Auch vier Jahrzehnte nach dem Zweiten Varikanischen Konzil ist der Marientitel „Mater Ecclesiae“ (Mutter der Kirche) wenig rezipiert und akzeptiert. Als Papst Paul VI. zum Abschluss der dritten Sitzungsperiode des Konzils die Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ feierlich bestätigte, verkündete er auch diese hoheitsvolle Bezeichnung der Gottesmutter. Gerade in der Kirche in Deutschland hat sie sich aber noch nicht durchgesetzt. Die Entstehungsgeschichte der Kirchenkonstitution samt ihres Marienkapitels offenbart, woher dies kommt.
Dass Maria Gegenstand des Konzils würde, war damals mehr als plausibel, stand man doch unter dem Eindruck des „Marianischen Zeitalters“, das 1830 mit den Marienerscheinungen in Frankreich begonnen hatte. Es wies mit den Definitionen von 1854 und 1950 dogmatische Wegmarken auf und hatte in den 1950-er Jahren mit einer Fülle von Publikationen die Mariologie ins Zentrum der Theologie gerückt.
Die marianischen Bischöfe drängten zu Beginn des Konzils auf eine weitere Definition (Maria als „Mittlerin aller Gnaden“ beziehungsweise „Miterlöserin“), nicht wenige dagegen wollten die als übertrieben empfundene Marienbegeisterung abschwächen. Diese beiden Tendenzen wurden als „maximalistisch“ und „minimalistisch“ bezeichnet.
Für 1962 war ein Marienschema erarbeitet worden, das aber erst in der zweiten Sitzungsperiode (Sessio) besprochen wurde. Nach einer kontroversen Diskussion stimmte im Oktober 1963 eine knappe Mehrheit der Konzilsväter gegen ein eigenes Marienschema. Die Theologische Kommission hatte nun die Aufgabe, zur dritten Sessio die Marienlehre so in „Lumen Gentium“ einzufügen, dass der Großteil der Versammlung würde zustimmen können.
Was damals als Niederlage der marianischen Protagonisten erschien, darf im Nachhinein als kluge Integration der Marienlehre gewertet werden. Es war die Frucht der biblisch-patristischen Erneuerung der Theologie, welche auch das enge Miteinander von Kirche und Maria herausgearbeitet hatte – man denke an die Arbeiten von Hugo Rahner, Otto Semmelroth und Henri de Lubac. Als Pionier dieser Zusammenschau von Mariologie und Ekklesiologie ist jedoch Matthias J. Scheeben mit seiner ekklesiologisch ausgerichteten Mariologie von 1882 zu würdigen.
Die Integration der Marienlehre auf dem Konzil begegnete der Gefahr der theologischen Isolation Marias, ihrer Parallelisierung mit Christus. Andererseits tauchte das Problem auf, ob Maria in ihrer einzigartigen Stellung noch angemessen wahrgenommen würde.
Ein Herzensanliegen von Papst Paul VI.
Schon als Kardinal hatte sich Giovanni B. Montini 1962 in der Theologischen Kommission ausdrücklich für die Verwendung des Titels „Mater Ecclesiae“ ausgesprochen. Als Papst Paul VI. ermutigte er in der Schlussansprache der zweiten Sessio am 4. Dezember 1963 ausdrücklich die Konzilsväter, Maria den Muttertitel für die Kirche zuzuerkennen.
Auf der dritten Sessio wurde im September 1964 die Marienlehre diskutiert, die nun als Schlusskapitel von „Lumen Gentium“ den Titel „Die selige Jungfrau im Geheimnis Christi und der Kirche“ trug. Gestrichen hatte man den Titel „Über die selige jungfräuliche Gottesmutter Maria, die Mutter der Kirche“. Er fand keine Aufnahme mehr, obwohl über zweihundert Bischöfe dafür plädierten, darunter Erzbischof Karol Woityla. Der Verzicht wurde mit ökumenischer Rücksichtnahme begründet und fand eine Mehrheit.
Paul VI. zeigte sich unbeeindruckt davon, dass man seinem Wunsch nicht entsprochen hatte, und proklamierte am 21. November 1964 bei der Approbation von „Lumen gentium“ den gewünschten Marientitel: „Zur Ehre der seligen Jungfrau und zu unserem Troste erklären Wir Maria zur Mutter der Kirche, das heißt des ganzen christlichen Volkes, der Gläubigen sowohl wie der Hirten, die sie ja als ihre liebste Mutter bezeichnen. Zugleich wünschen Wir, dass nun das ganze christliche Volk der Gottesmutter unter diesem Namen noch mehr Ehre erweise und sich im Gebet an sie wende.“
Applaus unterbrach die Proklamation, der von jenen Bischöfen kam, die in ihr eine gewisse Rehabilitation der Gottesmutter auf dem Konzil sahen. Verhaltener war der Applaus derer, die darin eine diplomatische Geste des Ausgleichs sahen.
Paul VI. verwendete den Titel in den folgenden Jahren bei Ansprachen und Veröffentlichungen. Er fand in Spanien und Italien weite Verbreitung, in Polen und Kroatien wurde ein Fest „Mater Ecclesiae“ eingeführt.
Die Tatsache, dass seit 1978 Johannes Paul II. den Titel oft aufgreift, ihn sogar in großen Lettern am Vatikanpalast anbringen und das neuerrichtete Kloster im Vatikangarten gleichermaßen benennen ließ, machte wenig Eindruck auf die Theologie nördlich der Alpen. Lediglich der Karmelorden benannte eine Neugründung in Speyer 1983 nach der „Mutter der Kirche“. Bis heute haftet der Proklamation von 1964 der Ruch eines bloß päpstlichen Machtwortes an, wird auf die Ablehnung des Konzils verwiesen, wenn der Titel nicht überhaupt ignoriert wird.
Die mittelalterliche Theologie hatte den Gedanken ausformuliert, dass Maria in einem Mutterverhältnis zur Kirche steht, gründend auf der patristischen Rede von ihrer allgemeinen geistlichen Mutterschaft. Seit dem Hochmittelalter wurde der Titel „Mutter der Kirche“ immer wieder verwendet, doch weder unter Theologen noch im Kirchenvolk ist er populär geworden. Das „Mater ecclesiae“ findet sich erstmals bei einem mittelalterlichen Benediktiner namens Berengaudus, ebenso bei Dionysius dem Kartäuser, Petrus Canisius, Jean-Jacques Olier und Mathias J. Scheeben. Rupert von Deutz spricht in seinem Hohelied-Kommentar von der „Mater ecclesiarum“. Mit Benedikt XIV. hat 1748 erstmals ein Papst in Maria ausdrücklich die Mutter der Kirche gesehen: „Catholica Ecclesia ... et tamquam amantissimam Matrem ... semper professa est.“ Leo XIII. sprach 1895 von der „Maria verissima ecclesiae mater“, Johannes XXIII. von der „Madre della Chiesa“ und „Madre del corpo mistico“; die Pius-Päpste haben oft die geistliche Mutterschaft Mariens für die Gläubigen herausgestellt.
Scheeben dürfte das „Mater Ecclesiae“ von der Marienlehre des Petrus Canisius her aufgegriffen haben; durch die Relecture der Scheebenschen Dogmatik seit den 1930-er Jahren wurde der Titel geläufig, wie ein Blick in die Mariologie von Michael Schmaus (1955) oder die Studie von Alois Müller (1951) zeigt.
Es blieb aber ein gewisser Widerstand gegen die Verwendung des Titel „Mutter der Kirche“. Das Verhältnis von Maria zu Christus und der Kirche präzise zu formulieren, erscheint als schwierig, wohl auch, da die Mariologie mit Analogien und Bildern arbeitet. Dies setzt Verstehenshorizonte voraus, die nicht nur dem protestantischen Denken fremd geworden sind.
Karl Rahner hält den Mater-Ecclesiae-Titel im „Kleinen Konzilskompendium“ für mehrdeutig, aber korrekt verstehbar. Diese bis heute währende Unsicherheit rührt auch von der eher weiten als präzisen Darlegung im Marienkapitel „Lumen Gentium“ VIII her. Doch es ist legitim, das „Mater Ecclesiae“ als dessen Zielpunkt zu werten, als treffender Titel, der das Dreiecksverhältnis Christus – Maria – Kirche zusammenfasst und die besondere Verbundenheit Mariens mit der Kirche herausstellt, ohne ihre einzigartige Position hinsichtlich des Christusereignisses unterzubelichten.
Einst hat das Ephesinum (431) den nicht weniger missverständlichen Titel „Theotokos“ (Gottesgebärerin) proklamiert: Maria als die Mutter Gottes! In Ephesus unterstrich das Konzil den göttlichen Anspruch der ganzen Person Christi und ehrte somit auch die Herrenmutter. Das Zweite Vatikanum hatte nicht den Mut, Maria als Mutter der Kirche zu qualifizieren, obwohl das „Mater Ecclesiae“ letztlich ebenso eine christologische Aussage ist wie der Theotokos-Titel. Papst Paul VI. erkannte diese Bedeutung und ehrte Maria durch die theologisch tiefsinnige Aussage.
Theologische Abgrenzung und Erklärung
Maria hat keine göttliche Potenz, weder Christus noch der Kirche gegenüber. Sie bringt diese zur Welt, ist aber nicht ihr eigentlicher Ursprung. Christus selbst hat die Kirche gestiftet als Gemeinschaft der Erlösten. Von dieser Kirche spricht Paulus bildhaft als Leib, dessen Haupt Jesus ist. Diese Differenzierung ermöglicht die Zusammenschau von organischer Verbundenheit der Getauften mit Christus einerseits und der Erhabenheit Christi andererseits.
Die Vorstellung vom „Corpus Christi mysticum“ hat zwar Akzentverschiebungen erfahren, bleibt aber tauglich für die Verhältnis-Beschreibung von Kirche und Christus. Pius XII. hat in seiner Enyzklika „Mystici corporis“ (1943) eine Ekklesiologie skizziert, die dieses paulinische Bild auslegt. Maria ist dabei die Mutter aller Glieder des mystischen Leibes. Wie man die Gesamtheit der Gläubigen als Kirche im Sinne des Leibes Christi ansprechen kann, so auch Maria als Mutter dieser Kirche. Dabei ist sie selbst Tochter der Kirche, wie Augustinus betont.
Ihr Verhältnis zur Kirche bestimmt sich jedoch nicht nur über diesen Gedankengang. So war seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert der Gedanke des Ambrosius von Maria als „Typos“ neu herausgestellt worden und ist als „Urbild der Kirche“ in den Konzilstext eingegangen (LG 53). Dazu gehört eine Theologie, die den Bund zwischen Gott und dem erlösungsbedürftigen Menschen entfaltet. Denn die leibliche Mutterschaft Mariens ist begründet in ihrem gläubigen Ja, welches sie als „Braut Christi“ spricht, was Scheeben die „Bräutliche Gottesmutterschaft“ nennt. Weil sie den Ungehorsam Evas in ihrer Zustimmung rekapituliert (Irenäus), kann Maria als „Neue Eva“ zur eigentlichen „Mutter aller Lebenden“ werden. Sie repräsentiert in der Verkündigung die Menschheit (Thomas von Aquin), sie ist der „Heilige Rest“, die „Tochter Zion“ (Kardinal Ratzinger), verbindet Israel mit der Kirche.
In Maria sehen wir die gnadenhafte Erwählung – sie ist die Immaculata, die vor der Erbschuld Bewahrte. So spricht sie in ihrer rezeptiven Rolle das Ja zur Erlösung, welche Gott als Bundesgeschehen verwirklicht. Sie ist die „Kirche im Ursprung“ (Hans Urs von Balthasar), deren personale Urform. Die Kirche schaut in ihr „wie in einem reinen Bild mit Freuden an, was sie ganz zu sein wünscht und hofft“ (SC 103) . Ebenso rein und jungfräulich wie Maria, allein Gott gehorchend, will die Kirche Mutter sein – in der Taufe bringt sie Christi Glieder zur Welt. Scheeben spricht von einer Perichorese zwischen Kirche und Maria, einem wechselseitigen Ineinander.
Das „Voraus“ Mariens hinsichtlich der Kirche
Es bleibt eine Differenz: Maria ist nicht in der Kirche aufgegangen! Sie hat nicht nur Vorbild- und Verheißungscharakter, sondern einen bleibenden, mütterlichen Anteil am Heilswerk Christi. Sie war die „Kirche im Ursprung“, als sie Gottes Wort empfing. Sie ist als Person „Tempel des Heiligen Geistes“, „Tochter des Vaters“ und „Mutter“ und „Braut“ des Sohnes. Mit Leib und Seele ist sie bereits vollendet – ihr „eschatologisches Voraus“. Daher ist es unangebracht, Maria einseitig als Tochter der Kirche und Schwester im Glauben einzugrenzen. Der „Personalcharakter“ ist das eine, die Vollendung das andere, was Maria der Kirche voraus hat. Das kann der Titel „Mutter der Kirche“ zum Ausdruck bringen: Sie gehört zu und in die Kirche, ohne mit ihr identisch zu sein. „Herz der Kirche“ nennt sie Scheeben auch.
Wie Maria „durch ein unzerreißbares Band“ (SC 103) mit ihrem Sohn verbunden ist, so auch mit dessen Heilswerk, welches sein geschichtliches Konkretum in der Kirche hat. Maria ist die Mutter: für Christus, für die Kirche. Dabei ist sie als Ersterlöste selbst Glied der Kirche. Katholische Theologie vermag die Heilsgeheimnisse nicht ohne polare Bilder auszudrücken, oft muss sie Gottes Wirken in der Welt als „Coincidentia oppositorum“ (Nikolaus von Kues) darstellen, als das Einende von scheinbar Unvereinbarem. Wer diese katholische Denkweise nicht mitvollzieht, kann kaum die Rede von der Jungfrau-Mutter Maria annehmen, der versteht das „Mater Ecclesiae“ nicht. Doch die doppelte Rede von Maria als Mutter Gottes und der Kirche vermag eines klar auszudrücken: Christus, der Sohn Gottes, ist untrennbar mit der Kirche verbunden.
Das Zweite Vatikanum hat in „Lumen Gentium“ VIII die Beziehungseinheit von Christus – Maria – Kirche dargelegt, Paul VI. hat diesen Zusammenhang im Titel „Mutter der Kirche“ zusammengefasst. Kann Maria nicht heute, vierzig Jahre nach der Proklamation der „Mater Ecclesiae“ und in Zeiten starker zentrifugaler Kräfte, auch im deutschen Sprachbereich ohne Ressentiment als „Mutter der Kirche“ angesprochen werden, um zusammenzuhalten, was zusammengehört: Christus, Maria, Kirche? Um den strittigen Titel theologisch annehmen zu können, wäre es nötig, ohne Abstriche die Lehre von der Unbefleckt Empfangenen und ihrer Aufnahme in den Himmel zu rezipieren, da diese die sichere Basis des durch das Zweite Vatikanum dargelegten Mariengeheimnisses ist.
Die Kirche in Polen hat den Pfingstmontag mit einem Fest „Maria, Mutter der Kirche“ verbunden. Denn an Pfingsten wurde die Kirche geboren, die in Maria durch die Überschattung des Heiligen Geistes begonnen hat. Was die ökumenische Verantwortung angeht, so hat der angesehene protestantische Theologe Ulrich Wilckens vor einigen Jahren notiert, dass das Wort Jesu auf Golgotha für Maria den Titel „Mutter der Kirche“ rechtfertige.