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?Mein musikalisches Credo liegt im Dialog von Altem und Neuem? Drucken E-Mail
Von Hendrik ter Mits   
Ansgar Wallenhorst gibt der Orgelmusik als Interpret und Festivalchef neuen Schwung

Choräle spielen, während die Gottesdienst-Gemeinde schleppend hinterhersingt, bei Solokonzerten in düsteren Kirchen auf der Empore verschwinden ? lange Zeit galten Organisten als die Stiefkinder unter den Musikern. Mittlerweile hat sich einiges getan: Harald Schmidt tritt aus Benefizgründen regelmäßig als Organist auf, mobile Spieltische erlauben hautnahe Orgelauftritte und in vielen deutschen Konzertsälen sind in den vergangenen Jahren hervorragende Orgeln entstanden. Einen Beitrag dazu, der Orgel in der Musikwelt einen ihr gebührenden Platz zu erringen, leisten junge Orgel-Stars wie Iveta Apkalna aus Lettland: Vor drei Jahren gewann sie den renommiertesten Musikpreis in Europa, den ECHO?Klassik, in der Kategorie ?Instrumentalistin des Jahres? zusammen mit Anne-Sophie Mutter und Hélène Grimaud. Auch der gebürtige Niederrheiner Ansgar Wallenhorst hat sich beim Publikum als Organist und Improvisationskünstler einen Namen gemacht und im Jahr 2000 den ältesten europäischen Orgelwettstreit, den Improvisations-Concours von Haarlem gewonnen, in dessen Jury er in diesem Sommer sitzt. Was ihn nicht davon abhält, sich zusätzlich auch noch als Festival-Manager zu betätigen ? an der Kirche St. Peter und Paul in Ratingen, wo der 40-Jährige als Kantor und Leiter der neugegründeten ?Orgelwelten? arbeitet.

Ob Martin Baker von der Westminster Cathedral in London, ob Olivier Latry von Notre-Dame oder der Grandseigneur der Pariser Orgelszene, Jean Guillou ? sie alle lädt Wallenhorst zum Konzertieren in das beschaulich schöne Städtchen im Herzen der Metropol-Region Rhein-Ruhr ein. Interpreten aus 17 Nationen waren in den nunmehr zehn Spielzeiten in Ratingen auf Video-Leinwand in der Kirche oder gar auf dem Kirchplatz live zu erleben. Dazu spricht Wallenhorst in den Pausen charmant und fachkundig über die aufgeführten Werke oder wechselt vom Mikrophon zum Emporen-Spieltisch seiner klangschönen Seifert-Orgel. ?Organistival? nennt er das Ratinger Festival von Ostern bis zum Advent, denn nicht die Orgel oder bestimmte Stilpräferenzen stehen im Vordergrund, sondern Organisten aus aller Welt als Fackelträger einer großen Tradition. Mit seinen programmatisch und musikpädagogisch wohl überlegten Aktivitäten rund um die Ratinger Orgel verbindet Wallenhorst die Einladung, ?die Alltagswelt gegen musikalisches Neuland einzutauschen und eine andere Wirklichkeit zu erleben?.

Welche Wirklichkeit er damit meint, daran lässt Wallenhorst, der neben seinem Musikstudium in Würzburg und Paris auch das Studium der Katholischen Theologie absolvierte, keinen Zweifel: ?Mein musikalisches Credo liegt im Dialog von Altem und Neuem; eine Begegnung, die im Sinne des französischen Synonyms ,rencontre? etwas vom Zuhörer fordert, ihn herausführt in eine Erfahrung des ,Gegenüber?, der Andersheit, von der Philosoph Emanuel Levinas spricht. Der Hörer bleibt nicht bei sich selbst ? das wäre ein Bewegung im Kreis wie die des Odysseus!? Gerade weil die Kirchenmusik streng eingeordnet sei in den Verkündigungsauftrag der Kirche, könne und müsse sie manchmal auch unbequem sein, dürfe sie ?die Seelen nicht nur streicheln?. Was nicht bedeutet, dass Wallenhorst ein ?enfant terrible? liturgischer Feiern ist. Im Gegenteil: Erst neulich hat er sich bei einer Podiumsdiskussion auf dem Katholikentag (vgl. DT vom 27. Mai 2008) für bewussteres Schöpfen aus der Fülle der Tradition beim Feiern der heiligen Messe ausgesprochen, eine einseitig rationale Fixierung kritisiert. ?Wenn die Liturgie ? häufig aus katechetisch-pastoralen Erwägungen ? in die Alltagswelt, deren Sprache und Musik eingeebnet wird, bleibt das Geheimnis des Glaubens auf der Strecke. Liturgie muss zuerst als Dienst Gottes am Menschen erfahrbar werden ? das geht nicht ohne die Erfahrung von Fremdheit. Der bilderlose und zugleich menschgewordene Gott will mit allen Sinnen erspürt werden. Das ist das gut katholische Paradox und eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für die Musik in der Liturgie!?

Eine Berührung von Ästhetik und Spiritualität wird nicht nur beim Messiaen-Abend des Kölner Domorganisten Prof. Winfried Bönig im September, sondern auch am 5. Juli erlebbar sein, wenn Iveta Apkalna als Gast der ?Orgelwelten? in Ratingen auftritt. Mit Werken von Alain, Bizet, Franck, Kalejs und Widor. ?Iveta ist eine beeindruckende Künstlerin, deren Ausstrahlung und Musizieren so intensiv ist wie ihr Engagement für die Orgelkultur?, schwärmt Wallenhorst, der wiederholt im Konzerthaus Dortmund zusammen mit ihr aufgetreten ist. Zum eigenen Konzertieren hebt Wallenhorst dank des nahen Düsseldorfer Flughafens neben seinen Verpflichtungen in Ratingen als einem der Kirchenmusikzentren im Erzbistum Köln gerne mal ab: An New Yorks erster Orgelmusikadresse, der St. Thomas Church, konzertierte er im vergangenen Oktober nach ?Lectures? und Arbeit mit Studenten in Princeton. Fast alle europäischen Länder hat er als Organist bereist. Nun steht zum ersten Mal Polen auf dem Konzertkalender: Am Sanktuarium zu Ehren des Franziskanermönchs Maximilian Kolbe in Niepokalanow spielt er zum Hochfest am 15. August ein marianisches Programm zu Texten Maximilians. ?Vor dem Rückflug nach Frankreich?, hofft Wallenhorst scherzhaft ?ist vielleicht noch Zeit für eine Dankmesse für Lukas Podolski?.

 

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