| Die Achillesferse der Katholiken |
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| Von Professor Klaus Berger | |
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Viel Hysterie, wenig Erkenntnisgewinn ? Ein Diskussionsbeitrag zum Streit um die Piusbruderschaft ![]() Einzug der Konzilsväter in Sankt Peter. ? In hitzigen Debatten wird der Begriff ?vorkonziliar? rasch zur theologischen Killerfloskel. Das ist taktisch wirkungsvoll, inhaltlich aber katastrophal. Wer so spricht, schneidet die Kirche von ihrer eigenen Geschichte ab. Foto: dpa In Mannheim war in diesen Februar-Tagen des Jahres 2009 die Empörung über den Vatikan so groß, dass die Patres der Jesuiten eine Telefon-Hotline einrichten mussten, um den Sturm der wildgewordenen Massen auch nur halbwegs zu beruhigen. Selbst eingeborene Mannheimer können sich an eine derartige Massen-Erregung in den letzten sechzig Jahren nicht erinnern. Ohne zu bewerten oder nach Schuldigen zu fahnden, darf man dieses Phänomen klinisch als Hysterie bezeichnen. Dann aber geht es um tiefere, nicht nur tagespolitische Ursachen. Die eine Ursache liegt in der schier unbewältigten Nazi-Vergangenheit Deutschlands. Ich habe schon vor Jahren (in meinem Artikel ?Der Dritte im Bunde?, FAZ 1999) angemahnt, diese psychische und damit auch längst politische Krise lasse sich nur religiös angehen ? der Dritte im Bunde ist Gott ? oder dieses Land würde über Generationen zu keiner auch nur halbwegs ?diskutablen? und nicht krankhaften Einstellung finden. Da man aber ein religiöses Gespräch über das Thema verweigert, bleibt nur der fatale Ausweg, den Schuldigen anderswo zu suchen, am besten jenseits der Alpen. ?Für viele jüngere Theologen (auch Professoren) besteht die theologische Bildung fast ausschließlich aus Konzilszitaten, als habe es vorher keine katholische Theologie gegeben? Früher war das Pius XII. Genau in dem Augenblick, in dem die Dokumente eine solche Schuldzuteilung nicht mehr zulassen, fand man nun einen neuen Papst. Wurde er nicht im Rahmen der allerneuesten Diskussion wieder als Hitlerjunge abgebildet? Die zweite Ursache der Hysterie liegt in der unbewältigten konziliaren Wende und in der Art, in der man über vorkonziliare Zeiten in der Kirche redet. Vorkonziliar gilt durchweg als Schimpfwort. Soll man nun alles an den Zeiten schlecht finden, in denen die Menschen ?noch sonntags zur Kirche gingen und noch wussten, was katholisch ist?? Es besteht der grundlegende Verdacht, eine in der Regel von keinem Seelsorger geklärte Frage, ob man nicht wie bei ?Hans im Glück? irgendetwas Kostbares unwiederbringlich aufgegeben hat. Diese Seelenlage gibt es bei sehr alten, sehr frommen und recht jungen Menschen. Wie gesagt, ich kann hier nicht bewerten, sondern stoße nur immer wieder auf einen unabgeklärten Verdacht. Für viele jüngere Theologen (auch Professoren) besteht die theologische Bildung fast ausschließlich aus Konzilszitaten, als habe es vorher keine katholische Theologie gegeben. Was aus dieser doppelt begründeten Hysterie folgt, lässt sich am 10. Februar im Meinungsteil der ?Süddeutschen? nachlesen. Die Pius-Bruderschaft macht man haftbar für ?Dogmen und Unfehlbarkeits-Phantasien?, ja für die Unmöglichkeit einer Aussöhnung mit den Juden, solange diese sich nicht bekehren. Was hier geschieht ist schlicht folgendes: In der genannten Bruderschaft kann man endlich alles das ?erschlagen? und alles das endgültig entsorgen, was in der langen Geschichte der Kirche bislang differenziert und kenntnisreich erörtert worden war. In dem Wort ?Dogmen? nennt man eines der unbeliebtesten Dinge auf Erden. Denn Dogmen sind, das hat jeder zu assoziieren, starr, verstaubt, lebensfeindlich und grenzen andere aus. Und die ?Unfehlbarkeits-Phantasien? beziehen sich auf das in Deutschland besonders hart umkämpfte Dogma des Ersten Vatikanums. In den jüngsten Kommunikationspannen des Vatikans sahen viele endlich die ersehnte Widerlegung des Dogmas von der Unfehlbarkeit, welches sich doch auf den höchst seltenen Vorgang des Redens des Papstes ?ex cathedra? über Glaube oder Moral bezieht. Und für das seit dem Apostel Paulus, ja seit Jesus selbst sehr differenzierte Problem einer möglichen Versöhnung von Christen und nicht-christlichen Juden ist weder der Vatikan noch die Kirche als Dogmengebäude verantwortlich zu machen. Gott ist der Dritte im Bunde. Sagt es Ihm! Der allem Dogmatismus nun wirklich unverdächtige Jude H. M. Broder hat es neulich in einer Gesprächsrunde angedeutet: Er wisse nicht, was genau eigentlich in christlich-jüdischen Gesprächsrunden besprochen würde. Ich kenne nicht wenige Juden, die mir erklären, sie hätten derartige Gespräche ?einfach nicht nötig?. Damit keine Missverständnisse entstehen: Mit jüdischen Freunden rede ich gern, und sie tun es, glaube ich, auch mit mir. Aber wir können es auch aushalten, wenn Schweigen entsteht, wo wir an die Grenzen kommen. Wo genau die Grenzen liegen, das herauszufinden lohnt sich schon. Aber keiner der Gesprächsteilnehmer würde das als ?Aussöhnung von Judentum und Christentum? bezeichnen, das wäre Anmaßung und Aneignung von Gottes Privilegien. Es ist wahr, dass der himmlische Vater durch das Kreuz alle Menschen mit sich versöhnt hat. Aber zur Versöhnung gehören immer zwei. Für diejenigen Juden, die die Versöhnung durch des Kreuz noch nicht angenommen haben, die der Herrgott für sie und für alle geschaffen hat, gilt nach wie vor der Ruf des Apostels: Lasst euch versöhnen mit Gott. ? Was der Herrgott dazu tun könnte und inwiefern er auch hier weiter im Spiel bleibt, sagt gleichfalls der Apostel: Gott wird auf dem Sion erscheinen, und das wird Annehmen der Versöhnung sein. Gott wird endgültig die Annahme der Versöhnung unausweichlich machen. Fazit: Auch das Thema Judenmission ist nicht ohne Gott zu erörtern. Lassen wir es nicht zur kirchenpolitischen Totschlagswaffe werden. Wie die ganze Last katholischer Vergangenheit auf der genannten Bruderschaft zusammengezogen wird, zeigt eine kleine Bemerkung der ?Süddeutschen Zeitung? vom 4. Februar: Ein Gottesdienst (die Messfeier am 2. Februar) der Bruderschaft bestehe wesentlich aus einer Mischung von Pracht und ?Magie?. Ich habe zweimal gelesen: ?Magie? ? das war der Vorwurf aller Aufklärer gegen alle Sakramente aller Konfessionen. Jetzt gilt dieses Wort hier ganz neu und ganz vertraut. Fazit unserer Beobachtungen: Die gesamte katholische Vergangenheit, alle Volksfrömmigkeit, elementare Gesten wie die Tonsur meint man ganz einfach endgültig anzuschwärzen, wenn man es zum Attribut der Bruderschaft macht. Unter vulgärem Modernismus verstehe ich die Reduzierung katholischer Theologie auf Fetzen aus Konzilstexten, die geistlose Abschaffung katholischer gewachsener Volksfrömmigkeit und den Verfall der Kenntnisse der eigenen Grundsätze. Mustergültig äußert sich das in den drei Forderungen: Aufhebung des Zölibats, Priesterweihe von Frauen und Zulassung der Interkommunion sofort. Theologische Seichtheit verbindet sich mit ungeprüft übernommenen Elementen aus dem liberalen Protestantismus und grundständiger Papstkritik. ?Vulgärer Modernismus ist die Weise, in der das Konzil vielfach missverstanden und mit der Erlaubnis zur theologischen Dummheit verwechselt wurde? Die jüngsten Ereignisse bedeuten für diese Richtung in der katholischen Kirche Deutschlands eine erhebliche Stärkung: Es ist gelungen, die nicht-modernistische Richtung in die Nähe des Antisemitismus zu rücken. Es ist erneut gelungen, traditionellen Katholizismus als vor-aufklärerisch zu brandmarken, damit aber als intolerant und unfähig, dem Pluralismus zu begegnen. Dabei gilt die Aufklärung als die grundlegende Heilswende der Menschheit; irgendein Bedürfnis, endlich einmal über die Intoleranz der Aufklärung aufzuklären, besteht nicht. Durch die Verwendung des Wortes ?vorkonziliar? ist es gelungen, die katholische Kirche von ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Wurzeln abzuschneiden. Dass dieses die geistliche Heimatlosigkeit zur Folge hatte, ist gut bekannt. Dieser Vorgang kommt jetzt durch die entstandene Massenhysterie in eine entscheidende zweite Phase. Vulgärer Modernismus ist die Weise, in der das Konzil vielfach missverstanden und mit der Erlaubnis zur theologischen Dummheit verwechselt wurde: Keine Latein mehr, keine Kirchengeschichte mehr, keine Dogmen mehr, leider sehr häufig nur noch Kindergarten für Erwachsene. Die jetzige Situation zeigt nur dieses: Das ungeklärte Verhältnis zur vorkonziliaren Tradition ist die Achillesferse der Katholiken. Denn es rührt an die Identität. Das Heilmittel gegen diesen nun fortgeschrittenen Verfall ist die längst fällige Wiederentdeckung der Schätze von Liturgie, Theologie und Spiritualität in der gesamten Geschichte der Kirche, das Zweite Vatikanum inbegriffen. |


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