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?Das Menschenbild muss der Wahrheit verpflichtet sein? Drucken E-Mail
Von Markus Reder   
Sozialbischof Reinhard Marx ruft dazu auf, sich gründlich mit der neuen Enzyklika zu befassen – Nur dann kann der Text Langzeitwirkung haben
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Erzbischof Reinhard Marx. Foto: dpa

Was lautet die zentrale Botschaft der neuen Enzyklika von Papst Benedikt?

„Caritas in veritate“ ist ein moralisches Ausrufezeichen inmitten der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die ja auch eine Sinnkrise ist. Die Enzyklika kommt gerade zur rechten Zeit. Zugleich ist sie kein Jammerbrief über die Schlechtigkeit der Welt, sondern ein zutiefst ermutigendes Wort, für das wir dem Papst dankbar sein dürfen. Die Enzyklika ermutigt alle Menschen, die Globalisierung gerecht zu gestalten. Grundlage dafür ist eine universale „Liebe in der Wahrheit“.

Welchen Stellenwert hat dieses Dokument im Blick auf die große Tradition der Sozialverkündigung der Kirche. Wird mit „Caritas in veritate“ ein neuer Aspekt angesprochen? Oder geht es darum, die zentralen Aussagen der Soziallehre zu bekräftigen?

Beides! Die Enzyklika bekräftigt die Lehre der Kirche und weist auf neue Herausforderungen hin, wie etwa den notwendigen subsidiären Aufbau einer verbindlich handelnden Weltautorität. Die Enzyklika steht in der großen Tradition der Sozialenzykliken der Kirche, die das Denken und Handeln nicht nur der Christen, sondern aller Menschen guten Willens anregen wollten und wollen. Direkte politische Programme sind Enzykliken ja nie gewesen, aber sie wollen Politik und Wissenschaft beeinflussen. Papst Benedikt XVI. hat uns die Richtung für die Gestaltung der Gesellschaft und das weltweite Zusammenleben gezeigt. Wir werden diese Richtungsanzeige nun in die politische Diskussion einbringen und konkret im Einzelfall ausgestalten, was die Enzyklika vorgibt.

Der Papst legt großen Wert darauf, seine sozialethischen Aussagen in einen anthropologischen Rahmen einzuordnen. Warum ist das so wichtig?

Der Mensch muss immer im Zentrum aller Überlegungen stehen. Gerade die Wirtschafts- und Finanzkrise zeigt, dass dies oft vergessen wurde. Der Papst betont deshalb, dass das Menschenbild der Wahrheit verpflichtet sein muss. Eine relativistische Sicht reicht zum nachhaltigen Aufbau einer Ordnung des Zusammenlebens aller Menschen nicht aus. Sie verstärkt die Krise!

Verurteilt dieses Dokument den Kapitalismus?

Auch hier steht es ganz in der Tradition der Soziallehre, besonders der Enzyklika „Centesimus annus“ von Johannes Paul II. Äußerst differenziert stellt die Enzyklika dar, dass jede Form des ungezügelten Materialismus problematisch ist – das gilt für den Marxismus wie für einen ungebremsten Kapitalismus. Der Papst lehnt Märkte nicht ab, aber er plädiert für ein neues Justieren des Verhältnisses von Staat, Markt und Zivilgesellschaft. In gewisser Weise entspricht das der Forderung nach einer globalen Sozialen Marktwirtschaft, auch wenn er den Begriff nicht benutzt.

Welchen Einfluss kann eine päpstliche Enzyklika auf die Diskussion um eine neue Weltwirtschafts- und Weltfinanzordnung haben?

Das Schreiben gibt der Diskussion um eine gerechte Weltordnung Rückenwind. Wir brauchen verbindliche Spielregeln, einen neuen Ordnungsrahmen für die Weltwirtschaft. Dabei geht es nicht um neue Institutionen: Wir haben etwa die UNO, die Welthandelsorganisation WTO und die Weltarbeitsorganisation ILO. Diese bestehenden Einrichtungen müssen gestärkt und ihre Zusammenarbeit verbindlicher geregelt werden. Beispielsweise könnten WTO und ILO verbindliche, weltweite Arbeitsstandards festsetzen und dann auch durchsetzen. Das gilt besonders auch für eine vom Hl. Vater geforderte neue Struktur der weltweiten Finanzmärkte.

Schwer vorstellbar, dass in den Banken und an den Börsen jetzt überall das neue Dokument des Papstes studiert wird. Was muss geschehen, damit die Impulse, die von diesem Text ausgehen, dort ankommen, wo Veränderung notwendig ist?

Eine Enzyklika ist ja auch nicht als Bettlektüre für Manager und Börsenmakler konzipiert, obwohl es sicher nicht schaden würde. Wir alle in der Kirche haben die große Aufgabe, die berechtigten und richtigen Anliegen des Heiligen Vaters in die Öffentlichkeit zu transportieren, sie zu vermitteln, weiter auszudeuten und eine gerechtere Welt einzufordern. Die Enzyklika ist ein wichtiger Beitrag für die aktuelle Debatte, die wir Christen offensiv mitprägen sollten. Für katholische Christen in Politik und Wirtschaft ist sie eine verbindliche lehramtliche Richtungsanzeige. Aber sie soll auch Langzeitwirkung haben. Deshalb sollten wir uns nun gründlich mit dem Text beschäftigen und ihn aufbereiten für die Praxis. Ich habe deshalb für Oktober eine Tagung an der Katholischen Universität Eichstätt angeregt, bei der wir uns wissenschaftlich mit der Enzyklika beschäftigen.

 
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