| Die Kirche vor der Herausforderung eines neuen, missionarischen Atheismus ? Eine aufschlussreiche Reaktion auf den DT-Beitrag ?Aufstieg zur Weltdoktrin? Gott sei Dank, ich bin Atheist |
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| Dr. Bernd Vowinkel, Physiker, 53125 Bonn | |
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Zum Artikel ?Aufstieg zur neuen Weltdoktrin? von Alexander Kissler (DT vom 29. Dezember): Ich bin Mitglied des Förderkreises der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs). Der folgende Text stellt meine Privatmeinung dar. Er ist aber im internen Forum der gbs zustimmend zur Kenntnis genommen worden und ich vermute, dass er weitgehend der Meinung der anderen Mitglieder entspricht. Einige Mitglieder haben den Text ergänzt und verbessert. Die gbs tritt generell für die Religionsfreiheit ein. Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, den Schaden, den die Religionen in unserer Gesellschaft anrichten, zu reduzieren bzw. ganz zu verhindern. Dies wird als eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Vertretern der großen Religionsgemeinschaften und dem Staat verstanden, wobei der Respekt vor den jeweiligen Personen gewahrt wird. Dies war und ist in der umgekehrten Richtung nicht immer der Fall. Das für die gbs Positive an Ihrem Artikel ist zunächst einmal, dass die gbs als eine der im deutschsprachigen Raum führende Organisation der Atheisten angeführt wird. Weiterhin ist richtig, dass wir für ein liberales Abtreibungsrecht, für aktive Sterbehilfe und für Stammzellenforschung sind. Wir bekennen uns mit Stolz zum Utilitarismus, denn er ist eine Geisteshaltung, bei der der Verstand im Vordergrund steht. Statt den Menschen ein Seelenheil im Jenseits zu versprechen, halten wir es für erheblich sinnvoller und ehrlicher, größtmögliches Glück für Alle im Diesseits anzustreben. Vom Dalai Lama halten wir genauso wenig wie Sie, wenn auch zum Teil aus anderen Gründen. Seine von Vielen so hoch gepriesenen Weisheiten sind Banalitäten oder einfach nur populistisches dummes Zeug. Sie greifen besonders die Naturwissenschaftler an, weil die für ihre Thesen experimentelle Beweise anführen, die als absolut wahr angesehen werden. Nach Ihrer Vorstellung gibt es aber darüber hinaus noch andere Wahrheiten die sich den Naturwissenschaften entziehen. Wir sind hier bei dem generellen Vorwurf, den ein Teil der Philosophen und alle Theologen den Naturwissenschaftlern machen, nämlich dass sie einem Kategorienfehler unterliegen, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen, die in den Bereich der Geisteswissenschaften fallen. Dinge wie freier Wille, Seele, Geist-Körper-Problem, Gefühle gehen die Naturwissenschaften nichts an, weil sie in eine andere Ebene der Wirklichkeit gehören und sich daher mit den Methoden der Naturwissenschaften nicht erfassen lassen. Als Naturwissenschaftler frage ich mich da, ob es wohl verschiedene Wirklichkeiten (oder Wahrheiten) geben kann und wie man eventuell Zugang zu einer anderen Wirklichkeit erhält. Die Geschichte der Naturwissenschaften hat aber gezeigt, dass häufig als mystisch angesehene Vorgänge nach eingehender Forschung eben doch naturwissenschaftlich erklärt werden konnten. Ein Musterbeispiel ist der Vitalismus, der bis Mitte des letzten Jahrhunderts noch viele Anhänger hatte. Die moderne Genetik hat diese Lehre als groben Unfug entlarvt. Die Evolutionstheorie wird mittlerweile selbst vom Vatikan anerkannt, zwar nicht aus Einsicht, sondern weil der Druck der Fakten einfach zu groß wurde und man nicht zu dumm dastehen wollte. Was die Entstehung unserer Welt angeht, so hat sich inzwischen die Urknalltheorie erhärtet. Der Vatikan sieht nun notgedrungen im Urknall den Schöpfungsakt. Obwohl die Entstehung unserer Welt noch nicht restlos geklärt ist, kann man schon jetzt sagen, dass die Physiker keinen Gott brauchen, um den Vorgang zu erklären. Es zeigt sich immer mehr, wie wahr die Worte des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker sind: ?Die Physik ist der harte Kern der Wirklichkeit?. Sie schreiben: ?Die Hermeneutik des Wissens, wie sie ein Dilthey oder ein Habermas noch betrieben, wird kaltgestellt zugunsten einer reichlich unaufgeklärten Hinnahme beliebiger Forschungsergebnisse?. Dazu ist zu sagen, dass Naturwissenschaftler die einzelnen Forschungsergebnisse nicht als beliebig ansehen, sondern es ist gerade die Hauptaufgabe der Naturwissenschaft, hinter den einzelnen Ergebnissen den größeren Gesamtzusammenhang herauszufinden. So ist bereits in der Physik die Vereinheitlichung von 3 der 4 grundlegenden Naturkräfte gelungen, was zu einer tieferen Einsicht in die Natur geführt hat. Gelingt auch noch die Einbeziehung der Gravitationskraft, so wären wir vermutlich in der Lage, die Physik der Welt von Anfang bis zum Ende zu verstehen. Der von Ihnen erwähnte Dilthey schrieb: ?Die Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft, umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat, bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften?. Dieser Gegenstand kann heute aus der Sicht der Naturwissenschaft als ?Information im weitesten Sinne? subsummiert werden. In einem modernen Weltbild wie z.B. dem nichtreduktionistischen Physikalismus ist dies ein Teil der Welt und wird damit nicht mehr ausgegrenzt (wie im reinen Materialismus). Insofern kann hier nicht mehr behauptet werden, dass sich Naturwissenschaftler generell für ?allkompetent? halten. Was passieren kann, wenn sich umgekehrt Philosophen ohne grundlegende Kenntnisse der Naturwissenschaft auf eben dieses Gebiet begeben, kann man an dem Beispiel des von Ihnen erwähnten J. Habermas sehen. In seinem Essay ?Die Zukunft der menschlichen Natur? hat er sich über die Gentechnik ausgelassen und deren Auswirkungen angeprangert. Dazu schreibt ein Kritiker (Rezension bei Amazon.de) äußerst treffend: ?Dieses Essay ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie ein Intellektueller sich bemüht, uns allen die Zukunft zu verdunkeln. Der Text enthält keinerlei Tabelle, Formel oder graphische Darstellung und hat keinerlei Bezug zu aktueller Wissenschaft und ihren Möglichkeiten und Problemen. Dennoch glaubt der Verfasser, ohne irgendein spezielles fachliches Wissen über Genetik und Humangenetik, von einer erhabenen Position aus auf die menschlichen Ameisen herabblickend, ihnen vordenken zu können, was sie zu tun und zu lassen haben.? Wir müssen nicht Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft stärker voneinander trennen, sondern die vorhandene Trennung reduzieren. Nur so können wir die großen Fragen unserer Existenz lösen. Die Wirklichkeit, die von der Theologie vertreten wird, bietet dagegen ein jämmerliches Bild, denn sie wird immer weiter von den Naturwissenschaften zurückgedrängt. Die Nischen (es sind genau zwei: eine Quantentheorie der Gravitation und die besonderen Fähigkeiten unseres Gehirns), die die Naturwissenschaften derzeit noch für Spekulationen übrig lassen, werden immer weniger und kleiner und irgendwann werden sie womöglich ganz verschwinden und die Frage ?was ist der Mensch? wird spätestens dann beantwortet sein. Wenn Sie schon vorab eine weitreichende Antwort auf diese Frage haben möchten, so empfehle ich Ihnen das Buch ?Bauplan für eine Seele? von Dietrich Dörner. Angesichts des neuen Atheismus beklagen Sie, dass die Weltgesellschaft auf die Mindeststandards eines vernünftigen Argumentierens verzichtet. Wir sehen ein solches Argument als reinen Hohn an, da sie doch von einem Fürsprecher einer Religionsgemeinschaft kommt, die über Jahrhunderte hinweg vernünftig Denkende in Kerker gesperrt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat. Die Wirklichkeit der Theologie beruht eben nicht auf objektiven Fakten und der Vernunft, sondern auf reinem Wunschdenken. Dogmatismus ist in Beton gegossenes Wunschdenken. Spirituelle Erfahrungen, so zeigen neuere Ergebnisse der Hirnforschung, werden im Gehirn in einer bestimmten Region im Schläfenlappen des Großhirns erzeugt. Man kann sie inzwischen sogar über Hochfrequenzfelder oder Elektroden von außen erzeugen. Wer spirituelle Erfahrungen macht, hat nicht Zugang zu einer anderen Wirklichkeit. In Extremfällen muss man gar von einer Fehlfunktion des Gehirns sprechen. Sie schreiben: ?Gewiss, groß sein kann der Trost der Philosophie, auch beste Taten sind diesseits-humanistisch begründbar: aber eben immer nur im Einzelfall. Von der angemaßten Allerklärungskompetenz und der ,globalen Ethik? führt kein Pfad zum universalen Mitleid?. Das sehe ich etwas anders. Schopenhauer erkennt drei Grundtriebfedern des Menschen: Mitleid, Egoismus und Bosheit. Im Gegensatz zu Kant ist bei ihm die einzige Quelle moralischen Handelns und damit die Grundlage aller Ethik das Mitleid. In ?Die Welt als Wille und Vorstellung? schreibt Schopenhauer: Wir werden ... keinen Anstand nehmen, im geraden Widerspruch mit Kant, der alles wahrhaft Gute und alle Tugend allein für solche anerkennen will, wenn sie aus der abstrakten Reflexion und zwar dem Begriffe der Pflicht und des kategorischen Imperativs hervorgegangen ist, und der gefühltes Mitleid für Schwäche, keineswegs für Tugend erklärt ? im geraden Widerspruch mit Kant zu sagen: der bloße Begriff ist für die echte Tugend so unfruchtbar, wie für die echte Kunst: alle wahre und reine Liebe ist Mitleid. Dieser Ansatz ist recht gut mit dem heutigen Stand der Hirnforschung vereinbar (im Gegensatz zu Kants Philosophie der praktischen Vernunft, die den freien Willen unabdingbar voraussetzt). Aufgrund unseres Vorstellungsvermögens leiden wir mit Anderen mit und erlangen dadurch die Motivation das Leid abzuwenden. Das Mitleiden kann mit bildgebenden Verfahren auch nachgewiesen werden. Das Maß an Mitleid hängt unter anderem von den Genen, dem Hormonhaushalt und dem persönlichen Erfahrungsschatz ab. Das Mitleid geht dabei über den Einzelfall hinaus und kann durchaus als Grundlage einer universalen Ethik dienen. Die Grundlage der christlichen Ethik ist dagegen die Belohnung im Jenseits bzw. die Verdammung. Eine solche Ethik setzt auf niedrige Beweggründe. Sie schreiben, das entscheidende Merkmal der monotheistischen Religion sei der Glaube an einen absolut gerechten Herren, der über allen irdischen Herren steht. Wenn aber Gott allmächtig und gerecht ist, warum hat er dann am 26.12.2004 mit einem Tsunami 231 000 Menschen vernichtet? Wenn es Ihren Gott tatsächlich geben sollte, so muss er angesichts des Elends auf unserem Planeten entweder unfähig oder böswillig und ungerecht sein. Gewiss ist dieser Vorwurf der Theodizee für Sie nichts Neues. Das Problem wird seit Jahrhunderten heftig diskutiert. Von Seiten der Religionsvertreter hat man versucht, die Begriffe Allmacht und Übel zu relativieren oder gar den Menschen für alle Übel selbst verantwortlich zu machen. Wirklich überzeugend ist für rational Denkende aber nur eine Lösung des Widerspruchs: Es gibt den allmächtigen, absolut gerechten Gott gar nicht. Gott sei Dank, ich bin ein Atheist. |








