Fundamentaltheologische Studien Bd. 27). Münster, LIT, 2004, ISBN 3-8258-5589-9, 45,90 Euro


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